American Sniper

Scharfschützen sind im Kino meist die Bösewichte. Regisseur Clint Eastwood erzählt in seinem Drama „American Sniper“ hingegen die wahre Geschichte eines Soldaten, der dank seines Talents mit der Waffe zum Nationalhelden aufstieg und 2013 von einem Veteranen erschossen wurde. Das Drama hat in Hollywood einen Nerv getroffen und wurde in gleich sechs Kategorien für einen Oscar vorgeschlagen. Tiefergehende Betrachtungen zum sogenannten Krieg gegen den Terrorismus liefert „American Sniper“ nicht, kann unterhalb der Oberfläche aber dennoch als vielschichtiges Drama gesehen werden. Dafür beeindruckt Hauptdarsteller Bradley Cooper mit einer erneut Oscar-nominierten Schauspielleistung.

Webseite: www.AmericanSniper.de

USA 2014
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Jason Hall
Darsteller: Bradley Cooper, Sienna Miller, Ben Reed, Chance Kelly, Kyle Gallner, Eric Close
Länge: 132 Minuten
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany
Kinostart: 26. Februar 2015
 

FILMKRITIK:

Es war ein zweifelhafter Ruhm, der Chris Kyle bereits zu Lebzeiten zuteil wurde. Mit 160 offiziell vom Pentagon bestätigen Opfern gilt der Navy Seal als der tödlichste Schütze in der US-Militärgeschichte. Von seinen Kameraden wurde Kyle ehrfürchtig „Legende“ genannt, hinter Feindeslinien war er hingegen als „Teufel von Ramadi“ berüchtigt. Regisseur Clint Eastwood erzählt die Lebensgeschichte des Kriegshelden, der daheim ein tragisches Ende fand, ganz klassisch in chronologischer Abfolge. Als junger Mann driftet Kyle (Bradley Cooper) ziellos durchs Leben. Rodeo, Bier und Frauen bestimmen den Alltag des Texaners. Das ändert sich schlagartig 1998 mit den Terrorangriffen auf US-Botschaften in Daressalam und Nairobi. Kyle will beim Schutz der USA, „dem großartigsten Land der Welt“, helfen und meldet sich zum Militärdienst. Dank seines eisernen Willens und des außergewöhnlichen Talents an der Waffe steigt er in die Elite der Navy Seals auf.
 
Schon während seines ersten Einsatzes im Irak wird der stoische Mann zum Helden. Isoliert vom Kampfgeschehen harrt er stundenlang in hochgelegenen Verstecken aus und tötet gegnerische Kämpfer, bevor sie seinen Kameraden gefährlich werden können. Aus großer Entfernung trifft der Scharfschütze oft in Sekundenbruchteilen einsame Entscheidungen über Leben und Tod. Mit zunehmendem Ruhm wird Kyle zunehmend auf dem Boden eingesetzt, um die gefährlichsten Feinde der USA zu jagen. Das wahre Leben des Soldaten spielt sich im Kampf ab, die Aufenthalte daheim mit Ehefrau Taya (Sienna Miller) und den zwei kleinen Kindern sind für ihn eher Zwangspausen, in denen ihn die Traumata des Kriegs einholen und die ihn mit einer anderen, kritischeren Sicht auf seine Arbeit konfrontieren.
 
Kyle hatte nach vier Einsätzen im Irak seine Militärlaufbahn 2009 beendet. Seine 2012 erschienene Autobiografie wurde zum Bestseller und machte ihn in der breiten Öffentlichkeit zur Berühmtheit. Nur wenige Wochen nach Veröffentlichung des Buchs hatten sich Schauspieler Bradley Cooper und das Filmstudio Warner Bros. die Filmrechte an dem Stoff gesichert. Der Film erhielt ein tragisches Ende, als Kyle und ein Freund am 2. Februar 2013 von einem traumatisierten Veteranen erschossen wurden, dem sie hatten helfen wollen. Ursprünglich war Steven Spielberg als Regisseur vorgesehen. Als sich seine Vorstellungen aber als zu kostspielig erwiesen, ging der Job an Altmeister und Oscar-Preisträger Clint Eastwood („Million Dollar Baby“).
 
Der erzählt die Geschichte schnörkellos und mit viel Raum für ausgedehnte Kampfszenen. Eastwood lässt sich auf keine grundsätzliche Debatte über den sogenannten Krieg gegen den Terrorismus ein. Ihn interessiert weniger das große Ganze. Vielmehr gilt sein Fokus einem einzigen Soldaten, der wohl auch dank seiner klaren Vorstellung von Gut und Böse seinen Beruf derart effizient ausüben konnte. An manchen Stellen hätte man sich weniger Kampfgetümmel und dafür tiefere Einblicke in das Leben des ambivalenten Helden gewünscht. Eastwood bleibt in Bezug auf Kyles Privatleben oft seltsam oberflächlich – trotz einer Laufzeit von über zwei Stunden.
 
Beim US-Publikum und in Hollywood hat „American Sniper“ aber einen Nerv getroffen, was auch Bradley Coopers beeindruckender Schauspielleistung und körperlicher Transformation zu verdanken ist. Der Schauspieler hatte binnen drei Monaten 20 Kilo an Muskelmasse zugelegt. Dem Drama gelang in den Vereinigten Staaten ein hervorragender Kinostart. Und nachdem der Film während der Awards-Saison weitgehend ignoriert worden war, entpuppte er sich als eine der großen Überraschungen bei der Verkündung der Oscar-Nominierungen mit sechs Nennungen – unter anderem in den Kategorien „Bester Film“, „Adaptiertes Drehbuch“ und „Bester Hauptdarsteller“. Damit wurde Cooper nach „Silver Linings Playbook“ und „American Hustle“ das dritte Jahr in Folge für einen Schauspiel-Oscar vorgeschlagen.
 
