Am Ende ein Fest

Wie gut sich gerne verdrängte Tabus für Komödien eignen, hat zuletzt Til Schweiger mit „Honig im Kopf“ bewiesen. Ähnlich erging es dieser Komödie um Sterbehilfe, die in ihrer Heimat zu einem der erfolgreichsten israelischen Filme der letzten Jahre avancierte und beim Festival von Venedig den Publikumspreis abräumte. Erzählt wird von einer Gruppe Senioren, die ihrem todkranken Freund seinen Wunsch erfüllen wollen, in Würde zu sterben. Bald wollen immer mehr Sterbewillige mit der selbstgebastelten Suizid-Maschine der Rentner ihre Qualen beenden, was freilich zu allerlei Gewissenskonflikten führt. Voller Empathie nähert sich die berührende Komödie souverän dem heiklen Thema, trifft stets den richtigen Ton und hält mit wahrhaftigen Figuren glänzend die Balance zwischen Traurigkeit und Humor – selbst ein schwules Coming-Out unter Senioren ist hier nebenbei noch drin. Bewegendes Arthouse-Kino der Premium-Klasse, das gekonnt das Herz des Publikums trifft!   

Webseite: www.am-ende-ein-fest.de

OT: Mita Tova
Israel/ Deutschland 2014
Regie, Buch: Sharon Maymon und Tal Granit
Darsteller: Zeev Revah, Levana Finkelstein, Alisa Rozen, Ilan Dar, Rafael Tabor
Länge: 93 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart neu: 24. September 2015
 

FILMKRITIK:

„Kann ich Gott sprechen?“ – „Er ist gerade auf der Toilette!“. Dieser Dialog zum Auftakt gibt den Ton dieser Komödie vor. Mit einem selbstgebastelten Stimmverzerrer ausgestattet, hat der 72-jährige Tüftler Yehezkel bei einer Mitbewohnerin im Altenheim angerufen, sich als Gott ausgegeben, um der verunsicherten alten Dame damit etwas Mut zuzusprechen. Dass die begeisterte Seniorin anschließend für einen weiteren Plausch mit Gott spontan auf die Rückruftaste drückt, kann der mittlerweile abwesende Yehezkel ja nicht ahnen. Dem findigen Bastler stehen demnächst ohnehin ganz andere Herausforderungen bevor. Sein bester Freund Max liegt sterbenskrank in der Klinik. Dessen verzweifelte Gattin möchte den unheilbar Kranken im Endstadium von seinen Qualen endlich erlösen. „Ich bin Arzt, kein Henker!“ verweigert ein Mediziner die aktive Sterbehilfe. Ein Mord aus Mitleid verbietet sich aus moralischen Gründen. So kommt der Erfinder schließlich auf die Idee, eine Suizid-Maschine zu basteln, mit der die Sterbepatienten ihrem Leiden selbst ein Ende setzen können, indem sie sich per Knopfdruck eine tödliche Dosis von Narkosemittel verabreichen. Unterstützer finden sich im Altenheim: Ein pensionierter Tierarzt besorgt die notwendigen Medikamente, derweil der ehemalige Polizist mögliche Tatort-Spuren beseitigt. Ein perfekter Plan für ein selbstgewähltes Sterben in Würde – doch Levana, die Ehefrau des Erfinders, plagen zunächst große Skrupel. In deren Abwesenheit kann die entschlossene Rentnertruppe ihrem Freund seinen letzten Wunsch erfüllen. Damit fangen die Probleme allerdings erst richtig an. Bereits auf der Beerdigung melden sich neue Interessenten, die ebenfalls die Suizid-Maschine verwenden wollen. Noch dramatischer gerät die Lage, als die anfänglich leichte Demenz von Levana unaufhaltsam schlimmer wird. Nun steht auch das alte Ehepaar vor einer gravierenden Entscheidung.  
 
Sterbehilfe, Demenz und Suizid sind gewiss keine leichten Themen. Wie man dem gesellschaftlich und persönlich gerne verdrängten Tabu mit Komik begegnet, hat Til Schweiger mit „Honig im Kopf“ erfolgreich vorgeführt. Diesen Weg geht nun auch die israelische Regie-Duo Sharon Maymon und Tal Granit. Den heiter lakonischen Ton des Anfangs mit dem fingierten Telefonanruf von Gott hält die Tragikomödie bis zum Ende durch und setzt dem Entsetzen erfolgreich entspannende Situationskomik entgegen, die bisweilen schwarzhumorig ausfällt, gleichwohl stets angenehm unaufdringlich bleibt. Dass ihr Mann unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist, erzählt die Ehefrau bei einer Zigarette den gleichfalls qualmenden Zuhörern. Dem unbekleideten Auftritt der verwirrten Demenz-Patientin im Speisesaal begegnen ihre Freunde damit, indem sie später gleichfalls alle ihre Kleidung ablegen und der mittlerweile wieder klaren Senioren durch gemeinsames Lachen ihre Scham nehmen. Besonders apart fällt jene Szene aus, in der engagiert über Sterbehilfe diskutiert wird – bis plötzlich das überraschende Coming-Out zweier Senioren für amüsante Abwechslung sorgt.   
 
