Alles inklusive

Die Filme von Doris Dörrie sind wie die berühmte Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was man bekommt. Eines ist jedoch relativ sicher: Es wird immer cineastisches Konfekt der köstlichen Art geboten – unterhaltsame Erleuchtung garantiert! Mit „Alles inklusive“ verfilmte Doris Dörrie ihren eigenen Roman, eine clever gestrickte Komödie um die Liebesnöte einer tapsig sympathischen Heldin sowie die Lebenslust ihrer Hippie-Mutter, die sich in einer spanischen Touristen-Hochburg von ihrer Hüftoperation erholt und dabei über ihre Vergangenheit stolpert. Bestes Schauspielfutter für eine in Hochform glänzende Hannelore Elsner und die nicht minder überzeugende Nadja Uhl – denen eine putzige französische Bulldogge freilich fast die Show stiehlt. Ein lässig vergnügliches Lustspiel mit bewährtem Dörrie-Touch!

Webseite: www.allesinklusive-film.de

Deutschland 2014
Regie: Doris Dörrie
Darsteller: Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Hinnerk Schönemann, Axel Prahl, Robert Stadlober
Filmlänge: 109 Minuten
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 6. März 2014

FILMKRITIK:

„Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“, diese tierische Liebeserklärung von Loriot gilt auch für französische Bulldoggen. Zumindest im Fall von Apple, jener tapsigen Hauptfigur, die nicht nur unter dem durchgeknallten Vornamen leidet, auf den sie ihre Hippie-Mutter einst getauft hat. Den chronischen Liebesfrust beichtet die junge Singlefrau regelmäßig ihrem geduldigen Hündchen, das nicht umsonst auf den Namen „Dr. Sigmund Freud“ hört. Als das Tier erlahmt, hilft nur eine teure Hüftoperation. Da sich der flotte Tierarzt nicht nur für Freud, sondern auch für dessen attraktives Frauchen interessiert, eröffnen sich alsbald überraschende Flirt-Möglichkeiten. Pech nur, dass Apple ihr erstes Date mit dem feschen Doktor wieder einmal durch endloses Quasseln über ihre Ex-Männer hochgradig gefährdet. Das anschließende Gejammer muss sich, wie so oft, der eselsgeduldige vierbeinige Freud anhören. Weglaufen kann er nicht, durch die neuen Hüften ist das gemächliche Tier noch träger als je zuvor. Apples Mutter, gleichfalls mit neuer Hüfte gesegnet, schlägt sich derweil wacker auf ihren Krücken im sonnigen Spanien. Statt teurer Reha erholt sich Ingrid alternativ beim kostengünstigen „All Inclusiv“-Urlaub für 290 Euro in einer Touristen-Hochburg. Aus alten Hippie-Tagen hat sie nostalgische Erinnerungen an Torremolinos. Wo sich heute die Massen drängen, frönte sie vor drei Jahrzehnten am einsamen Strand barbusig der freien Liebe. Die amouröse Vergangenheit holt Ingrid ein, als der junge Travestiekünstler des Hotels sich als Sohn eines Freundes aus alten Zeiten zu erkennen gibt und allerlei Geheimnisse andeutet. Mit Ankunft der liebeskranken Apple samt lendenlahmer Bulldogge in Mutters Urlaubsdomizil gerät das emotionale Chaos-Karussell schließlich so richtig in Schwung.  
 
Nicht nur wegen der spanischen Kulisse erinnert das Ausmaß melodramatischer Turbulenzen an Pedro Almodóvar, auch mit ihren schrägen Figuren sowie dem sprudelnden Ideenreichtum erweist sich Doris Dörrie diesmal als kreative Seelenverwandte des spanischen Meisterregisseurs. Sei es mit einer situationskomischen Abrechnung mit schicken Sado-Maso-Trends. Oder jener umwerfend ulkigen Sex-Szene von Hannelore Elsner und Axel Prahl, die von orgiastischen Gitarren-Einlagen befeuert wird. Last not least gibt es einen etwas ungewöhnlichen Suizid-Versuch am Pool, der zur Erlösung der ganz besonderen Art führt.
 
