Agonie

Das kleine Österreich ist immer wieder für rigoroses Kino gut. In dieser düsteren Milieustudie geht es um zwei jungen Männern, die mit ihren Emotionen nicht ganz zurecht kommen. Der eine flüchtet in Kampfsport und zornige Rap-Gesänge. Der andere wirkt seltsam introvertiert – bis er seine neue Freundin im Bett ersticht und deren zerstückelten Körper in ganz Wien verteilt. Ein perfider Horrorfilm der unheimlichen Art, der auf der Berlinale als Geheimtipp gehandelt wurde. Haneke dürfte Gefallen an solchem Nachwuchs haben.

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D / Ö 2016
Regie: David Clay Diaz
Darsteller: Samuel Schneider, Alexander Srtschin, Alexandra Schmidt, Simon Hatzl
Filmlänge: 93 Minuten
Verleih: Zorro Film GmbH
Kinostart: 17. November 2016

FILMKRITIK:

„Du hättest auch in Deutschland studieren können, wenn du bessere Noten gehabt hättest!“ schimpft die Mama. Dass der introvertierte Sohn Christian nun eben sein Jura-Studium in Wien absolviert, ist eigentlich ein Luxus-Problem. Für die neue Freundin des 24-Jährigen wird es allerdings fatale Folgen haben. Die blitzenden Messer im Küchenregal sind eigentlich nichts besonders. Auch der Prüfungsstress vor dem Examen gehört zum Normalfall. Hinter der freundlichen Fassade des netten Studenten brodelt es jedoch gewaltig. Erst unmerklich, dann immer unheimlicher. Sein Seelenleben scheint wie das Popcorn, das Christian als Nebenjob in einem Kino zubereitet. Später, so verrät bereits der Vorspann, wird man die Teile einer zerstückelten Frauenleiche finden, die über die ganze Stadt verteilt sind.
 
In einer zweiten, parallel erzählten Geschichte geht es um 17-jährigen Alex, der gleichfalls etwas seltsam tickt. Seit seine Freundin den Wehrpflichtigen verlassen hat, steigern sich seine Aggressionen. Er brettert wild mit seinem Auto durch die Gegend. Reagiert sich mit Kick-Boxen ab. Oder lässt mit üblen Rap-Gesängen den Zorn über seiner Freundin aus. Als Alex bei der spielerischen Prügelei mit seinem besten Kumpel den Kampf verliert und dabei für einen kurzen Moment homoerotische Momente aufblitzen, wird die Wut des Teenagers nur noch massiver.  Grundlos provoziert er später Polizisten – es handelt sich um die Kollegen des eigenen Vaters, was die Pöbeleien als privaten Rachefeldzug erscheinen lässt.
 
Wer psychologische Erklärungen für das Handeln der Akteure oder deren Entwicklung sucht, wird in diesem perfiden Horrordrama enttäuscht. Der in Paraguay geborene und Wien aufgewachsene Jungfilmer David Clay Diaz verzichtet bei seiner düsteren Milieustudie bewusst auf die Motivsuche und bleibt bloßer Beobachter. Atmosphärisch dicht lässt er es vibrierend unter der Oberfläche brodeln. „Eine starke Metapher ist die buddhistische Parabel über fünf Blinde, die das ‚Wesen’ eines Elefanten herausfinden wollen, wobei jeder einen anderen Teil des Tieres untersucht und dabei kommen alle fünf zu fünf unterschiedlichen Ergebnissen“, kommentiert der Regisseur sein Konzept. Banale Psychogramme gibt es, gerade in diesem Genre, schließlich zu Genüge. Zudem provozieren die fehlenden Begründungen das Publikum zu eigenen Sinndeutung.
 
Mit dem Darsteller-Duo Samuel Schneider und Newcomer Alexander Srtschin (der noch nie vor einer Kamera stand) präsentieren sich leinwandpräsente Mimen, die ihren Figuren den notwendigen Energie-Kick geben. Während der stille Killer ganz dezent auf die leise Töne setzt, tobt der frustrierte Kick-Boxer seine Wut in Endlos-Schleife aus. Ohnmächtig wirken beide gleichermaßen. Fast schade, dass sie sich im Film nie begegnen.
 
Im Berlinale-Talentschuppen „Perspektiven Deutsches Kino“ sorgte Jung-Regisseur Diaz mit seinem rigorosen Drama für Furore. Umso beachtlicher, als dies noch gar nicht sein Abschlusswerk ist, sondern erst der Drittjahresfilm an der HFF München. Auf das nächste Projekt darf man gespannt sein.
 
Dieter Oßwald