Als der Wind den Sand berührte

Nicht nur Hollywood hat Afrika als Kulisse großer Produktionen entdeckt. Die belgische Filmemacherin Marion Hänsel drehte im ostafrikanischen Dschibuti die Chronik einer langen, zermürbenden Odyssee. Auf der Suche nach Wasser ist eine junge Familie bereit, alles zu opfern. Als der Wind den Sand zieht seine Kraft vorrangig aus der schlichten Inszenierung, welche auf formaler Ebene die karge Schönheit der Landschaft widerspiegelt. Mit überzeugenden, ausdrucksstarken Darstellern zeigt Hänsel ein Afrika jenseits aller Ethno-Klischees.

Webseite: www.alsderwind.kinowelt.de

OT: Si le Vent soulève les Sables
Belgien 2006
Regie: Marion Hänsel
Drehbuch: Marion Hänsel
Mit Issaka Sawadogo, Carole Karemera, Asma Nouman Aden, Said Abdallah Mohamed, Ahmed Ibrahim Mohamed
Verleih: Kinowelt
Länge: 96 Min.
Kinostart: 26.7.2007

PRESSESTIMMEN:

 

Geschickt die Balance zwischen neorealistischer Darstellung und poetischer Überhöhung haltende Inszenierung, die sich nicht zuletzt durch die atmosphärisch-dichten Bilder und die authentischen Darsteller zu einem Meisterwerk des ethnisch-fiktiven Kinos verdichtet. (O.m.d.U.) – Sehenswert.
film-dienst

Ein intimes Porträt einer Familie, das eher beiläufig und damit umso wirkungsvoller die Misere eines Kontinents zu erfassen versucht. Die kunstvolle Sprache,d ie großartigen Bilder, die wunderchöne Musik erweisen sich dabei als das größte Kapital: "Als der Wind den Sand berührte" ist kein realistisches Afrika-Drama – es ist ein faszinierendes Kunstwerk, das auf seine märchenhafte Weise von der Realität erzählt.
KulturSPIEGEL

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FILMKRITIK:

Wer zuletzt nach auffälligen Trends auf dem Kino-Spielplan suchte, dem dürften die zahlreichen in Afrika angesiedelten Geschichten nicht entgangen sein. Produktionen wie Blood Diamond, Der ewige Gärtner, Shooting Dogs und Der letzte König von Schottland thematisierten zumeist mit Mitteln des Thrillers unterschiedliche Aspekte der afrikanischen Krankheit. Korruption, Bürgerkrieg, das oftmals noch koloniale Selbstverständnis des Westens, die Determinanten für die Malaise des schwarzen Kontinents, für Armut und millionenfaches Leid sind vielfältig. In ihrem neuen Film Als der Wind den Sand berührte – die Adaption des Romans „Chamelle“ von Marc Durin-Valois – greift Marion Hänsel das gleichsam drängende Problem der Wasserknappheit auf.  

Unter Trockenheit und Dürre leidet auch die Familie von Dorflehrer Rahne (Issaka Sawadogo). Jeder Tropfen Wasser wird streng rationiert. Als Rahnes Frau Mouna (Carole Karemera) ihr drittes Kind bekommt, rät ihm der Dorfälteste, er solle das Neugeborene – es ist ein Mädchen – töten. Doch Mouna, die das Gespräch der Männer mitangehört hat, lässt dieses nicht zu. Fest entschlossen steht sie für ihr Kind ein, was Rahne letztlich auch akzeptiert. Shasha soll die Kleine heißen, so wünscht es sich Mouna. Einige Jahre später ist die Familie aufgrund des Wassermangels gezwungen, das Dorf zu verlassen. Die meisten Bewohner brechen nach Süden auf. Rahne glaubt dagegen, im Osten auf der anderen Seite der Grenze könnten sie ihr neues Zuhause und – was damit gleichbedeutend ist – Wasser finden. Um dahin zu gelangen, muss die Familie jedoch zunächst umkämpftes Kriegsgebiet und die lebensfeindliche Wüste durchqueren.