Bei aller lässig leichten Komik bleibt durchaus Raum für Gesellschaftskritisches. Da landet etwa ein Boot mit afrikanischen Flüchtlingen am Strand und zwingt Hippie Ingrid zum spontanen Handeln. Oder eine bayerische Maklerin führt mit fröhlichem Sarkasmus die Folgen der spanischen Immobilien-Blase vor – auch das gehört schließlich zum „Alles inklusive“ im vermeintlichen Ferienparadies. Fast traditionell werden soziale Missstände von Doris Dörrie, gleichsam nebenbei, mit leichtem Federstrich skizziert. Und wie üblich überzeugt die Erfolgsregisseurin mit einer erfrischenden Erzählform jenseits gängiger Fastfood-Dramaturgie. Wie in einem Kaleidoskop wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven präsentiert und spielt in unterschiedlichen Zeiten. Ein kleines Geheimnis hier, eine große Überraschung dort. Dennoch wirkt diese ambitionierte Story-Konstruktion dank cleverem Timing nie kompliziert, sondern bleibt stets kurzweilig.
 
Als Sahnehäubchen erweist sich einmal mehr das exzellente Ensemble. Die deutsche „grande dame“ Hannelore Elsner in einer augenzwinkernd frivolen Sex-Szene? Wer hätte das gedacht! „Tatort“-Liebling Axel Prahl als berlinernder Pool-Gigolo in viel zu kleiner Badehose mit großem Herz? Na Bravo! Nadja Uhl als charmantes Schusselchen? Da leidet man doch gern mit! Diese Figuren segeln stets hart am Klischee, sie schmieren jedoch nie ab, sondern behalten ihre liebeswerte Würde. So sehr diese glänzenden Akteure sichtlich vergnügt und entspannt dem Affen Zucker geben, haben sie letztlich freilich kaum Chancen gegen ihre vierbeinigen Kollegin. Die französische Bulldogge namens Chica alias Sigmund Freud entpuppt sich als Kinostar, dessen putzige Charme-Offensive das eherne Hunde-Dogma des großen Loriot regelrecht gemopst hat.  
 
Dieter Oßwald

DORIS DÖRRIE IM CONSTANTIN-FILM-INTERIVEW ZU "ALLES INKLUSIVE":

Als Sie den Roman geschrieben haben, haben Sie da gleich gedacht, das verfilme ich?

Nein, ich schreibe nie einen Roman auf seine Verfilmung hin. Aber die Schicksale und Geschichten der Figuren sind immer plastischer geworden und haben mich weiter begleitet, und irgendwann hatte ich das Gefühl: die wollen zum Film.

Sie haben ja in Torremolinos gedreht, wie war das?

Ich wollte mich mit Absicht so wie bei „Hanami“ und bei „Glück“ und bei „Erleuchtung garantiert“ mitten ins reale Getümmel werfen mit der Kamera, um den Atem des Echten, den man nicht simulieren kann, zu bekommen, d.h., dass wir tatsächlich auch mit unseren Stars wie Hannelore Elsner und Axel Prahl in ein ganz normales All Inc.-Hotel gegangen sind. Aus rechtlichen Gründen haben wir zwar auf uns aufmerksam machen müssen, aber niemand hatte etwas dagegen, in einem Film aufzutauchen.

Da gibt es die Szene mit dem afrikanischen Flüchtling, Das ist eine relativ kurze Episode. Warum haben Sie das nur so kurz angetippt?

Insgesamt ist es episodisch erzählt, und das ist eine Episode von vielen, die aber an der spanischen Küste sehr oft geschieht. Das Nebeneinander von Tourismus und Flucht ist das Frappierende daran, ohne dass jemals ein Kontakt entsteht. Das Besondere ist hier, dass Ingrid ihm hilft. Das ist auch ihre Hippie-Vergangenheit, dass sie diese Herausforderung annimmt und hilft. Wenigstens diese eine Nacht lang.

Hätte ihre Tochter, mit dem bezeichnenden Namen Apple, das nicht getan?
Nein, die Tochter hätte zu viel Angst vor Vorschriften und möglichen Komplikationen gehabt. Das ist der Unterschied zwischen dieser Hippie-Frau, der man Vieles vorwerfen kann, die aber doch auch immer noch in solchen Situationen spontan reagiert, und da ist es dann auch mal sehr gut.

Diese Tochter ist ja eher so ein verklemmter Typ. Ist das so ein Abbild einer bestimmten Generation in Deutschland?

Die Tochter ist sehr verschüchtert, hat Angst vor der Zukunft und möchte gerne Sicherheit. Viele Kinder von Hippie-Eltern sagen, dass sie diese Sicherheit sehr stark brauchen, weil ihre Kindheit eben immer sehr unsicher war. Sie wussten nie so recht, was weiter passiert. Und das ist sicherlich hier auch das Problem, dass Apple immer Angst hatte um ihre Mutter, und dass sie sich um die Mutter kümmern musste, als Kind schon. Der Fürsorgepflicht der Eltern sind die Hippies oft wirklich nicht zuverlässig nachgekommen. Das kann man sehr wohl Ingrid auch vorwerfen.

