An ihrer Seite

Erinnern Sie sich noch an Sarah Polley? Unter der Regie von Isabel Coixet spielte sie 2003 in „Mein Leben ohne mich“ und zwei Jahre später in „Das geheime Leben der Worte“. Beides Filme, die mit großem Einfühlungsvermögen Themen wie Abschied und Hoffnung beleuchteten. Nun steht die noch nicht einmal 30-jährige Polley selbst hinter der Kamera, wieder mit einer sensiblen Geschichte, diesmal zum Thema Alzheimer. Mit großem Feingefühl schildert die Kanadierin die Situation eines seit 44 Jahren verheirateten Paares, dem durch die Krankheit ein neuer Lebensabschnitt bevorsteht.

Webseite: www.anihrerseite-film.de

OT: Away from her
Kanada 2006
Regie: Sarah Polley
Darsteller: Julie Christie, Gordon Pinsent, Olympia Dukakis, Michael Murphy, Kristen Thomson, Wendy Crewson
109 Minuten
Verleih: Majestic Filmverleih
Kinostart: 6.12.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Was tut wohl die Pfanne im Kühlschrank? Und wieso klebt am Besteckkasten in der Küche ein Zettel mit der Aufschrift „Besteck“, wo doch ein Aufziehen der Schublade genau die gleiche Information liefern würde? Der pensionierte Uniprofessor Grant (Gordon Pinsent) ist sich gewahr: bei seiner Frau Fiona (Julie Christie) mehren sich die Anzeichen für Alzheimer. Auch sie selbst ist sich ihrer Situation bewusst, ermutigt ihn sogar, sich in ein darauf spezialisiertes Pflegeheim einweisen zu lassen. Zur Spielregel dort gehört, dass neue Heimbewohner während der ersten 30 Tage keinen Besuch von Angehörigen empfangen dürfen, weil dies das Einleben in der neuen Umgebung erheblich erleichtern soll. Nach 44 Ehejahren fällt Grant die Trennung besonders schwer. Hart für ihn auch, als er nach dem Besuchsverbot feststellt, dass seine Frau im schweigsam im Rollstuhl sitzenden Aubrey (Michael Murphy) einen neuen Gefährten gefunden hat.

 

Mit den immer wieder in Szene gesetzten Erinnerungen an eine Tour auf Langlaufskiern durch eine unberührte und weite Schneelandschaft hat Sarah Polley ein wunderschönes Bild für das lange gemeinsame Leben und die Vertrautheit seiner beiden Protagonisten gefunden. Lange verliefen deren Lebensspuren parallel zueinander, nun trennen sich die Wege. Grant tut sich offenbar besonders schwer mit dieser Situation, mehr noch, als ihn nach seinem ersten Besuch nach der Eingewöhnungstrennung die Eifersucht übermannt. Als unabhängig davon Audreys Frau Marian (Olympia Dukakis) ihren Mann wieder zu sich nach Hause holt und Fiona dadurch in eine tiefe Depression fällt, bittet Grant Marian, Audrey zum Wohlbefinden seiner Frau doch wieder einweisen zu lassen. Ein großes Opfer für beide.

Sarah Polley stützt sich mit ihrem angenehm zurückhaltend erzählten Film auf die Erzählung „Der Bär kletterte über den Berg“ der ebenfalls aus Kanada stammenden Alice Munro. Trotz der schönen Erinnerungen an gemeinsame glückliche Tage ihres zentralen Ehepaares verschont Polley ihr Publikum mit Rührseligkeit. Vielmehr schaut sie den möglichen Auswirkungen, der Akzeptanz eines sich schnell verschlechternden Krankheitsbildes, realistisch ins Auge. Sowohl Regie wie auch Darsteller überzeugen durch ein beeindruckendes Einfühlungsvermögen, wenige Rückblenden genügen, um das Vorher/Nachher, also Vergangenheit und Gegenwart zu skizzieren. Damit entgeht Polley der Gefahr von Verklärung und oftmals übertrieben wirkender Sentimentalität. Trotzdem kann man „An meiner Seite“ aber auch als Liebesfilm betrachten, begegnet die für ein solches Thema erstaunlich junge Regisseurin ihren Figuren mit einer entsprechenden Würde, und zeigt beim Alltag im Pflegeheim auch die weniger emotionalen, mehr ökonomischen und organisatorischen Seiten eines Heimalltags auf.

Mit Julie Christie stand Sarah Polley in Isabel Coixets „Das geheime Leben der Worte“ (2005) vor der Kamera. Christie spielte darin eine Psychotherapeutin, die der introvertierten Figur von Polley die Seele zu öffnen versuchte. Polley las damals während der Dreharbeiten Alice Munros Kurzgeschichte – und hatte dabei Christie als Darstellerin von Fiona vor Augen. Mit ihrem gedankenverlorenen Blick stellt die Oscar-Gewinnerin (1965 in John Schlesingers „Darling“) glaubhaft das Gefühl dar, langsam von dieser Welt zu verschwinden. „An ihrer Seite“ hingegen ist ein weiterer Film in Christies Filmografie, der sie vor dem Vergessen bewahren wird. 

Thomas Volkmann

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Grant und Fiona haben den größten Teil ihres Lebens bereits hinter sich. Einen Vorteil hat dies: Es macht sie von den Lebensaufgaben freier; sie könnten glücklich sein. Aber das Schicksal will es anders. Fiona fängt an, entscheidende Dinge zu vergessen. Immer mehr. Das Alzheimer-Gespenst taucht auf und macht sich breit. Fiona ist noch ausreichend bei Bewusstsein, um zu beschließen, in ein Heim zu gehen.

Sie wird zunächst auf eine Etage eingewiesen, auf der nur leicht Erkrankte leben. Doch eines ist jetzt schon schwer: Grant darf Fiona, damit sie sich eingewöhnt, dreißig Tage lang nicht besuchen.

Als er endlich erscheint – erkennt sie ihn nicht mehr. Sie hat ihn vergessen. Und nicht nur das: Sie hat sich ohne bei Verstand zu sein einen anderen Mann angelacht. Jetzt muss sie auf die Etage der schweren Fälle. Grant ist verständnisvoll und verzweifelt in einem. Was kann er jetzt noch tun?

Ein trauriger Film. Doch ein Film mit hohen Gefühlswerten. Unerbittlich folgt er in richtigem Rhythmus dem schleichenden Unheil. Das berührt und macht zwangsläufig melancholisch. Doch das verschließt sich auch nicht der Realität des Lebens. Auch solche Filme müssen sein, vor allem wenn sie so treffend und sorgfältig gemacht sind wie dieser von Sarah Polley.

Julie Christie spielt die Fiona. Sie ist älter geworden, aber immer noch bildschön. Und sie spielt wunderbar. Gordon Pinsent (Grant) und Olympia Dukakis (als Ehefrau eines ebenfalls von Alzheimer Betroffenen) begleiten sie gut.

Thomas Engel