Agora – Die Säulen des Himmels

Mutig lässt sich Alejandro Amenábar, das Wunderkind des spanischen Kinos ("The Others", "Das Meer in mir"), mit „Agora – Die Säulen des Himmel“ auf ein für ihn vollkommen neues Genre ein. Sein opulentes Historiendrama, vulgo Sandalenfilm aus der Spätantike, verstört zunächst durch den Blick auf den Siegeszug des Christentums als Ergebnis fundamentalistischer Pogrome. Doch Oscarpreisträgerin Rachel Weisz als selbstbewusste Philosophin und Mathematikerin Hypatia in der Hauptrolle verkörpert den tragischen Konflikt zwischen Wissenschaft, Religion und Weiblichkeit derart brillant, dass zum Schluss großes Gefühlkino entsteht.

Webseite: www.tobis.de

Spanien 2009
Regie: Alejandro Amenábar
Buch: Mateo Gil, Alejandro Amenábar
Kamera: Xavi Gimenez
Darsteller: : Rachel Weisz, Max Minghella, Oscar Isaac, Michael Lonsdale, Ashraf Barhom, Sami Samir, Rupert Evans, Richard Durden, Homayoun Ershadi, Manuel Cauchi
Länge: 128 Minuten
Verleih: Tobis Film
Kinostart: 3. März 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Alexandria, im Jahr 391 nach Christus. An der neuplatonischen Schule in der mächtigen altägyptischen Hafenstadt an der Mittelmeerküste lehrt die ebenso schöne wie kluge Hypatia (Rachel Weisz) Mathematik und Astrologie. Ihre Schüler, allen voran Oreste (Oscar Isaac) aber auch ihr Sklave Davus (Max Minghella) verehren die selbstbewusste Wissenschaftlerin. Beide lieben ihre Lehrmeisterin. Die männlichen Kollegen freilich beobachten die Tochter Theons (Michael Lonsdale), des Direktors der legendären Bibliothek Alexandrias, mit Argwohn. Nicht nur weil sie eine Frau ist, sondern auch weil die charismatische Lehrmeisterin äußerst moderne Theorien vertritt. Lange vor Kopernikus und Galileo erforscht die erste Astronomin der Menschheit leidenschaftlich das Sonnensystem.

Die Metropole des im Niedergang befindlichen Römischen Reichs ist jedoch zu dieser Zeit Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen. Christliche Eiferer kämpfen gegen nach ihrer Definition „heidnische Irrlehren“, zu denen sie auch die Wissenschaften und die hellenistisch geprägte Philosophie zählen. Sie plündern die weltgrößte Bibliothek des Altertums. Auch Davus schließt sich den fanatisierten Mönchen an. Aber wie viele sucht er nicht in erster Linie spirituelle Erlösung. Vielmehr erhofft sich der Sklave seine langersehnte Freiheit. Sein erster Versuch zu beten ist bezeichnend: Nicht fähig sich die Gebetsformel zu merken bittet er Gott mantrenhaft, seine Hypatia möge sich nicht in Orestes verlieben.

Sein Gebet wird scheinbar erhört. Denn auch Orestes wirbt umsonst um die freiheitsliebende Forscherin. Vor den Augen aller, gibt sie ihm lachend einen Korb. Jahre später, Orestes ist inzwischen zum Statthalter von Alexandria aufgestiegen und ihr in Freundschaft verbunden, gerät die bemerkenswerte Frau trotzdem zwischen die Fronten. Grund: Ihr Plädoyer zum Schutz der jüdischen Bevölkerung Alexandrias. Bischof Syrill (Sami Samir) spinnt gnadenlos eine perfide Intrige, die ihr zum Verhängnis wird. Selbst ihr Förderer und Gönner Orestes kann die Todgeweihte nach diesem Affront nicht mehr retten. Geopfert als Sinnbild weiblichen Freigeists vollendet Davus das ketzerische Werk patriarchaler Destruktivkräfte.

Dass ein epochales Mammutwerk wie „Ben Hur“, die Mutter aller Sandalenfilme nicht zu wiederholen ist, war Regisseur Alejandro Amenábar sicher klar. Dem Monumentalklassiker gelang damals ein Quantensprung. In den fünfziger und sechziger Jahren erlebte das Genre dann seine Goldene Epoche: Die Geschichten von Cleopatra, Spartacus und Co. füllten Kinosäle. Danach starb der Sandalenfilm. Erst im Jahr 2000 gelang Ridley Scott mit „Gladiator“ eine Wiederbelebung. „Troja", „Alexander der Große“, „Die Passion Christi“ und „Der Krieg der 300 Spartaner“ folgten. Jedoch, wie Alexander und Troja zeigten, sind Kinogänger heute weniger bereit als noch vor 50 Jahren ihre Stars in Toga zu erleben, ohne sie als lächerlich zu empfinden.

