Am Himmel der Tag

Auf der Suche nach sich selbst stolpert die 25jährige Lara durch Berlin, studiert, feiert – und wird schwanger. Die neue Situation stellt ihr Leben komplett auf den Kopf und ihr Verhältnis zu Studium, Eltern und Freunden in Frage. Pola Becks Debütfilm braucht eine Weile, bis er zu sich selbst findet, wird dann aber vor allem durch die Präsenz von Hauptdarstellerin Aylin Tezel zu einem sehenswerten Drama.

Webseite: www.kinostar.com

Deutschland 2012
Regie: Pola Beck
Buch: Burkhardt Wunderlich
Darsteller: Aylin Tezel, Henrike von Kuick, Tómas Lemarquis, Godehard Giese, Marion Mitterhammer, Lutz Blochberger,
Länge: 89 Minuten
Verleih: Kinostar Filmverleih
Kinostart: 29. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Lara (Aylin Tezel) ist 25, lebt in einem hippen Plattenbau in Berlin, studiert Architektur, ist rund um versorgt und doch unzufrieden. Mit ihrer besten Freundin Nora (Henrike von Kuick) verbringt sie die Nächte im Club und die Sommertage am See. Dort sieht sie eine Mutter mit Kind, die sie sehnsuchtsvoll beobachtet. Der Traum von einer Familie, von Geborgenheit, ist groß, obwohl ihre eigenen Eltern ihr diesbezüglich kein Vorbild sind. Mehr um ihnen einen Gefallen zu tun als aus eigenen Antrieb studiert Lara Architektur, immerhin beim attraktiven Dozenten Martin (Godehard Giese). Eines Nachts treffen Lara und Nora ihn in einem Club, doch während Lara zu schüchtern ist, um Martin näher zu kommen, schnappt Nora schnell zu und verschwindet mit ihm. Enttäuscht von ihrer Freundin lässt sich Lara auf ein Abenteuer mit einem Barkeeper ein – und wird schwanger. Zunächst irritiert von dieser einschneidenden Nachricht beschließt Lara schnell, dass Kind zu behalten und scheint endlich einen Lebensinhalt gefunden zu haben.

Ein Baby als Ausweg aus der Leere des Lebens – das wäre eine arg konservative Geschichte, die Pola Beck und ihr Drehbuchautor Burkhardt Wunderlich zum Glück nicht bedienen. Im Gegenteil. Nur kurze Zeit darf sich Lara an ihrer Schwangerschaft erfreuen, Pläne schmieden, und Kindersachen kaufen. Während ihre Freundin Nora sich langsam von ihr entfernt, mit Martin liiert ist und ihr Studium vorantreibt, beginnt Lara ein anderes Leben zu Leben, sich auf das Kind zu freuen – und verliert es ganz plötzlich durch eine Totgeburt.

Eine wahre tour de force der Emotion erlebt Lara in den kaum 90 Minuten von „Am Himmel der Tag“. Anfangs fragt man sich, wohin der Film sich entwickelt, welchen Ton Regisseurin und Autor einschlagen wollen. Da wirkt gerade die Vertrautheit und Intimität zwischen Lara und Nora wie der Beginn eines Films über zwei Frauen, die sich gemeinsam gegen die Männerwelt stellen. Zunehmend fokussiert sich die Erzählung im weiteren Verlauf aber auf Lara, ihre komplizierte Gefühlswelt, das emotionale Durcheinander, in dem sie sich wieder findet. Und hat dabei mit Ayle Tezel eine Hauptdarstellerin zur Verfügung, die es schafft, die ganze Bandbreite ihrer Rolle überzeugend zu verkörpern. Bislang vor allem in Komödien wie „Türkisch für Anfänger“, „Almanya“ oder aktuell „3Zimmer/Küche/Bad“ zu sehen, überzeugt sie hier als nachdenkliche Mitzwanzigerin, die gerade auch in den vielen emotionalen Szenen in der zweiten Hälfte des Films nicht auf exaltiertes, hysterisches Spiel zurückgreift.

Neben Ayle Tezels Darstellung überzeugt „Am Himmel der Tag“ vor allem durch seine Bildgestaltung. Kameramann Juan Sarmiento G. fängt Berlin abseits von Klischeebildern in stimmungsvolle Scope-Aufnahmen ein, von Clubs, über Plattenbauten bis zur Uni und vermag es trotz eines niedrigen Budgets eindrucksvolle Kinobilder zu filmen. Ein gelungener Debütfilm, mit einem ambitionierten Thema, das in dieser Form noch nicht oft behandelt wurde.

Michael Meyns

Lara und Nora sind dick befreundet. Sie studieren Architektur, sind aber auch oft in der Disco zu anzutreffen. Lara hat diese berufliche Richtung sowieso nur eingeschlagen, weil ihre Eltern, beide ebenfalls Architekten, das so wollten.

Ihren jungen Professor hätte Lara ganz gern als Freund gehabt, doch den schnappte ihr Nora weg. Die ist nämlich ebenso clever wie lustig, während die hübsche Lara sich eher ein wenig verschlossen gibt.

Disco, das heißt oft auch ein Glas oder eine Tablette zuviel. Lara nimmt an diesem Abend ein solches Dope-Stückchen ein, und das hat Folgen. Nicht nur Wohlfühlen und Gelächter, sondern Schwangerschaft. Und das nach einem Abenteuer mit einem wildfremden Menschen.

Mit einem Mal fällt die ganze jugendliche Unbeschwertheit ab. Die junge Frau ringt mit sich. Soll sie das Kind austragen, soll sie es abtreiben? Wie wird das Leben aussehen, das sie jetzt führen muss? Werden die Eltern sie weiter unterstützen? Was ist mit dem Studium?

Lara ist tapfer, entscheidet sich für das Kind. Auch wenn sie jetzt oft allein ist.

Dann das Unglück. Lara soll operiert werden, denn ihr Kind ist bereits tot, bevor es geboren ist. Doch das will Lara nicht hinnehmen. Längere Zeit noch trägt sie das tote Kind in sich herum, tut, auch vor der Familie, so, als wäre mit ihrer Schwangerschaft alles in Ordnung – wobei sie ihr Leben riskiert.

Der Scheidepunkt ist erreicht. Jetzt kann Lara nur leben oder sterben. Vielleicht hilft ihr sogar der junge Bildhauer Elvar dabei.

Ein Frauenfilm – auch von einer Frau gemacht. Es ist, vor allem was die Dramaturgie betrifft, kein überragendes Kunstwerk geworden, aber immerhin ein Film, der die Nöte dieser jungen Frau, ihre Einsamkeit, ihre Trauer über den großen Verlust, sogar die Orientierung und Sinnsuche ihrer Generation und die schmerzliche Notwendigkeit eines neuen Lebensanfangs ganz gut deutlich macht.

Geglückt ist dies zum großen Teil durch die schauspielerische Glanzleistung von Aylin Tezel als Lara. Ihr nimmt man ganz und gar ab, was sie durchmacht. Sie ist hier ebenso gut wie seinerzeit in „Almanya – Willkommen in Deutschland“.

Ein dramatisches Frauenschicksal.

Thomas Engel