Ajami

Gleich zwei Filme aus Israel sorgen momentan für Wirbel auf den Filmfestivals: Zum einen „Lebanon“, der Venedig-Gewinner (ab Juni in Deutschland im Kino) und dieser Debütfilm von Scandar Copti und Yaron Shani, der in Cannes als bester Erstling ausgezeichnet wurde. Mit großer Ausgewogenheit und Authentizität erzählt er von der kaum zu durchbrechenden Spirale von Gewalt und Rache, die das Leben innerhalb der arabischen Israelis, ebenso wie das Verhältnis von Palästinensern und jüdischen Israelis bestimmt.

Webseite: www.ajami-film.de

Israel 2009, 120 Minuten
Regie, Drehbuch, Schnitt: Scandar Copti, Yaron Shani
Darsteller: Fouad Habash, Nisrine Rihan, Elias Saba, Youssef Sahwani, Abu George Shibli, Ibrahim Frege
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 11. März 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Angesiedelt ist „Ajami“ im gleichnamigen Stadtteil Jaffas, der vor allem von arabischen Israelis bewohnten Schwesternstadt Tel Avivs, der weitestgehend jüdischen Metropole am Mittelmeer. In fünf Kapiteln entfalten die jungen Regisseure Scandar Copti und Yaron Shani ein Figurenpanorama, das zwar verbunden ist, aber nicht auf jene ominös schicksalhafte Weise wie etwa die Figuren in einem vergleichbaren Film wie etwa „Babel“. Die unausweichlich wirkenden Konflikte, die scheinbar nicht zu durchbrechenden Muster von Gewalt, Rache und Gegenrache, die der Film schildert, wirken in keinem Moment wie ein künstliches dramatisches Konstrukt, sondern wie die pure Realität.

Es beginnt mit einem Mord: Von einem Motorrad tötet ein Vermummter einen Jungen. Der entpuppt sich jedoch als Verwechslungsopfer in einer Familienfehde, die ihren Ausweg nahm, als die stets vorhandenen Waffen wieder einmal zu schnell gezogen wurden. Nun soll Omar, das kaum 20jährige Familienoberhaupt dran glauben. Nur der Vermittlung durch eine altertümliche Clan-Versammlung ist zu verdanken, dass die verfeindete Familie für ein paar Tage still hält. Um den Konflikt aber endgültig aus der Welt zu schaffen, muss Omar zahlen. Und da die Jobs für arabische Israelis rar sind, beginnt das Unvermeidliche: Omar versucht mit kriminellen Methoden zu Geld zu kommen. Gleichzeitig versucht ein ruppiger israelischer Polizist seinen in den Palästinensergebieten verschleppten Bruder zu finden und lässt seine Wut an arabischen Israelis aus. Und schließlich ein junger Palästinenser, der illegal nach Jaffa kommt, um mit Hilfsarbeiten Geld für seine kranke Mutter zu verdienen.

Zwar sind alle Figuren des Films auf die ein oder andere Weise verbunden, forciert wirkt das jedoch in keinem Moment. Die filmischen Vorbilder von Scandar Copti und Yaron Shani sind zwar deutlich – von „Pulp Fiction“ über „Amores Perros“ bis „City of God“ – doch auch wenn sie sich im weitesten Sinne im Gangstergenre bewegen, schaffen sie es dennoch jeglicher Glorifizierung des kriminellen, wilden Lebens zu entsagen. Sie entfalten langsam ihr Figurengeflecht, bedienen sich bisweilen Sprüngen in der Zeitstruktur, bleiben stets neutral, zurückhaltend und entziehen sich jeglicher Wertung. So wirkt „Ajami“ wie eine filmische Bestandsaufnahme der Realität. Einer Welt, in der Misstrauen, Gewalt und Rache dominieren, in der lieber schnell zurück geschossen wird, als das Gesicht zu verlieren, in der es kaum eine Hoffnung auf eine Lösung gibt. Ein beeindruckend komplexer Debütfilm, dem man einen Erfolg an den Kinokassen nur Wünschen mag.

Michael Meyns

Ein Palästinenser und ein Israeli, die zu Freunden geworden sind, haben diesen Film gedreht. Sicherlich liegt auch ihnen ein baldiger Frieden im Nahen Osten am Herzen. Doch zunächst schildern sie einmal lebensecht und ziemlich akkurat, wie es in dem Gebiet zugeht.

Ajami, ein weitgehend von Palästinensern besiedeltes Stadtviertel von Tel Aviv; doch nicht nur Palästinenser wohnen dort.

Omar ist Muslim. Er hat wegen früher Vorgefallenem die Blutrache eines mächtigen Clans zu befürchten. Außerdem liebt er Hadir, eine Christin. Unmöglich. Durch die Vermittlung des einflussreichen Geschäftsmannes Abu Elias, Hadirs Vater, gelingt es ihm, vor einem arabischen Schiedsgericht gegen die Bezahlung einer großen Summe die Blutrache abzuwenden. Doch wie diesen Betrag auftreiben?

Viel Geld braucht auch Malek, denn seine Mutter ist schwerkrank. Die Operation ist kostspielig.

Binj ist durch seinen inzwischen verschwundenen Bruder zu Drogen gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Die Versuchung, Drogen zu genießen und mit ihnen zu handeln ist zwar groß, aber Binj „entsorgt“ dann aus Angst doch noch alles rechtzeitig. Trotzdem wird er heimgesucht und lebt nicht mehr lange.

Der jüdische Polizist Dando fahndet schon seit Wochen nach seinem vermissten Bruder. Dessen Leiche wird auf palästinensischem Gebiet gefunden. Der Schmerz der Familie und die Rachegedanken des Polizisten sind gleich groß.

Omar und Malek versuchen ihre Geldprobleme mit Rauschgifthandel zu lösen. Das kann nicht gut und vor allem nicht ohne Tote abgehen.

Die ständig über allem liegende Gespanntheit, die lauernde Gefahr, die Gegnerschaft zwischen den Clans und den Rassen, die Unüberwindbarkeit der religiösen Gegensätze, die Versöhnungsversuche und ihr teilweises Scheitern, die einer Liebe gesetzten künstlichen Grenzen, die Armut und Geldnot – das alles ist plausibel berichtet und dramaturgisch durch einen gekonnten Schnitt zusammengeführt, so dass diese Schicksale sich treffen und überschneiden.

Man wird als Zuschauer in das Geschehen hineingezogen und spürt wieder einmal, dass es noch lange dauern wird, bis endlich Frieden einkehrt. Zu groß ist die Kluft – und auch die Hoffnungslosigkeit.

Der Medienboard Berlin Brandenburg bewies eine gute Hand, als er hier mitförderte. Dass es für „Ajami“ bereits viele Preise gab, ist kein Wunder.

Thomas Engel