Albrecht Schnider – Was bleibt

Scheitern und Neuschaffung sind seit jeher Teil des künstlerischen Arbeitsprozesses von Albrecht Schnider. Der in Luzern geborene Maler und Zeichner, der seit 30 Jahren in international bekannten Galerien ausstellt, steht für ein spontanes, unverfälschtes Erzeugen von Kunst. Eine Art zu arbeiten, in der die Vernunft keine Rolle spielt – und die mitunter sehr kraft- und zeitraubend sein kann. Die einfühlsame, besonnen erzählte Doku „Albrecht Schnider – Was bleibt“ beobachtet den Künstler während einer neuen Schaffensphase und zeigt einen Mann, der an die Magie des Moments glaubt.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Schweiz  2019
Regie & Drehbuch: Rita Ziegler
Länge: 75 Minuten
Verleih: mindjazz Pictures
Kinostart: 16. Januar 2020

FILMKRITIK:

Albrecht Schnider war bereits an vielen Orten zu Hause. Aufgewachsen in den Schweizer Alpen zieht es ihn als Student nach Bern. Die Hauptstadt der Schweiz ist auch der Ort, an dem Schniders Werke in einer seiner ersten großen Ausstellungen gezeigt werden (Kunsthalle Bern). Nach einem Aufenthalt in einer kleinen Gemeinde in der Toskana, lebt Schnider eine Zeit lang in Rom. Dann folgen unter anderem Brüssel und Berlin. In Berlin arbeitet der heute 60-Jährige viele Jahre in seinem Kunstatelier, in das die Filmemacherin Rita Ziegler etwa 2015 erstmals Zutritt erhält. Daraus wurde schließlich eine lange Zeit: Insgesamt drei Jahre begleitete sie Schnider in seinem Alltag und bei seiner Arbeit.

Das Ergebnis dieser intimen Beobachtungen zeigt die Langzeit-Doku „Was bleibt“. Auffallend ist, dass Ziegler von Beginn an sehr behutsam agiert und sich mit ihrer Kamera zurückhält. Als stille Beobachterin des Geschehens in Schniders Künstlerwerkstatt rückt sie den Schaffensprozess in den Mittelpunkt. In den ersten Minuten des Films ist zu sehen, wie sich Schnider auf kleinformatige Pinsel-Etüden konzentriert. Akribisch sucht er nach der richtigen Form und dem passenden Ausdruck, der sich jedoch nicht einstellen will. Unverfälscht und ganz unmittelbar lässt Schnider seinen Emotionen sowie Gedanken freien Lauf und überträgt diese auf das Bild. Ein langsames und feinsinniges Arbeiten.

Diese Herangehensweise sorgt dafür, dass der Künstler das Gemalte kritisch betrachtet, Ideen verwirft, mutige Wege der Umsetzung sucht und stets neu ansetzen muss, da er das Meiste am Ende doch wieder übermalt oder zerstört. Doch dann,  nach Wochen des unzensierten Ausdrucks seiner Gefühle,  findet er endlich sein Motiv. Mit leuchtenden Augen und freudestrahlendem Gesicht wendet er sich Ziegler zu, die den Maler während der ganzen Zeit über die Schulter blicken durfte. Dieser magische Moment der Erlösung gehört zu den stärksten Szenen des Films. Nicht nur deshalb, weil sie besonders emotional ist. Sondern ebenso weil es Schniders Credo und Arbeitsweise konsequent auf den Punkt bringt.

Denn es geht Schnider, der einst mit großformatigen Acrylbildern bekannt wurde, letztlich um die Macht des Augenblicks. Um den unerklärlichen, fast übersinnlichen Zeitpunkt der Eingebung und des „Bildmoments“. „Was bleibt“ zeigt, dass sich dieser nicht erzwingen lässt und es mitunter Wochen oder sogar Monate dauern kann, bis konzentriert zu Werke gehende Perfektionen wie Schnider an ihr Ziel gelangen. Auch wenn dieses Ziel letztlich „nur“ für einen Pinselstrich oder eine unscheinbar wirkende Skizze steht.

Woraus bezieht er seine Motivation und was treibt ihn an? Woher nimmt er seine Akribie und Geduld? Was gibt ihm Kraft? Diesen Fragen versucht Ziegler auf den Grund zu gehen, in dem sie Schnider ebenso abseits des Ateliers beobachtet. Und sie findet Antworten. Etwa wenn sie ihn in die Berner Hochschule der Künste begleitet und ihn bei der Arbeit mit seinen Studenten zeigt. Schnider tritt dort als geduldiger, klug reflektierender Mentor auf und lässt die jungen Menschen an seinem eigenen, reichhaltigen Erfahrungsschatz teilhaben. Oder wenn es für den Künstler zurück in die Heimat geht, in die ländliche Schweizer Gemeinde Sörenberg. Dort, in der Idylle und Abgeschiedenheit, findet und genießt er all die Dinge, die ihn schon als Kind faszinierten: die überwältigende Natur und die Stille der Umgebung. In sehr persönlichen Gesprächen fasst Schnider zudem punktgenau und gekonnt selbst in Worte, wieso er die Vertrautheit und entschleunigte Stimmung innerhalb seines Ateliers so sehr braucht.

Björn Schneider