Daran scheitert das 37jährige spanische Allroundgenie mit chilenischen Wurzeln dank seiner brillanten Hauptdarstellerin Rachel Weisz allerdings nicht. Denn sobald sich der Zuschauer auf die außergewöhnliche Geschichte dieser starken Frau aus der Antike einlässt, entfaltet das opulente Historiendrama aus der Spätantike seine emotionale Sogkraft. Die Intensität mit der die 39jährige Britin den tragischen Konflikt ihrer Figur zwischen Wissenschaft, Religion und Weiblichkeit verkörpert, wirkt authentisch. In ihrem Kleid aus fließendem, Falten werfenden Damaszenerstoff umgibt die Schauspielerin, die für ihre Rolle in dem Politthriller „Der ewige Gärtner" mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, eine fast mystische Aura.

Dagegen irritieren anfangs die fantastisch computergenerierten, virtuellen Kamerabewegungen, die immer wieder kunstvoll von der Weite des Alls herunter auf die historische Metropole am Mittelmeer zoomen. Die durchaus in sich stimmigen Bilder beeindrucken zwar. Aber im Kontext des Films verwirren sie oft mehr als dass sie die Handlung vorantreiben. Letztendlich lohnt es sich aber diese Zeitreise zu unternehmen. Denn mit der Zerstörung der legendären Bibliothek Alexandrias verlor die Menschheit vor 1 600 Jahren für lange Zeit nicht nur eine tolerante interkulturelle Stätte der Begegnung für Gelehrte, Schüler und Wissenschaftler, sondern auch ihr „kollektives Gedächtnis“.

Luitgard Koch

Alejando Amenabar legte vor Jahren „Das Meer in mir“ vor, einen thematisch (Sterbehilfe) wichtigen und Oscar-prämierten Film. Also konnte man auch von „Agora“ etwas Besonderes erwarten. Und der Fall ist denn auch eingetreten.

Alexandria gegen Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus. Dort lebt die Astronomin und Mathematikerin Hypatia. Sie lehrt an der berühmten Bibliothek – die später leider mit unersetzlichen literarisch-philosophischen Schätzen in Flammen aufging.

Die Epoche: Die Antike neigt sich dem Ende zu, die griechisch-römische Welt geht langsam unter. Eine neue Ära taucht am Horizont auf, die des Christentums. Aber es ist wie immer im Vorfeld einer neuen Zeit: Gesellschaftliche Konvulsionen und Machtkämpfe bestimmen das Leben in der Schmelztiegel-Stadt. Ägypter, Römer, Christen und Juden kämpfen gegeneinander. Das meiste spielt sich auf der Agora ab, dem Marktplatz, der hier im übertragenen Sinne für das gesamte öffentliche Leben steht.

Hypatia ist eine historische Person. Eigene Schriften sind verloren gegangen, wir wissen aus Briefen ihrer Schüler, etwa des Synesius, von ihrem Leben. Sie, die Tochter des Bibliotheksleiters Theon, eine Frau in der Welt von Männern, war ein Freigeist, eine Idealistin, die für ihre Forschungen lebte, die ihr Denken dem Universum widmete, die darum privat wahrscheinlich allein blieb.

Dennoch wurde sie von ihren Schülern verehrt, vor allem von Orestes und ihrem eigenen Sklaven Davus(im Film eine fiktive Person).

Intellektualismus, Toleranz und die Verteidigung eigener Werte, scheinen zu jener Zeit nicht besonders geschätzt worden zu sein. Hypatia wurde denn auch von fanatischen, fundamentalistischen Parabolanos, Mitgliedern eines Mönchsordens, der sich vom Wohltäter zu einer gewalttätigen Truppe entwickelte, zu Tode gesteinigt.

Regisseur Amenabar wollte keinen Antikenschinken à la Hollywood der 50er, 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts drehen, sondern möglichst „authentisch“ sein, wenn man das von einem solchen Historienfilm überhaupt sagen kann. Immerhin, Experten wurden von den Filmemachern genügend konsultiert, und so entstand doch ein interessantes Zeitbild . . .

. . . vom Stadtmittelpunkt Agora; von der Sklaverei, in der Menschen wie Tiere bewertet wurden; von den Religionskämpfen, die zu Massakern ausarteten; von den turbulenten Straßen- und Massenszenen; vom Aufstieg des Christentums; von Davus, der Christ wurde; von Orestes, der später als Präfekt der Stadt amtierte; vom Bischof Cyril, der möglicherweise den Auftrag zum Mord an Hypatia gab; vom damaligen Architektur- und Stadtbild mit dem Weltwunder Pharos; von der Kleidung der einzelnen Bevölkerungsgruppen; von dem, was die Engländer zurecht „dark age“ nennen.

Dem allem gegenüber tritt eigentlich die Handlung, für die man Interesse mitbringen muss, deutlich in den Hintergrund.

Rachel Weisz spielt eine Hypatia, die eingängig ist. Ihr zur Seite stehen beispielsweise Michael Lonsdale oder Rupert Ewans, die im Wesentlichen gut agieren.

Thomas Engel