Am Hang

Eigentlich unverfilmbar, würde man zunächst bei dem gleichnamigen Bestseller des Schweizers Markus Werner denken. Ein Dreipersonenstück mit seitenlangen Dialogen über die Liebe und das Leben auf der Leinwand? Dass daraus kein Hörspiel wird, sondern ein packendes Psychodrama mit Thriller-Qualitäten liegt an einer gekonnt raffinierten Regie sowie drei erstklassigen Darstellern in Bestform. Henry Hübchen gibt den gehörnten Gatten, der zufällig auf den ahnungslosen Liebhaber (Maximilian Simonischek) seiner verschollenen Frau (Martina Gedeck) trifft. Für den einen der Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft. Für den anderen der Anfang einer perfiden Rache. Und für den Zuschauer ein spannendes Beziehungspuzzle, das mit jedem neuen Teilchen überraschend andere Blickwinkel bietet – bis zum verblüffenden Ende. Smartes Arthaus-Kino der S-Klasse.

Webseite: www.arsenalfilm.de

CH 2013
Regie: Markus Imboden
Darsteller: Henry Hübchen, Maximilian Simonischek, Martina Gedeck
Filmlänge: 98 Minuten
Verleih: Arsenal Film Verleih; Vertrieb: Central Film Verleih
Kinostart: 3. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am Anfang steht der Suizid. Zumindest der Versuch. Jedenfalls sieht es ganz danach aus. Ein älterer Herr steht gedankenverloren neben den geschlossenen Bahnschranken am Gleis. Als der Zug heran donnert, wird Felix (Henry Hübchen) von dem jungen Thomas (Maximilian Simonischek) in letzter Minute zu Boden geworfen. Mit viel Dankbarkeit wird der Retter jedoch nicht belohnt. Wenig später treffen die beiden Männer zufällig im leeren Speisesaal eines luxuriösen Hotels wieder aufeinander. Aus dem verlegenen Smalltalk entwickelt sich ein Gespräch, das erstaunlich schnell immer intensiver ausfällt. Das ungleiche Duo versteht sich auf Anhieb – zumindest scheint es so. Man plaudert bei Weißwein über Gott und die Welt und den Zeitgeist. Natürlich auch über die Liebe.

„Ich will nicht zum Wahnsinn dieser Welt freundlich nicken“, philosophiert der Ältere, ein Musiker. Alsbald wird er davon berichten, dass er das Handy seiner angeblich verstorbenen Frau nicht abgemeldet habe, damit er weiterhin ihre Stimme auf der Mailbox hören könne. Der Jüngere, ein Scheidungsanwalt, der in der Nähe sein Ferienhaus bewohnt, schwärmt derweil von seiner heftigen Affäre mit einer älteren, verheirateten Frau. Die hätten schließlich, so sagt er, ihre „optimale Genußreife“ erreicht. Dass es sich bei jener Dame just um Valeria, die Gattin von Felix handelt, schwant diesem fortan immer mehr. Ein paar von Valeria gekritzelte Zeilen des „Stufen“-Gedichtes von Hermann Hesse, die er im Ferienhaus des Juristen findet, sorgt schließlich für letzte Sicherheit. Seinem Rivalen offenbart Felix die Sache nicht. Im Gegenteil, er beginnt eiskalt ein falsches Spiel, fragt bohrend nach allen Einzelheiten dieser Affäre. Nach einem gewalttätigen Ausbruch will der verdutzte Thomas seinen Besucher los werden. „Du wirst dir meine Geschichte auch anhören, ob du willst oder nicht“, entgegnet der Ehemann. „Vergiss nicht, Fenster und Türen gut zu verriegeln“, wird er anschließend zum Abschied den Konkurrenten warnen. Damit ist die Geschichte indes längst noch nicht vorbei, sondern sie nimmt eine überraschende Wendung – denn nicht alles, was war, war wahr…

Über eine Viertelmillion Exemplare wurden von dem Schweizer Bestseller hierzulande verkauft, dass es fast zehn Jahre bis zu einer Verfilmung dauerte, dürfte an der vermeintlichen Sperrigkeit des Stoffes gelegen haben. Eine Handlung, die weitgehend durch Dialoge erzählt wird, macht es der Dramaturgie nicht ganz einfach. Tatsächlich ist das Ergebnis wortlastig, aber eben keineswegs geschwätzig. Ihn habe die Arbeit mit den Schauspielern interessiert, sagt Regisseur Markus Imboden, sowie die Frage „wieso die Figuren welche Sätze wie sagen.“

Eine spannende Versuchsanordnung, das Konzept des zweifachen Grimme-Preisträgers geht auf. Henry Hübchen zieht als verbitterter Idealist auf Rachetrip einmal mehr alle Register seines darstellerischen Könnens. Mit dem jungen, bühnenerprobten Maximilian Simonischek als lebenslustigem Frauenhelden findet er einen durchaus ebenbürtigen Gegenspieler. Das durchaus selbstbewusste Objekt männlicher Begierde gibt Martina Gedeck, die Lebensgefährtin des Regisseurs, mit gewohnter Lässigkeit und geheimnisvoller Eleganz. Bei diesem Schauspiel-Trio fühlt man sich als Zuschauer allemal bestens aufgehoben und perfekt eingeladen zum Mitgefühl mit ihren Figuren.

Der mit Premium-Krimis von „Bella Block“ bis „Tatort“ erfahrene Imboden weiß, wie man Spannung aufbaut, dramaturgische Haken schlägt und das Publikum bei der Stange hält. Ihm gelingt es, aus diesem auf wenige Schauplätze begrenzten Kammerspiel ein verblüffend packendes Drama mit Thriller-Qualitäten zu entwickeln. Aus einem gekritzelten Hesse-Gedicht eine entscheidende Spur zu zaubern, ist schon ein starkes Stück suspense! Als Mehrwert des clever konstruierten Beziehungspuzzles bieten sich essenzielle Dialoge der unaufdringlich nachhaltigen Art. Das Ende mag etwas verstören. Die besseren Filme freilich gehen ohnehin nach dem Abspann weiter und erreichen, frei nach einem der Dialoge, erst am Morgen danach gleichsam ihre „optimalen Genußreife“.

Dieter Oßwald