Alle Farben des Lebens

Klassisches amerikanisches Wohlfühlkino ist Gaby Dellals „Alle Farben des Lebens“, der sich dem Thema Transsexualität annimmt. Das tolle Schauspielerinnenensemble um Elle Fanning, Naomi Watts und Susan Sarandon macht es dabei leichter, über eine Geschichte hinwegzusehen, in der ein an sich relevantes Thema mit etwas zu wenig Ecken und Kanten erzählt wird.

Webseite: www.AlleFarbenDesLebens.de

Three Generations aka About Ray
USA 2015
Regie: Gaby Dellal
Buch: Nikole Beckwith, Gaby Dellal
Darsteller: Elle Fanning, Naomi Watts, Susan Sarandon, Linda Emons, Tate Donovan, Sam Trammell
Länge: 93 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 8. Dezember 2016

FILMKRITIK:

Als Ramona wurde sie einst geboren, doch längst fühlt sie sich als er. Ray (Elle Fanning) nennt sich das inzwischen 16jährige Kind von Maggie (Naomi Watts), trägt die Haare kurz und plant nun den nächsten Schritt: Eine geschlechtsangleichende Hormontherapie will Ray so bald wie möglich beginnen, doch dafür braucht er die Zustimmung seiner Eltern. Seine Mutter Maggie hat die Entscheidung ihres Kindes inzwischen schweren Herzens akzeptiert, bleibt nur noch der Vater Craig (Tate Donovan).
 
Doch zu dem hat Maggie längst keinen Kontakt mehr, seit das Paar sich vor vielen Jahren im Streit trennte. Um Rays Willen versucht Maggie nun über ihren Schatten zu springen, sucht Craig auf und konfrontiert sich selbst mit ihrer Vergangenheit. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Mutter Dolly (Susan Sarandon), die mit ihrer Lebensgefährtin Frances (Linda Emons) die Geschehnisse des über drei Generationen reichenden Familienclans beobachtet. 
 
Ursprünglich hieß Gaby Dellals Film einmal „About Ray“, ein etwas irreführender Titel, der inzwischen durch den passenderen „Three Generations“ ersetzt wurde, woraus der deutsche Verleih den arg beliebigen „Alle Farbe des Lebens“ gemacht hat. Diese vielfach wechselnden Titel verraten etwas von der Schwierigkeit, einem Film gerecht zu werden, der nichts Halbes und nichts Ganzes ist.
 
Interessantester Aspekt ist eigentlich die Transgender-Geschichte, ein Thema, dass in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Präsenz in der amerikanischen Populärkultur bekommen hat. Von der Fernsehserie „Transparent“ über Spielfilme wie „The Danish Girl“, bis zur Popularität von Caitlyn Jenner reicht die Bandbreite, die inzwischen sogar zur Besetzung von Transgender-Rollen mit Transgender-Personen geführt hat. In „Alle Farben des Lebens“ ist es jedoch Elle Fanning, die in die Rolle eines Jungen im Körper eines Mädchens schlüpft, doch wirkliche Kämpfe gibt es nicht zu bestreiten.
 
So liberal ist das hier imaginierte New York, so tolerant ihre Umwelt, dass Ray praktisch ohne Probleme oder Diskriminierungen zu leben scheint und natürlich auch von ihrer lesbischen Großmutter akzeptiert wird. Da dieser Aspekt dramaturgisch also weitestgehend verschenkt wird, fokussiert sich der Blick auf Maggie und ihre lange zurückliegenden Beziehungsprobleme. Diese entpuppen sich allerdings bald ebenfalls als wenig bemerkenswert, die Wohlfühlzone wird auch hier nie wirklich verlassen.

Als Drama über die Schwierigkeiten als transsexueller Mensch zu leben kann „Alle Farben des Lebens“ nicht überzeugen, schon eher als entspanntes Plädoyer für alle erdenklichen Lebensformen. Das ist zwar nicht unbedingt bahnbrechend, doch gerade Sarandon und Emons strahlen eine entspannte Gelassenheit aus, die auf angenehme Weise zu empfehlen scheint, nicht alle scheinbaren Probleme so ernst zu nehmen und sein Leben einfach so zu leben, wie es beliebt.
 
Michael Meyns