Acid

Petya, Sasha und ihre Freunde wurden in eine Welt hineingeboren, die für sie nur wenig Positives bereithält: schlechte Zukunftsaussichten, ein ebenso autoritäres wie umstrittenes politisches System sowie zerrüttete Familienverhältnisse. Ihre Antwort darauf: Grenzüberschreitung und Exzess. Regie-Debütant Aleksander Gorchilin zeichnet in seinem pessimistischen Drama „Acid“ das düstere Porträt einer Generation zwischen Geltungsdrang, Perspektivlosigkeit und Selbstzerstörung.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2019
Regie & Drehbuch: Aleksander Gorchilin
Darsteller: Aleksandr Kuznetsov, Filipp Avdeyev, Evgeniya Sheveleva, Elena Morozova
Länge: 96 Minuten
Kinostart: 08.08.2019
Verleih: Salzgeber

FILMKRITIK:

Petya (Aleksandr Kuznetsov) und Sasha (Filipp Avdeyev) leben in Moskau sind eigentlich beste Freunde. Doch seit dem Suizid eines gemeinsamen Bekannten im Drogenrausch ist ihre Beziehung gestört. Sie gehören einer ziellos umherstreifenden Generation von Zwanzigjährigen an, die für sich selbst keine besonders rosige Zukunft sieht. Stattdessen geben  sich die jungen Erwachsenen Partys, Sex und Drogen hin, um ihrem eintönige Alltag zu entfliehen. Denn an adäquaten Vorbildern und Erwachsenen, die ihnen einen geordneten Alltag vorleben, mangelt es. Und obwohl Petya und Sasha in einer Art Parallelwelt existieren, versuchen sie sich doch mit Themen und Begriffen wie Familie, Freundschaft, Liebe und Zukunft auseinanderzusetzen.

„Acid“ ist der Regie-Erstling des russischen Schauspielers Aleksander Gorchilin. Der 27-Jährige gehört dem Ensemble des Moskauer Gogol-Centers an, dem führenden Avantgarde-Theater Russlands. Einige von Gorchilins Schauspielkollegen am Gogol-Center wirken in „Acid“ mit. Der Film lief auf der diesjährigen Berlinale und wurde zuletzt unter anderem auf dem Wiesbadener „GoEast“-Festival gezeigt. Dort erhielt Gorchilin den Hauptpreis für den besten Film.

Von Anfang bis Ende folgt der Filmemacher seiner verlorenen Generation der Millennials durch einen wahrhaft wilden, aufwühlenden filmischen Trip. Es ist das Porträt einer Gruppe letztlich zutiefst verzweifelter junger Menschen, denen nicht nur das Ziel sondern auch der Halt im Leben fehlt. Sie eint der Hass auf die rückständigen politischen Zustände in ihrer Heimat sowie die brüchigen familiären Verhältnisse. Fast alle sind sie ohne väterliche Bezugs- und Identifikationsfigur aufgewachsen. Besonders der insgeheim sensible und emotional fragile Sasha leidet darunter.

Wenn Gorchilin seine Twenty-Somethings in flirrenden, energetischen Bildern bei Mutproben, (Gruppen)-Sex, spontan abgehaltenen Rave-Nachmittagen und exzessiven Partys in dunklen, einzig von Strobolicht durchfluteten Clubs zeigt, wird auch klar: Die Gruppe um Petya und Sasha „leidet“ vor allem unter Langeweile. Petya formuliert diesen Umstand in einer Szene klug und reflektiert mit eigenen Worten etwas kryptisch, sagt aber damit allerdings genau das aus. Die Hauptdarsteller Aleksandr Kuznetsov und Filipp Avdeyev überzeugen, da sie die Wut, Leere und emotionale Achterbahnfahrt ihrer Figuren authentisch und mit Nachdruck vermitteln.

Klug ist zudem Gorchilins andeutungsreiches, allegorisch aufgeladenes Spiel mit der Substanz Acid, die dem Film den Namen gibt. Letztlich geht es nämlich nicht um die synthetische Droge, sondern die ätzende Flüssigkeit – und wie man diese nutzen kann, um gewissermaßen einzigartig und zu einem Kunstobjekt zu werden. Zwei Kritikpunkte gibt es: Die meisten der Nebenfiguren verkommen zu einer recht blassen, bedeutungslosen Staffage, für die man als Zuschauer kein Mitgefühl entwickelt. Und auf dramaturgischer sowie erzählerischer Seite lässt der Regisseur viele (inhaltliche) Lücken, die den Betrachter häufig fragend zurücklassen, da abschließende Antworten aus bleiben.

Björn Schneider