Anker der Liebe

Chaplin im Doppelpack: Des Komikers Tochter Geraldine gibt die schrullige Hippie-Mama. Seine Enkelin Oona spielt die quirlige Eva, die mit ihrer spanischen Partnerin Kat auf einem kuscheligen Hausboot in London lebt. Die Idylle gerät ins Wanken, als Eva ein Kind möchte. Mit Kats bestem Freund Roger findet sich schnell ein williger Erzeuger – doch mit Baby an Bord wäre das unbeschwerte Bohemian-Leben auf der Barke dahin und Verantwortung gefordert. Die Lesben-Lovestory bleibt eher schlicht, vorhersehbar und recht verquasselt. Origineller erweist sich das Hausboot-Ambiente auf den Londoner Kanälen. Das Chaplin-Duo als Mutter und Tochter sorgt gleichfalls für schauspielerisches Vergnügen der besonderen Art.

Webseite: www.pro-fun.de

Anchor and Hope
GB 2017
Regie: Carlos Marques-Marcet
Darsteller: Oona Chaplin, Natalie Tena, Geraldine Chaplin, David Verdaguer
Filmlänge: 112 Minuten
Verleih: Pro-Fun Media
Kinostart: 6.6.2019

FILMKRITIK:

Am Anfang steht der Tunnelblick. Erst langsam erkennt man, dass es sich um eine Brückendurchfahrt auf einem der idyllischen Londoner Kanäle handelt. Auf dem langen, schmalen Hausboot haben sich Eva (Oona Chaplin) und ihre Lebenspartnerin Kat (Natalie Tena) eingerichtet. Ergänzt wird das Duo bisweilen durch Evas verschrobene Hippie-Mutter Germaine (Geraldine Chaplin) sowie Kats besten Freund Roger (David Verdaguer), der auf Besuch aus Barcelona kommt. Als die geliebte Katze stirbt, erwacht bei Eva wieder der langgehegte Wunsch nach einem Kind. Die Aussicht auf Enkel lässt Germaine noch verzückter mit ihren Klangschalen klöppeln. Kat sieht ein Kind jedoch skeptisch. Plötzlich Eltern, so fürchtet sie, würde das unbeschwerte Bohemian-Leben auf der kleinen Barke gefährden. Doch Eva ist fest entschlossen, mit dem lebenslustigen Roger findet sich zudem schnell und problemlos ein williger Samenspender. Ganz so einfach lässt sich der Kinderwunsch indes nicht realisieren. Nicht nur biologisch und medizinisch gibt es Probleme, auch psychologisch bedroht das geplante Baby die Beziehung der beiden Frauen. Ob es zum Anker der Liebe werden wird? Antwort offen!
 
So gemächlich wie die gemütlichen Hausboote auf den Londoner Kanälen entlang tuckern, so behäbig fällt das Erzähltempo dieser bittersüßen Lovestory aus. Statt psychologischer Entwicklung der Figuren wird lieber auf Stereotype sowie Konflikte aus der Seifenopern-Kiste gesetzt, entsprechend gering fällt das Empathie-Potenzial aus. Mit derart wenig Drehbuch-Futter, bleibt auch den Darstellern kaum mehr als hölzernes Agieren. Bisweilen fühlt man sich wie in jenen putzig unbeholfenen Sprachkurs-Sendungen des Schulfernsehens. Die Dialoge zwitschern nicht selten zum planlosen Geplapper ab. Improvisation kann durchaus als flauschiges Stilmittel taugen, ein paar Prisen mehr an Substanz wären dabei freilich vorteilhaft. Auch ein minutenlanges, vierhändiges Klavier-Geklimper wirkt eher einfallslos als originell. Mehr Rigorosität im Schneideraum hätte der fast zweistündigen RomCom auf alle Fälle gutgetan.
 
Auf der Habenseite überzeugt das charmante Hausboot-Ambiente vor der Kulisse der Londoner Kanäle – geradezu ein lohnender Reisetipp für den nächsten London-Trip! Das Chaplin-Duo als Mutter und Tochter (im wahren Leben wie im Film) sorgt gleichfalls für schauspielerisches Vergnügen der besonderen Art. Den Hippie mit Klangschalen-Leidenschaft nimmt man Geraldine Chaplin sofort ab. Oona ist ohnehin Pflichtprogramm – ist sie doch in den kommenden „Avatar“-Folgen mit von der Partie.
 
Dieter Oßwald