Weil sie die Kinder nicht als Kinder begriffen hat, sondern als Freunde?

Ja, das war die Idee, dass Kinder Menschen sind und man nicht unterscheidet zwischen Erwachsenen und Kindern und dass man sie partnerschaftlich behandelt und demokratisch. Das war als Idee nach einer faschistisch autoritären Zeit verständlich und in vielem richtig und gut, aber auch oft zu extrem, und das hat vielen Kindern gar nicht gutgetan.

Die Apple gerät aber vom Regen in die Traufe, also erst war sie bei der Hippie-Mutter und jetzt gerät sie ständig an die falschen Männer, die sie ausbeuten oder Dinge von ihr wollen, die sich nicht will, z.B. Sado-Masosexspielchen.

Man bekommt ja inzwischen in jeder Frauenzeitschrift Tipps für Sado-Maso-Praktiken, ganz so, als sollte jeder sie können und auch mögen. Alles andere ist uncool, aber natürlich eine weitere Überforderung, und Apple hat mal wieder das Gefühl, zu versagen. Das ist eine seltsame Umkehr der Hippiezeit, wo es viel Sex gab, aber relativ wenig Sexiness. Heute sind wir „oversexed and underfucked“.

Wer ist die Figur von Tina, dem Transvestiten, dessen deutschen Vater inzwischen im Altersheim in Spanien lebt?

Tina/Tim ist ein weiteres Opfer der Zeit von damals. Sein Vater, ein braver Bürger, hatte sich in die Hippiefrau verknallt, und vor Verzweiflung darüber hat Tinas Mutter Selbstmord begangen. Wie Apple ist Tina gefangen in der Vergangenheit und sie können nur schwer ihre Opferrolle aufgeben. Gleichzeitig ist Tina auch Opfer der All Inc.-Szene, denn er tritt dort in armseligen Playbackshows auf und singt deutsche Schlager. Das findet tatsächlich genauso in all diesen Hotels abends statt.

Und hatte Hinnerk Schönemann, der ja sonst ein sehr männlicher Typ ist, Schwierigkeiten mit dieser Rolle?

Ihm ist es anfangs schwer gefallen. Er musste sehr stark über seinen Schatten springen, erzählt das auch bereitwillig, wie schwer das für ihn war. Nicht nur eine Frau zu sein, sondern auch vor normalem Publikum aufzutreten, das gar nicht so recht kapiert hat, dass er eine Filmrolle spielt. Das war für ihn ganz schwierig, und er hat aber auch gesagt, er wäre komplett befreit durch diese Rolle. Er könne jetzt alles spielen, weil er das gespielt hat.

In dem Film gibt es ja immer wieder Momente, wo der Film aus so einer realistischen Ebene in eine Überhöhung geht. Da gibt es diese Szene, wo Hannelore Elsner auf Axel Prahl sitzt und Gitarre spielt. Dann gibt es diese Maklerin …es gibt immer wieder Momente, wo Sie die Realität brechen.

Für mich ist das Realität. Normalität ist eine reine Behauptung. Wenn man genauer hinschaut, wird man feststellen, dass der alltägliche Wahnsinn jede Überhöhung, wie Sie sie nennen, spielend übertrifft. Aber in der genauen Beobachtung und auch in der Nähe zu den Figuren bekommt jede zumindest eine Chance, sich in all ihrer Schrägheit letzten Endes menschlich zu zeigen. So wird aus dem Proll Helmut ein rührender Mann, aus der abgebrühten alten Hippiefrau jemand mit Mitgefühl und aus der verklemmten Tochter ein Mensch, der sich traut, ebenso wie Tina/Tim es tut. Das ist eine Entwicklung, die nur stattfinden kann, wenn man den Figuren den Platz dafür gibt und auch eine Komplexität zutraut.
Hannelore Elsner, die auf Axel Prahl „House of the Rising Sun“ spielt, ist im Übrigen eine Hommage an den Film von Oshima, „Reich der Sinne“: Heute ist er realiter im All Inc.-Hotel angekommen, darf aber immer noch nicht in Japan in Kino gezeigt werden.