Nina Jerzy
 

So erfolgreich er auch ist: Selbst in Amerika ist Clint Eastwoods neuer Film „American Sniper“ höchst umstritten und wird als Lackmustest der politischen Gesinnung gebraucht, besser: missbraucht. Denn auch wenn es um Chris Kyle geht, den Scharfschützen der amerikanischen Militärgeschichte mit den meisten Abschüssen, hat Eastwood alles andere als einen unreflektierten Kriegsfilm gedreht.
 
Die Handlung von „American Sniper“ ist schnell erzählt: 1999 tritt der 25jährige Texaner Chris Kyle (Bradley Cooper) Mitglied der Eliteeinheit Navy Seals, wird während des Irak Kriegs zum Scharfschützen und erweist sich als kaum fehlbar. Insgesamt bringt er es im Lauf von vier längeren Einsätzen auf über 160 Abschüsse, mehr als jeder andere Soldat in der amerikanischen Militärgeschichte. Zu Hause wartet seine Frau Taya (Sienna Miller) auf ihn, die feststellen muss, dass Kyle immer distanzierter wird und mehr an seine Kameraden denkt, als an seine Familie. Nach einem letzten Einsatz während dem er einen gegnerischen Scharfschützen tötet kehrt Kyle der Armee den Rücken und befindet sich zurück in Amerika auf dem Weg der emotionalen Besserung, als er von einem anderen Soldaten getötet wird.

So pragmatisch sich diese Inhaltsbeschreibung anhört, so pragmatisch ist auch Clint Eastwoods „American Sniper“ inszeniert. Ohne Schnörkel, gradlinig, mit absolut präzisem Einsatz der filmischen Mittel und so sehr darauf bedacht jegliche oberflächliche Emotion zu vermeiden, wie es angesichts des Themas nur möglich ist. Auf diese Weise gelingt es Eastwood, eines der schwierigsten Probleme eines Regisseurs zu lösen: Kriegssituation zu zeigen, ohne sie heroisch zu überhöhen, ohne das Töten zum Adrenalinrausch werden zu lassen, ohne sich vom Sog der Action mitreißen zu lassen. In langen Szenen sieht man Kyle bei der Arbeit und dieses Wort, so pervers es sich angesichts eines Jobs, der aus Töten besteht auch anhört, ist der treffende Begriff für das was Kyle hier tut bzw. vor allem das was er zu tun glaubt: Bäuchlings liegt er auf Dächern, blickt durch den Sucher und trifft Entscheidungen über Leben und Tod: Wenn er den Abzug drückt stirbt ein „Böser“ wodurch ein „Guter“ geschützt wird. So einfach ist die Welt für Kyle, so einfach ist und war die Welt für viele Amerikaner, aber so einfach ist die Welt nicht für Eastwood.

Ähnlich wie „Flags of our Fathers“, einem seiner besten Filme, der die moralischen, emotionalen Kosten von Kriegspropaganda thematisierte, deutet er auch hier die enormen Kosten an, die ein Soldat, aber nicht zuletzt eine Gesellschaft durch einen Krieg wie den im Irak zahlen muss. Die zunehmende Entfremdung von Kyle äußert sich nicht in Brutalität an der Heimatfront, gegenüber seiner Frau oder seinen Kindern, sie zeigt sich viel subtiler, in seinen Augen, seinem Unwillen, für seine Taten verehrt zu werden oder in Momenten, in denen er auch zu Hause in Texas glaubt, im Irak zu sein.

Dass Eastwood es sich nicht einfach macht, nicht mit redseligen, plakativen Szenen den Krieg kritisiert (den er in zahlreichen Interviews immer wieder als Fehler bezeichnet hat) macht „American Sniper“ so angreifbar. Und so vereinnehmbar: Dass viele konservative Amerikaner nur die Oberfläche des Films wahrnehmen und glauben, hier eine ungebrochene Darstellung von Chris Kyle als amerikanischen Helden zu sehen – dieses Missverstehen hat Eastwood in Kauf genommen, mit manchen inszenatorischen Entscheidungen auch eingeladen (besonders die Dokumentaraufnahmen von der Verehrung die Kyles Beerdigungszug erfuhr sind hier zu nennen), diese scheinbar unentschiedene Haltung wird es dem Film in Europa und Deutschland schwer machen.

Doch „American Sniper“ ist nicht nur ein stilistisch außerordentlicher Film, dem es gerade in seinen Kriegsszenen gelingt, das Chaos, die Verwirrung, das Grausame eines Krieges deutlich spürbar zu machen. Unter der scheinbar unkritischen Oberfläche verbirgt sich eine differenzierte Studie über die moralischen, die seelischen Kosten von dem, was oft als Heroismus gefeiert wird. Im Gewand eines glatten Hollywood-Films ist „American Sniper“ ein vielschichtiges Drama, das man ablehnen kann, das als filmisches Kunstwerk aber unbedingt diskussionswürdig ist.
 
Michael Meyns