Abendland

Die vielfach ausgezeichnete Dokumentation „Abendland“ erzählt von Europa bei Nacht. In 21 unkommentierten Episoden beobachtet Nikolaus Geyrhalter die Nachtarbeiter, die Europas Gesundheitssysteme und Spaßtempel am Laufen halten, die innere Sicherheit und Rundumüberwachung gewährleisten und die Maschine Europa nach außen abschotten, während wir alle rundum behütet und beruhigt in unseren Betten liegen. Das Ergebnis ist ein faszinierendes und düsteres Panorama eines paranoiden und technokratischen Europa.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Österreich 2010
Regie und Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Schnitt und Dramaturgie: Wolfgang Widerhofer
Buch: Wolfgang Widerhofer, Nikolas Geyrhalter, Maria Arlamovsky
Länge: 90 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 22 Dezember 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Abendland“ zeigt 21 dokumentarische Episoden aus Europa. Die Sequenzen von 3 bis 10 Minuten Länge sind unvermittelt ohne Erzählerkommentar aneinander gereiht. Aufgenommen wurden sie alle nach Einbruch der Dunkelheit, viele von ihnen – das merkt man an der besonderen Stille, die von ihnen ausgeht – tief in der Nacht. Einige Orte, wie der Petersplatz in Rom, das Europäische Parlament oder die Anti-Atom-Demo im Wendland, sind sofort zu erkennen, andere, wie das Postsortierbüro in Langley, die Polizei-Schießanlage in Wittlich oder die Großraumdisko in Arnheim könnten irgendwo sein. Irgendwo in Europa.

Regisseur Nikolaus Geyrhalter und sein langjähriger Cutter Wolfgang Widerhofer zeichnen ein Panorama der Staatengemeinschaft als eiskalte, reibungslos funktionierende Maschine. Perfekt geölt im Innern und wehrhaft nach außen. Sie lassen ihren Film mit einer Infrarot-Kamera beginnen, die einsam und bedrohlich alles Lebendige an der slowakisch-ukrainischen Grenze aufspürt und sie beenden ihn am spanisch-marokkanischen Grenzzaun. Auch hier herrscht keine Regung außer der nächtlichen Patrouille. Dazwischen erzählen Szenen von der Überwachung im Innern, vom Polizeitraining in virtuellen Schießanlagen, riesigen Überwachungskameraanlagen in England und der seltsam höflichen, ritualisierten Räumung von Castor-Gegnern.

Ebenso glatt und perfektionistisch wie der Sicherheitsapparat erscheinen die zivilen Abläufe im Innern des europäischen Gebildes. Egal, ob der Film an wesentliche Traditionslinien Europas wie die christliche Kirche oder das europäische Parlament erinnert, oder ob er Stationen aus dem Kreislauf des Lebens abklappert – immer geht es darum, wie diese Bereiche mit atemberaubender Präzision organisiert und verwaltet werden. So wird das Thema Geburt von einer Frühchenstation repräsentiert, auf der die Nachtschwester ein winziges Baby betreut, das sicher in kaum einem anderen Erdteil Überlebenschancen hätte, und der Tod von einem hochmodernen Krematorium, in dem kein Stäubchen und kein Angehöriger die mechanische Ordnung des letzten Weges trübt.

In langen ruhigen Szenen, und weiten Einstellungen, die den Protagonisten viel Bewegungsraum lassen, beobachtet „Abendland“, wie tief in der Nacht die Postbeamten, Huren, Telefonseelsorger, Krankenschwestern und Polizeibeamten Europas hochkonzentriert und professionell die Maschine am Laufen halten. Dabei mischt sich die Gesellschaftskritik, die die Auswahl der Szenen nahelegt, mit einer ansteckenden Faszination für die ausgeklügelten Abläufe, die das privilegierte System Europa überhaupt erst ermöglichen.

