Allegro Pastell

„Germany’s Next Lovestory“ verspricht das Poster augenzwinkernd. Erzählt wird von Autorin Tanja und Webdesigner Jerome, beide Anfang 30, die es sich gemütlich in ihrer Fernbeziehung eingerichtet haben. Just an ihrem Geburtstag jedoch bekommt die junge Frau Zweifel, ob sie nicht mehr möchte von ihrer Liebe und ihrem Leben. Jannis Niewöhner präsentiert sich mit lässiger Leinwandpräsenz einmal mehr als einer der talentiertesten Schauspieler seiner Generation. Dasselbe gilt für Luna Wedler, die hier allerdings nur eine Nebenrolle spielt. Pointierte Dialoge avancieren zum Pluspunkt dieser angenehm lässigen Lovestory im glühenden Jahrhundertsommer 2018.

 

Über den Film

Originaltitel

Allegro Pastell

Deutscher Titel

Allegro Pastell

Produktionsland

DEU

Filmdauer

100 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Roller, Anna

Verleih

DCM Film Distribution GmbH

Starttermin

16.04.2026

 

„Eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur seit Christian Krachts ‚Faserland’“ schwärmte „Die Zeit“ über den Roman von Leif Randt, der auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat. Sein Sprachgefühl wird gleich mit den ersten Dialogen spürbar, das Pärchen-Palaver im Bett klingt so: „Wie geht es dir?“ – „Ich glaub mir geht’s sehr gut. Und dir?“ – „Ich frag mich, ob es mir schon mal besser ging!“. Die SMS lesen sich ähnlich schwärmerisch: „Gerade kann ich mir nichts viel Besseres vorstellen, als mit dir im Bord-Bistro Maultaschen zu essen“. Das Bord-Bistro taucht auf, weil Romanautorin Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Webdesigner Jerome Daimler (Jannis Niewöhner) eine vermeintlich ideale Fernbeziehung führen, die mit regelmäßigem Bahnfahren überbrückt wird. Tanja lebt in Berlin, der Freund im geerbten Bungalow im hessischen Maintal.

Vorauseilende Wehmut – Bester Zustand wird das ersten Kapitel überschrieben. Erste Krisenwölkchen ziehen in der Ferne am Fernbeziehungshimmel auf. Selbstzweifel drücken die Stimmung. „Stell dir vor, du bist Mitte 30 und du willst immer noch keine Kinder“, hadert Tanja. „Ich glaube das ist Erwachsenwerden: Weniger Rausch. Mehr Dauerausstellung“, jammert Jerome den wilden Zeiten hinterher. Spott und Häme steigern kurzzeitig das Selbstwertgefühl: „Queere Dads in überteuerten Schuhen. Berlin 2018!“, lästert er über Passanten. Bei der Freundin kommt solch krampfhafte Komik kaum gut an. Auch jene neue Website, die sie zum 33. Geburtstag von Jerome geschenkt bekommt, sorgt für weniger Freudentaumel als erwartet. Während der Feier mit Freunden steigt die schlechte Stimmung rapide an. „Freut mich, dass du eine gute Zeit hattest. Für mich war der Abend leider anstrengend“, erklärt das Geburtstagskind am Morgen danach ihrem Freund. Die hübsche Fassade der Beziehungsidylle bröckelt rapide.

Einige spirituelle Lehren sagen, dass aller Schmerz letztendlich eine Illusion ist. Und das ist wahr, läutet das zweite Kapitel die kommenden Krisen ein. Während Jerome sich in Maintal zunehmend auf esoterische Einkehr konzentriert und an einer spirituellen Website bastelt, tröstet sich Tanja in Berlin mit Jannis, einem jungen Vater, der in einer offenen Beziehung lebt. Ihre beste Freundin findet das jetzt nicht ganz so arg prickelnd und sie hat ganz gute Gründe dafür. Die Begegnung mit seinem alten Schwarm aus Schulzeiten lässt freilich auch bei Jerome das Treuepunktekonto rasant schmelzen.

We can make it better, sometime gibt sich die dritte Kapitelüberschrift optimistisch. Bei einem lange geplanten Besuch der Hochzeit eines Freundes, kommt sich das im Streit auseinander gegangene Pärchen wieder näher, feiert die Versöhnung mit ein bisschen Ecstasy. Zum Wermutstropfen wird derweil Sarah (Luna Wedler), die drogensüchtige Schwester von Tanja, deren Prognose sich alles andere als gut erweist. Für die Beziehung steht die Zukunft trotz kurzzeitiger Versöhnung gleichfalls in den Sternen.

„Germany’s Next Lovestory“ verspricht das Poster augenzwinkernd. Der Titel ist programmatisch: „Allegro“ steht für ein lebhaftes/fröhliches Tempo, „Pastell“ beschreibt zarte, weiche Farbtöne. In Kombination heißt das, eine oberflächlich unbeschwerte, gleichwohl distanzierte Atmosphäre. Jede Lovestory steht und fällt damit, ob die Chemie zwischen den Pärchen stimmt. Bei Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner ist das spürbar der Fall. Vom Mädchenschwarm-Image aus der „Rubinrot“-Trilogie hat sich der 33-Jährige längst freigespielt mit ambitionierten Rollen in „Jugend ohne Gott“, „Narziss und Goldmund“ oder dem NS-Drama „Stella“. Wie zuletzt im Publikumserfolg „22 Bahnen“ zeigt er freilich auch hier freizügig seinen Sixpack, was Regisseurin Anna Roller für allerlei sinnliche Szenen zu nutzen weiß. Seine „22 Bahnen“-Partnerin, die aktuell sehr angesagte Luna Wedler, spielt als suchtkranke Schwester von Tanja diesmal leider nur eine Nebenrolle. Das macht sie gut, aber mehr Leinwandzeit hätte man der Venedig-Gewinnerin für „Silent Friend“ allemal gewünscht.

In Sachen Dialoge kann das Beziehungsdrama der hyperreflektierten Millennials souverän punkten. Da zahlt sich aus, dass der Romanautor das Drehbuch selbst verfasst hat. Visuell kann sich das Zweitlingswerk durchaus sehen lassen. Die Berlinale-Einladung ist ein gelungener Karriere-Kick für Regisseurin Anna Roller, nachdem sie ihr Debüt „Dead Girls Dancing“ bereits auf dem Tribeca-Film Festival, bei den Festivals von München und Zürich präsentieren durfte. Die selbstgestellte Aufgabe für diese Adaption beschreibt die Filmemacherin so: „Diese Spannung einer kühlen, zurückhaltenden Erzählweise zu bewahren, die einen dennoch dazu bringt, über das Ende der Liebe weinen zu wollen.“ Die Lässigkeit des Stils dürfte beim Arthaus-Publikum wohl Funken schlagen.

 

Dieter Oßwald

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