Der ganze Film hat eine komplexe Struktur, weil er aus verschiedenen Blickpunkten erzählt ist, sich dann aber auch noch in der Zeit bewegt. War das sehr schwer zu schreiben und zu schneiden?

Nein, zu schreiben war es nicht schwer, weil man in einem Satz sehr leicht in den Zeiten springen kann. Mein großes Glück ist, ist dass meine Königin des Schnitts Inez Regnier, diesen Film geschnitten hat und extra dafür aus ihrer Pensionierung zurückgekommen ist. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür, weil sie mich wirklich versteht, meinen Rhythmus, meinen Blick und meinen tiefen Glauben daran, dass das sogenannte Schräge das Normale ist.

Sie sprechen immer wieder von der Möglichkeit der Öffnung, der Veränderung, der Bewegung …

Ja, ich möchte nicht Geschichten erzählen, die in einer Starre verharren oder nur Erstarrung beschreiben. Ich bin da vielleicht auch ein hoffnungsloser Optimist, aber das ist auch meine Erfahrung, dass es immer wieder die Möglichkeit zu Kontakt und damit zu Bewegung gibt. Ohne das würde ich mich erschießen … das ist ein Moment des Glücks.

Der Moment des Glücks, wo man mit Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt, eine Gemeinsamkeit erfährt?

Genau. Aber auch mit den Menschen, die man zu glauben kennt. – Ich bin jetzt nicht ein Fan der filmischen Erlösung wie in dem Modell der Heldenreise. Aber eine Transformation, die vielleicht nur bedeutet, dass man sich löst, dass man sich öffnet. Mehr ist es meistens gar nicht.

Kleiner Schritt…

Ja, aber diese kleine Öffnung kann ein sehr großer Schritt sein, das kommt ja darauf an, wen es betrifft. Also für Apple ist es ein sehr großer Schritt, für Ingrid ein eher kleiner Schritt. Uns zu trennen vom anderen, zu isolieren, abzuschließen ist unser Reflex, aber uns dem anderen zu öffnen eigentlich immer die bessere Idee.

Aber es braucht dafür immer einen Schubs…

Ja, und natürlich auch Vertrauen. Schlechte Erfahrungen, Gewalterfahrungen, sprechen dagegen, sich dem anderen zu öffnen, aber am Ende ist es unsere einzige Chance.

Ihre Figuren erinnern mitunter an Fassbinder…

Ich verehre Fassbinder, aber er wollte seine Figuren nicht retten. Er lässt sie brutal scheitern. Ich glaube tatsächlich an die Rettung im Moment. Am Ende kommen wir alle mit dem Leben nicht davon, aber ich denke es gibt die Rettung in diesem Moment, in diesem Augenblick.

Ist das Scheitern nicht das Realistische?

Vielleicht. Aber Scheitern ist einfach. Ist halt scheiße gelaufen, und am Ende war alles nur scheiße. Ja, am Ende ist unser Leben nur scheiße. Wir werden alt, krank und wir sterben, alles scheiße. Aber die große Chance ist doch, jedem Moment die Möglichkeit zu etwas anderem zu geben.

Noch einmal zurück zu Fassbinder. Wir hatten gesagt, Fassbinder ist Ihnen dann doch nah.

Ja, ich liebe Fassbinder, weil seine Figuren auch so bekloppt und durchgeknallt und schräg sind. Das habe ich immer an ihm geliebt. Das habe ich schon als Teenager an ihm geliebt.

Wen gibt es noch zur Zeit, der Sie interessiert?

Vor allem Frauen. Regisseurinnen wie Ursula Meier, Barbara Albert, Nicole Holofcener, Lisa Cholodenko, aber auch Noah Baumbach z.B.
Mein großes Vorbild vielleicht ist Agnès Varda. Sie sammelt Geschichten, Figuren – einer ihrer Filme hieß „Die Sammler und die Sammlerin“, sie macht Spielfilme, Dokumentarfilme, bewegt sich zwischen den Welten.

Sie sind ja auch eine Beobachterin.

Ja, mich interessiert die Welt, mich interessiert mein eigener Kopf gar nicht so sehr wie die Welt, d.h. 80 Prozent von dem, was ich erfinde, ist beobachtet und aufgeschnappt. Mein Job ist Zeugin zu sein auf eine seltsame Art und Weise.

Auf Youtube ist im übrigen ein Clip mit einer Filmeinführung von Regisseurin Doris Dörrie und Behind-the-Scenes-Footage zu sehen:
 
http://youtu.be/oE0FGNLfUFo