Im Grunde folgt Hänsels Regiearbeit der Dramaturgie eines typischen Road-Movies. Nur gilt die Losung „Der Weg ist das Ziel“ für Rahne und die Seinen nicht. Ihnen geht es nicht um irgendeine Art der Selbstfindung, ihr Ziel heißt Überleben. Und Überleben bedeutet Wasser. Es ist vor allem die Beziehung des Vaters zu seiner unglaublich couragierten und trotz des erlittenen Leids optimistischen Tochter, die den Film trägt. Das Schicksal von Rahne, Mouna, Shasha und den beiden Söhnen erschüttert, weil sie ihre scheinbar hoffnungslose Situation mit einer für uns, die nie etwas Vergleichbares erfahren mussten, kaum fassbaren Würde ertragen. Dabei kommt Hänsel weitestgehend ohne die in Filmen über Afrika vielfach eher ungeschickt formulierte und überflüssige Kritik an den Verhältnissen aus. Zu offensichtlich trägt der Mensch hierfür die Hauptverantwortung, in dem er dem Klimawandel nicht entschlossen begegnet, Überweidung zulässt und im Kampf um Rohstoffe einen gesamten Kontinent opfert.

Zuweilen erinnert Als der Wind den Sand berührte an einen Dokumentarfilm. Nicht nur das authentische Spiel der Darsteller legt diesen Eindruck nahe, auch Hänsels reduktionistische Ausgestaltung des ebenfalls minimalistischen, bewusst monotonen Plots lässt eine solche Analogie zu. Nur äußerst selten greift sie auf Musik zurück. Ihre Kamera bleibt stets ein unsichtbarer, stiller Beobachter, die den harten Kontrast zwischen der kargen und dennoch faszinierend-schönen Landschaft und den Strapazen der familiären Odyssee einfängt. So fügen sich die einzelnen Teile schließlich zu einem ausgewogenen Afrika-Porträt zusammen, das sich einer Instrumentalisierung als Postkartenmotiv und Katastrophenreportage verweigert.

Marcus Wessel

 
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Eine afrikanische Wüstengegend. Rahne und Mouna müssen mit ihren Kindern Ravil, Ako und Shasha, welch letztere nach ihrer Geburt fast getötet worden wäre, nur weil sie ein Mädchen war, ihr Dorf verlassen. Der Grund: Es gibt kein Wasser mehr.

Die meisten Dorfbewohner ziehen in den Süden. Rahne entscheidet sich für den Osten. Dort, wo allerdings auch politische Unsicherheit herrscht und Landesgrenzen durchführen, soll es Seen und also genügend Wasser geben.

Sie ziehen los. Ein paar Habseligkeiten, ein Kamel und eine kleine Ziegenherde ist alles, was sie besitzen. Sie müssen durch die unerträglich heiße Wüste marschieren – tagelang. Hunderte von Kilometern.

Ein Trupp Soldaten bietet ihnen schließlich Wasser und Schutz. Dafür müssen sie ihre kostbaren Tiere hergeben. Sie werden betrogen. Die Soldaten, in Wirklichkeit Verbrecher, wollen sie nur in die Irre führen, um sie später berauben und sogar töten zu können. Rahne, Mouna und die Kinder entkommen.

Doch nicht lange. Banditen entführen Ravil. Er muss Kindersoldat werden. Ako wird nicht mehr lange leben. Shasha soll für ebenfalls kriminelle Soldaten ein Minenfeld erforschen. Mouna hat einen Blutsturz und hält die endlosen Märsche nicht mehr durch. Am Ende bleibt nur ein Funken Hoffnung.

Ein stilistisch radikal reduzierter, auf einem Roman von Marc Durin-Valois basierender Film, ein Gleichnis für das, was in Afrika geschieht. Jede Show, alles Nebensächliche ist weggelassen, es wird nur das Wesentliche direkt oder indirekt suggeriert: die Wasserknappheit, das Vordringen der Wüste, die Millionen Flüchtlinge, die erbärmlichen Flüchtlingslager, die tagelangen Märsche durch lebensfeindliches Gebiet, die ständigen politischen Gefahren und verbrecherischen Übergriffe, die gesundheitlichen Grenzen, an die die Menschen stoßen, die Feindseligkeiten, zu der die Not sie verleitet.

Hier wird spürbar, dass es in ein paar Jahrzehnten Kriege geben wird, die sich nicht mehr um das Öl drehen werden, sondern um das Wasser.

Ein ruhiger, leidvoller, aufrüttelnder Film, eine Parabel, die niemand ungerührt lassen kann. Ein formal absichtlich einfach gehaltenes Dokument, jedoch beachtenswert gefilmt und ebenso gespielt.

Thomas Engel