Nicht etwa in Monte Carlo, sondern in Campione d’Italia befindet sich das größte Casino Europas, das zudem größter, um nicht zu sagen einziger Arbeitgeber der Bewohner des kleinen Dorfes ist. Welche Folge es hat, wenn dieser Arbeitgeber auf einmal Pleite macht, zeigen Anton von Bredow und Michele Cirigliano in ihrem Dokumentarfilm „Architektur des Glücks.“
Über den Film
Originaltitel
Architektur des Glücks
Deutscher Titel
Architektur des Glücks
Produktionsland
DEU, CHE
Filmdauer
77 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Cirigliano, Michele / von Bredow, Anton
Verleih
imFilm Agentur + Verleih
Starttermin
05.02.2026
In der Regel folgen Grenzen der Geographie, trennen Flüsse, Berge oder das Meer Länder voneinander. Die Fallstricke der Geschichte haben es jedoch mit sich gebracht, dass es zwischen manchen Ländern seltsame Grenzverläufe gibt, dass Exklaven existieren, meist kleine Gebiete, die zu einem Land gehören, aber vom Gebiet eines anderen umschlossen sind.
So eine Exklave ist das kleine, weniger als 2000 Einwohner zählende italienische Dorf Campione d’Italia, das beschaulich am Luganer See liegt, auf der einen Seite von Bergen vom Hinterland abgetrennt, auf der anderen Seite dem See zugewandt, schräg gegenüber von Lugano gelegen. Also eigentlich auf dem Gebiet der südlichen Schweiz, dennoch aber zu Italien zählend, einem Testament sei Dank: Im Jahre 777 vermachte der langobardische Herrscher Toto von Campione das Dorf dem Kloster Sant’Ambrogio in Mailand, was die Sonderrolle des kleinen Gebietes begründete.
Einerseits gehört es zu Italien und damit der Europäischen Union, aus praktischen Gründen aber ist Campione d’Italia der Schweiz sehr Nahe, Grenz- und Zollkontrollen gibt es nicht. Dafür aber ein Casino, das den Ruhm und Wohlstadt des Dorfes begründete, zumindest für lange Zeit. Falls es den Reichen und Schönen in Monte Carlo einmal zu langweilig wurde, bot sich das Casino von Campione d’Italia als Ausweichquartier an, eine Möglichkeit, die von König Fauk von Ägypten bis Amanda Lear genutzt wurde und einem kleinen Dorf zu Reichtum verhalf. Das Geld floss in Strömen, die Steuereinnahmen ebenso, wo genau all das Geld herkam wollte niemand so genau wissen.
2007 gönnte man sich einen über 100 Millionen Euro teuren Neubau, der nun das Stadtbild prägt: Ein wage an den Brutalismus erinnernder Klotz, der das Zentrum des Dorfes beherrscht und sogar vom anderen Ufer zu sehen war. Praktisch jeder Bewohner des Dorfes war vom Casino abhängig, was dann auch bedeutete: Jeder Bewohner war arbeitslos, als das Casino im Jahre 2018 auf einmal seinen Bankrott erklärte.
Von italienischen Arbeitslosenzahlungen mussten die Bewohner nun ihr Leben in einem Dorf finanzieren, dessen Preisniveau eher dem der Schweiz entsprach. Dementsprechend fanden die Dokumentarfilmer Anton von Bredow und Michele Cirigliano eher melancholische Menschen vor, als sie mit den Dreharbeiten zu ihrem Dokumentarfilm „Architektur des Glücks“ begannen. Die gute alte Zeit beschwören die Bewohner des Dorfes, hängen Erinnerungen an das einfache, unkomplizierte Leben nach, das nun einer ungewissen Zukunft gewichen war.
Zumindest vorübergehend, denn seit einigen Jahren ist das Casino wieder eröffnet, wirft inzwischen wieder Geld ab, wodurch die enormen Schulden des Dorfes langsam beglichen werden können. Ein wenig hat der Lauf der Geschichte also einen Film überholt, der eigentlich als Studie einer ungewöhnlichen, wenn nicht einmaligen Konstellation gedacht war: Ein Dorf, das sich in gefährlicher Weise von einem Arbeitgeber abhängig gemacht hat. In dieser kurzen Phase der Ungewissheit befürchten manche Einwohner, dass ihr Dorf in ein paar Jahrzehnten gar nicht mehr existieren wird, andere scheinen etwas wunderlich zu werden, so wie der Mann, der sich um die Pflanzen in den Betonkübeln am Seeufer kümmert und dabei von einer Ziege namens Lisa begleitet wird, mit der er intensiv kommuniziert, die ihn auch im Auto treu begleitet.
Mit dem Glück ist es also so eine Sache, es kommt und geht, das mussten die Bewohner der eigenartigen Gemeinschaft Campione d’Italia schmerzhaft erfahren, auch und selbst bombastische Architektur steht ihm oft mehr im Wege, als dass sie hilft.
Michael Meyns