Anstatt aus den gezeigten Situationen lediglich Stoff für eine Polemik zu ziehen, interessiert sich Geyrhalter wirklich für das, was seine Protagonisten tun, wenn sie arbeiten. Jede neue Situation zieht einen erneut in ihren Bann und erzählt von Berufen, Tätigkeiten und Geräten, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Nachdem die Hightech-Schießübungen beendet und die Polizisten nach Hause gegangen sind, fegt ein einsamer Nachtarbeiter mit einer speziellen bogenförmigen Schaufel in langen kreisenden Bewegungen die heruntergefallenen Patronenhülsen ein. Das ergibt ein eigentümliches Klacken, das laut in den verlassenen, neonbeleuchteten Räumen nachhallt.

„Abendland“ sieht und hört genau hin, sammelt die gesichtslosen Räume, in denen nicht repräsentiert, sondern gearbeitet wird, die ungewohnten technischen Geräusche, die mitten in der Nacht viel deutlicher zu hören sind, und die Lichtstimmungen der Dunkelheit. Damit ist „Abendland“ der sehr seltene Fall eines zutiefst politischen und zugleich sehr poetischen Films.

Hendrike Bake

Europa wird gemeinhin mit dem Abendland gleichgesetzt. Einst galt der Kontinent als die kulturelle Speerspitze der Welt. Ist er es heute noch – oder kann man inzwischen das Abendland vergessen?

Die Österreicher Nikolaus Geyrhalter und Wolfgang Widerhofer haben sich daran gemacht, diese Frage zu ergründen und eine Antwort zu finden. Eine gewisse Doppeldeutigkeit besteht dabei darin, dass nicht nur Europa, also das Abendland, gemeint ist, sondern dass der Film auch ausschließlich aus Abend- und Nachtaufnahmen besteht.

Es gibt in diesem Dokumentarfilm weder einen Kommentar noch eine feste, logische Ordnung. Das Konzept ist ebenso reizvoll wie riskant. Die Aufnahmen sind Spotlights auf die unterschiedlichsten Vorgänge und Situationen, seien sie erfreulicher oder unerfreulicher Art. Aber gerade das macht das Charakteristische des Films und dessen aus, was vorgeht in diesem industrialisierten, reichen, total durchorganisierten, überkontrollierten, in vielem seelenlos, übermütig und artifiziell gewordenen Teil der Welt.

Es geht von Vertreibung von 39 Roma-Familien irgendwo auf dem Balkan bis zu einer Rede des Papstes auf dem Petersplatz, vom Europäischen Parlament in Brüssel bis zum Münchner Oktoberfest mit seiner Stimmung und seinen Bierleichen, von einer Grazer Frühgeborenenstation bis zum tschechischen Erotik-Klub, von einer deutschen Polizei-Einsatztrainingsanlage bis zu den Protesten gegen die Castor-Transporte, von Londoner Straßen-Überwachungsstationen bis zu mächtigen Medienstudios, von der nächtlichen Arbeit in einem Berliner „Seniorenzentrum“ – eher als Hospiz zu betrachten – bis zu einer „Rückkehrberatung“ genannten Ausweisungsbehörde im schweizerischen Basel, von einer holländischen Hilfsstation für Selbstmordgefährdete bis zur Masseneinäscherung im Dresdener Krematorium, von den Flughäfen Wien und Frankfurt bis zu dem zu einer Festung ausgebauten spanisch-marokkanischen Grenzzaun.

Es ist gleichermaßen faszinierend und gespenstisch, was sich in diesem Europa so zuträgt. Man kommt unwillkürlich ins Grübeln. Ist diese materielle Perfektion für die menschliche Existenz notwendig? Hat irgendeine Gottesvorstellung da noch einen Platz? Und was ist mit den riesigen Teilen der Welt, denen es nicht so gut geht? Was ist mit Afrika, was mit Südamerika?

Aufschlussreich, unterhaltend auch, und ein gewisses Bewusstsein schaffend ist der Film „Abendland“ für die Menschen des Abendlandes auf jeden Fall.

Thomas Engel