An Education

Mit 17 hat man für gewöhnlich noch Träume. Nicht so die junge Jenny, für die sich in diesem Alter schon große Träume erfüllt haben – dank eines doppelten so alten Mannes, der ihr das Tor zu einer glitzernden Zukunft öffnet. „An Education“ folgt den Gefühlen einer jungen Frau an der Schwelle zum Erwachsenwerden, in deren enger englischer Welt zu Beginn der sechziger Jahre plötzlich Wünsche Wirklichkeit werden. Das klingt nach Märchen. Aber Lone Scherfig erzählt die Geschichte so, als blättere sie in einem vergilbten Poesiealbum, mit bittersüßen Gefühlen, doch ohne Sentimentalität.

Webseite: www.aneducation-derfilm.de

Großbritannien 2009
Regie: Lone Scherfig
Buch: Nick Hornby
Kamera: John de Borman
Darsteller: Carey, Mulligan, Peter Sarsgaard, Cara Seymour, Alfred Molina, Olivia Wilson, Dominic Cooper, Rosamunde Pike
Länge: 95 Minuten
Verleih: Sony Pictures
Kinostart: 18.2. 2010
 

PRESSESTIMMEN:

"An Education’, erzählt nach einer wahren Geschichte, ist die zartbittere Chronik eines Erwachsenwerdens, verpackt als leichte Komödie. Ein wundervoller Film."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Grau sind die Straßen, grau die Häuser, und, man ahnt es schon, auch die Seelen der Menschen. „An Education“ beginnt mit einer zeitgeschichtlichen Nachhilfestunde. Die Swinging Sixties fingen erst in der zweiten Hälfte der Dekade an. Für Nick Hornby ist der erste Sendbote einer kommenden Umwälzung das Debütalbum der Beatles, das 1963 erschien. Zuvor waren die Verhältnisse in England vor allem eins: grau. Dem auch in Deutschland höchst populären Schriftsteller, der das Drehbuch für „An Education“ nach einer autobiografischen Vorlage der Autorin Lynn Barber schrieb, kam es darauf an, diesen Unterschied herauszuarbeiten. 1961, das Jahr, in dem der Film spielt, fällt noch in die Zeit, auf die der Zweite Weltkrieg seine Schatten wirft. Der Wohlstand ist bescheiden, die Lebensverhältnisse sind von strengen sozialen und moralischen Regeln geprägt. Die Gesellschaft wirkt wie ein Korsett. Von Aufbruch keine Spur.

In solchen Verhältnissen ist eine Begegnung wie die zwischen der 16-jährigen Jenny (Carey Mulligan) und dem doppelt so alten David (Peter Sarsgaard) nicht vorgesehen. Umso erstaunlicher, dass sie trotzdem stattfindet und sich zu einer Liebesbeziehung ausweitet. Das ist noch nicht das große Aufbegehren gegen den Muff, aber es hat sicherlich mit den gesellschaftlichen Umständen zu tun. Natürlich hat in jeder Zeit ein Mädchen wie die kluge und aufgeschlossene Jenny Träume. Aber je enger und trostloser die Verhältnisse sind, desto mächtiger dürften diese Träume werden. Vielleicht steigt sie deshalb wider jede Vernunft in den Sportwagen des smarten David, der zufällig vorbeikommt, als sie im strömenden Regen mit ihrem Cello auf den Bus wartet und er ihr anbietet, sie nach Hause zu bringen. David kennt sich ebenfalls mit klassischer Musik aus und lädt Jenny flugs zu einem Konzert ein. Ihre Eltern überrumpelt er mit seinem ebenso eloquenten wie seriös wirkenden Charme, und wenige Tage später sitzen die beiden tatsächlich zusammen im Konzertsaal.

Es sei der beste Abend ihres Lebens gewesen, sagt Jenny hinterher ihrer Mutter. Weitere Abende dieses Kalibers folgen, und man lässt sich gern forttragen vom leichtfüßigen Gang der Ereignisse, während dem sich ein Backfisch in dunkler Schuluniform zur jungen Frau wandelt, die innerlich und äußerlich zu leuchten beginnt und sich zur ebenbürtigen Geliebten entwickelt. Die junge Carey Mulligan meistert diesen Wandel mit betörendem Spiel. In England wird ihr nun eine große Filmkarriere vorausgesagt. Peter Sarsgaard steht ihr als charmanter und chamäleonhafter Partner in nichts nach. Unter den Nebenfiguren glänzt Alfred Molina als liebevoller, aber in Konventionen denkender Vater, der die heiter-ironischen Akzente im Film setzt.

Die aufkeimende Liebe ist natürlich nur der Beginn der Education sentimentale, wie sie Flaubert in umgekehrter Konstellation erzählte. Lone Scherfig, bislang als Komödien-Regisseurin („Italienisch für Anfänger“) erfolgreich, siedelt die bemerkenswerte Romanze mit Ernst und Behutsamkeit in einem Gefühlsrahmen an, in dem Wunsch und Wirklichkeit, Träume und Erfüllung ineinander übergehen, der Herzschlag der Zeit aber weiterhin den Takt vorgibt, dem sich niemand entziehen kann. Schon gar nicht der süße Vogel Jugend.

Volker Mazassek

England, Anfang der 60er Jahre. Alles ist noch wie es in den 15 Jahren seit Kriegsende immer war: relativ friedlich, konservativ, inselhaft, very british. Die 68er „Revolution“ ist noch weit.

In Twickenham (London) lebt die 16jährige Jenny mit ihren Eltern. Sie ist brav, träumt von einem Studium in Oxford und von Paris mit seinen Chansons von Juliette Greco.

Jennys Eltern sind äußerst traditionell eingestellt. Der junge Graham hat ein Auge auf das Mädchen geworfen. Alles geht seinen normalen Gang.

Es schüttet. Jenny steht pudelnass auf der Straße. Ein Wagen hält an. David wird das Mädchen nach Hause fahren.

Er ist ein Mittdreißiger, der sehr gut aussieht. Dass er mit seinem Freund krumme Geschäfte macht, kann von außen niemand erkennen.

Jennys Eltern Jack und Marjorie, obwohl alte Schule und stockkonservativ, lassen sich von David langsam bezirzen. Der führt Jenny jetzt aus, lädt sie in Dancings und Restaurants ein, kauft ihr Schmuck, fährt mit ihr und Freunden nach London und Paris, verspricht ihr das Blaue vom Himmel und – will mit ihr schlafen. Was denn auch geschieht.

Groß sind die Überraschung und die Enttäuschung, als sich herausstellt, dass David Frau und Kinder hat. Offenbar ist Jenny nicht sein einziges Opfer.

Autobiographisches von Lynn Barber. Das Geschehen hat nichts Außergewöhnliches. Was hier passiert, kommt alle Tage vor. Attraktiv aber ist die Machart. Der Stil der britischen 60er Jahre erscheint voll eingefangen. Erzählt wird unhektisch, gepflegt, ästhetisch angemessen. Man folgt der Geschichte mit einer gewissen Anteilnahme, selbst wenn sie nicht ewig in Erinnerung bleiben wird. Doch formal ist sie wie gesagt vorzüglich.

Carey Mulligan (Jenny) ist eine liebenswerte Erscheinung, Peter Sarsgaard (David) spielt seinen Part gut. Alfred Molina (Jennys Vater) – ausgezeichnet – und Cara Seymour (Jennys Mutter) treffen ebenfalls den richtigen Ton.

Alltägliches Liebesdrama in sehr gepflegter Form.

Thomas Engel