Ama-San

Für ihre immersive Dokumentation „Am-San“ lebte die portugiesische Filmemacherin Cláudia Varejão monatelang mit den Amas zusammen, japanische Frauen unterschiedlicher Generationen, die eine uralte Tradition am Leben erhalten: Das Tauchen nach Seeigeln, Muscheln und anderen Meeresfrüchten, und das ohne Maske oder künstlichen Sauerstoff.

Webseite: wolfberlin.org

Dokumentation
Portugal/Japan/Schweiz 2016
Regie: Cláudia Varejão
Länge: 112 Minuten
Verleih: Steppenwolf
Kinostart: 3. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Westliche Filmzuschauer mögen sich vielleicht an den James Bond-Film „Man lebt nur zweimal“ erinnern, in dem es dem von Sean Connery gespielten Superagenten nach Japan verschlug. Dort traf er auf eine Ama mit dem schönen Namen Kissy Suzuki, deren Fähigkeiten Bond mehr als beeindruckten.
 
Das reale Leben der Amas könnte kaum unterschiedlicher ablaufen als in jenem Monument der Populärkultur beschrieben: Auf der Shima oder Ise-Halbinsel, im Zentrum der japanischen Hauptinsel Honshū leben die letzten der Amas, Taucherinnen, die der Legende nach seit 2000 Jahren ihrer Tätigkeit nachgehen. Erste Berichte der Tradition stammen aus dem Jahr 927, damals tauchten Amas nach Essbarem, später kam ihnen die ehrenvolle Aufgabe zu Abalone, auch bekannt als Seeohren, zu finden, die für Rituale in schintoistischen Tempeln benötigt wurden.
 
Anfangs waren die Amas nur mit Leinen bekleidet, in der heutigen Zeit tragen sie moderne Tauchanzüge, allein ihre weiße, kunstvoll gefaltete Kopfbedeckung ist Überbleibsel der Tradition. Und die Eigenart, ohne moderne Hilfsmittel wie Tauchermaske oder künstlichen Sauerstoff in die Tiefe zu gleiten, um mit einem Messer das wertvolle Gut von den Felsen zu kratzen.
 
Gerade unter Wasser gelingen Cláudia Varejão eindrucksvolle Aufnahmen, folgt sie den Amas auf ihren minutenlangen Tauchgängen, in denen die Frauen zum Teil ihrer natürlichen Umgebung werden. So wie auch die portugiesische Filmemacherin selbst Teil ihrer Umgebung wurde. Monatelang lebt sie mit den Amas, entwickelte so die Nähe, die nötig war, um ihren Alltag filmen zu können.
 
Früher sollen es mehrere tausend Frauen gewesen sein, die als Amas in die Meere Japans tauchen, doch im Laufe der Jahre ist es immer schwieriger geworden, die Tradition am Leben zu erhalten. Heute spricht man von kaum 60 Frauen pro Generation, die von ihren Müttern und Großmüttern die Techniken der Amas lernen, übernehmen und im besten Fall an die nächste Generation weitergeben.
 
Die visuell eindrucksvollsten Momente von „Ama-San“ mögen zwar unter Wasser stattfinden, die meiste Zeit ihrer Beobachtungen verbringt Cláudia Varejão jedoch an Land. Mit großer Geduld zeigt sie den Alltag der Amas, das Leben zu Hause, mit ihren Kindern, aber ohne Männer. Diese sind weitestgehend unsichtbar, bis auf die Kapitäne der Schiffe, die die Amas aufs Meer fahren. Fraglos eine bewusste Entscheidung der Regisseurin, die so den besonderen Zusammenhalt der Amas noch zusätzlich betont.
 
Und ohne besonders darauf hinzuweisen, ohne Kommentar oder Interviews mit ihren Protagonisten, erschließt sich auch langsam, auf welch besondere Weise die Amas im Einklang mit der Natur leben: Immer wieder sieht man sie in Tempeln oder an Schreinen, in kontemplativen Gebet versunken, den Ahnen gedenkend, den im Schintoismus angelegte Einklang von Mensch und Natur andeutend. Doch auch in Japan haben es Traditionen schwer, dem Sog der Moderne zu widerstehen, die Kultur der Amas ist ein Gegenbeispiel, das überlebt hat. – Noch.
 
Michael Meyns