Anwälte, Die – Eine deutsche Geschichte

Eigentlich erstaunlich, dass vor Birgit Schulz noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen Film über die drei Anwälte Otto Schily, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele zu drehen. Anfang der 70er vertraten sie die APO, in den folgenden Jahrzehnten trennten sich ihre Lebenswege auf radikalste Weise. Was Birgit Schulz jedoch aus diesen deutschen Lebenswegen rausholt ist wenig mehr als Bekanntes. Schily und Mahler lassen sich nicht in die Karten schauen und der Film wagt sich nicht daran zu vermuten, wie sie wurden was sie sind.

Webseite: www.die-anwaelte-film.de

Deutschland 2009
Regie: Birgit Schulz
Drehbuch: Birgit Schulz
Dokumentation
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 19. Novemer 2009
106 Minuten
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein Foto war der Ausgangspunkt dieses Films: Links Hans-Christian Ströbele, rechts Otto Schily, in Anwaltsroben und noch mit dichtem, schwarzem Haar, zwischen ihnen Horst Mahler. Getrennt allerdings, durch die Anklagebank, auf der Mahler zu diesem Zeitpunkt schon saß, den ersten Schritt markierend, der die einstigen Co-Anwälte zu Vertretern radikal Unterschiedlichen politischer Positionen machte. Ende der 60er Jahre waren Ströbele, Schily und Mahler junge Anwälte, die sich bald als Anwälte der APO, der Außerparlamentarischen Opposition einen Namen machten. Auch aus Sympathie für die Anliegen der Studenten, vor allem aber aus der tiefen Überzeugung, dass jeder Angeklagte auch das Recht auf einen Anwalt hat. Schon bald trennten sich die Wege, Mahler wurde Teil der RAF, Ströbele und Schily somit zu seinen Verteidigern. Denn auch nun, als der Widerstand gegen den Staat längst dem Stadt-Terrorismus gewichen war, blieben Ströbele und Schily ihrer Ethik treu. Nun nicht mehr aus Sympathie – daran darf kein Zweifel bestehen – sondern aus der Überzeugung heraus, dass auch und gerade die RAF-Terroristen das Recht auf einen fairen Prozess hatten, selbst wenn sie den Staat, der ihnen dieses Recht geben sollte, zutiefst verachteten.

Allein dieser Wandel würde für mehrere Leben reichen, doch die Geschichte wird noch besser. Im Gefängnis sagt sich Mahler vom Linksextremismus los und beginnt auf die andere Seite zu wechseln: Zum Rechtsextremismus. Zukünftig wird er die NPD unterstützen, den Holocaust leugnen und mit provozierenden Gesten auf sich Aufmerksam machen. Ströbele und Schily dagegen treten den Grünen bei, denen Ströbele bis heute treu ist. Als einer der wenigen der alten Garde hat er dabei stets sein Profil bewahrt und sich nicht dem Establishment angedient, wie es etwa der einstige Barrikadenkämpfer Joschka Fischer vorgeführt hat. Schily dagegen wechselte bald in die SPD, stieg zum Innenminister auf und propagierte als solcher einen starken Staat. Die interessanteste Erkenntnis in Birgit Schulzes Film ist, dass sowohl Ströbele als auch Schily keinerlei Bruch in ihren jeweiligen Lebenswegen sehen, ihre Entwicklung sogar als vollkommen konsequent ansehen. Warum das allerdings so ist, ob sie den Wandel ihrer ansichten, der für Außenstehende durchaus radikal erscheint, wirklich so konsequent finden, das wagt Schulz nicht zu fragen. Zwar ist es ihr gelungen alle drei Protagonisten zu Gesprächen vor die Kamera zu locken, doch an der Sprachfertigkeit, der Selbstüberzeugung bis zur Arroganz, die sich alle drei in Jahrzehnten des Anwalt- und Politikerleben zugelegt haben, beißt sich die Regisseurin die Zähne aus. Wenn sie es denn überhaupt gewagt haben sollte, den Anwälten auf den Zahn zu fühlen. So bleibt dieser Film eine mit größtenteils bekanntem Dokumentarmaterial erzählte Geschichte, deren großes Potential bedauerlicherweise verschenkt wird.

Michael Meyns