Die Balance zwischen Tragik und Komik funktioniert zum einen deshalb so gut, weil die Zeichnung der unterschiedlichen Figuren sehr präzise ausfällt, ohne sie je zur Karikatur verkommen zu lassen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Zum anderen besteht das Ensemble aus hochkarätigen Darstellern, die in ihrer Heimat preisgekrönte Stars sind. Souveräne Mimen wie diese machen selbst aus denkbar schwerster Kost fast automatisch ein Vergnügen.  
 
Zu Sterbehilfe und dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod hat jeder seine ganz persönliche Meinung – diese gekonnt sensible Komödie erweist sich als ebenso vergnügliche wie nachdenkliche und unaufdringliche Einladung, die eigene Haltung zu überdenken. Mehr kann man von intelligenter Unterhaltung im Kino kaum erwarten.  
 
Dieter Oßwald

Eine melancholische Komödie über das Sterben ist „Am Ende ein Fest“, mit dem das israelische Regie-Duo Sharon Maymon und Tal Granit schon einigen Erfolg auf Festivals hatte. Angesichts der gelungenen Mischung aus schwerem Thema und leichter Inszenierung darf man hoffen, dass sich auch in Deutschland ein überdurchschnittlich breites Publikum finden wird.

Am Anfang steht ein Anruf von Gott: Eine ältere Dame soll überredet werden, noch nicht aufzugeben und am Leben festzuhalten. Natürlich ist nicht Gott persönlich am Apparat, sondern der 72-jährige Ezekiel (Zeev Revah), der zusammen mit seiner Frau Levana (Levana Finkelstein) in einem Heim für betreutes Wohnen lebt. Noch ist das Paar nicht auf ständige Pflege angewiesen, noch ist es recht aktiv, doch ganz allein kann und will man nicht leben. Umgeben sind sie von diversen Menschen in ähnlicher Situation, die alle auf der Grenze zwischen alt, aber noch mobil und zunehmend gebrechlich werden leben. Die Selbstständigkeit, die Selbstbestimmtheit will man noch nicht aufgeben, doch unweigerlich kommt der Tag nahe, an dem man auf fremde Hilfe angewiesen sein wird.
 
Akut wird diese Frage in dem Moment, als Max, ein schwerkranker Freund des Paares, beschließt, nicht mehr zu leben. Zu schlimm sind die Schmerzen, zu wenig lebenswert ist das Leben noch, doch was tun? Sterbehilfe ist auch in Israel illegal, doch gemeinsam beschließen Ezekiel und Levana, ihrem Freund zu helfen. Zusammen mit dem Tierarzt Dr. Daniel (Ilan Dar), der die notwendigen Medikamente organisiert, und einem Polizisten, der die Spuren verwischen soll, machen sie sich ans Werk. Da Ezekiel ein Bastler ist, baut er eine Gerätschaft, mit der die Sterbewilligen nur einen Knopf drücken müssen, um langsam zu entschlafen. Per Kamera wird das Sterben aufgezeichnet, auch um die Sterbehelfer zu entlasten, doch ganz so einfach ist es nicht.
 
Zunehmend stellen sich moralische Fragen, zweifeln die Beteiligten an ihrem Tun, werden sie mit Verwandten der Sterbewilligen konfrontiert, die ihnen gar Mord vorwerfen. Neben der Frage, ob es akzeptabel oder angesichts des Risikos sogar richtig ist, Geld für ihr Tun anzunehmen, wird Ezekiel bald mit einer viel dramatischeren Frage konfrontiert: Zunehmend verliert Levana ihr Gedächtnis, leidet immer stärker an Alzheimer und steht schließlich vor der Frage, was sie tun will: Weiterleben oder ihren Mann um Sterbehilfe bitten.
 
Angesichts der Schwere der Thematik verblüfft es, wie unterhaltsam „Am Ende ein Fest“ geraten ist. Schon die Anfangsszene etabliert dabei den sanft ironischen Tonfall, verbindet auf geschickte Weise das Thema Tod und Sterben mit einem Humor, dessen Schärfe in bester Tradition des sprichwörtlichen „jüdischen Humors“ steht. Dass die Autoren und Regisseure Sharon Maymon und Tal Granit in stilistischer Hinsicht keine Wagnisse eingehen und auch ihre Geschichten und Figuren oft typischen Konventionen folgen, schmälert das Vergnügen kaum. Es mag zwar etwas viel sein, dass zur Sterbehilfethematik auch noch eine geheime schwule Beziehung im Wohnheim eingefügt wurde, doch dank der sensiblen Erzählweise ist „Am Ende ein Fest“ ein sehenswerter Film, der es schafft, schwere Themen leichtfüßig und humorvoll zu behandeln, ohne dabei in unangebrachten Klamauk zu verfallen.
 
Michael Meyns