Arco

Auf den ersten Blick mutet „Arco“ inhaltlich, aber vor allem stilistisch wie ein japanischer Animationsfilm an, erzählt eine klare, fast kindliche Geschichte, geprägt von ebenso klaren, markanten Bildern. Doch man hat es hier mit einer französischen Produktion zu tun, inszeniert vom Debütfilmregisseur Ugo Bienvenu, der sich zum Ende seines eindrucksvollen Film in spektakuläre, philosophisch komplexe Höhen aufschwingt.

 

Über den Film

Originaltitel

Arco

Deutscher Titel

Arco

Produktionsland

FRA

Filmdauer

88 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Bienvenu, Ugo

Verleih

Wild Bunch Germany GmbH

Starttermin

09.04.2026

 

In der fernen Zukunft beginnt „Arco“, die verbleibenden Menschen leben zwar in Einfamilienhäusern wie man sie auch aus unserer Gegenwart kennt, bestellen kleine Felder, füttern Tiere, doch etwas muss passiert sein: Denn die Häuser befindet sich in der Luft, fern vom Erdboden, auf runden Plattformen, die von einzelnen Familien bewohnt werden.

So wie die des zehnjährigen Arco, der einen großen Traum hat: Er will endlich auch wie seine Eltern und seine größere Schwester durch die Zeit fliegen, eine Möglichkeit, die in dieser Zukunft besteht. In die Vergangenheit der Erde suchen die Menschen nach Hinweisen auf die großen Fragen, auch auf die, warum die Menschheit einen ökologischen Kollaps herbeigeführt hat, der fast ihren Heimatplaneten zerstört hätte.

Eines Nachts wacht Arco auf und schnappt sich einen der Diamanten, der für den Flug durch Raum und Zeit nötig ist. Ganz beherrscht er das Fliegen auf dem in allen Farben des Regenbogens schimmernden Lichtstrahl allerdings noch nicht, was eine Bruchlandung unausweichlich macht. In einem Wald landet Arco, hat seinen Diamanten verloren, wird dafür aber von der gleichaltrigen Iris gefunden und aufgenommen.

Die Welt, in der Iris lebt, wirkt fast wie die unsere – befindet sich aber ebenfalls in der Zukunft, irgendwann gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Roboter haben die meisten Tätigkeiten übernommen, sorgen für Ordnung auf den Straßen, bringen die – nur noch sporadisch verschickte – Post, dienen aber vor allem als Kindermädchen und Aufpasser. So wie für Iris, deren Eltern in einer fernen Stadt arbeiten und während der Woche nur via Hologramm mit ihrer Tochter sprechen.

Ein einsames Leben führt Iris mit ihrem kleinen Babybruder und dem Roboter namens Mikki, in das nun Arco hineinplatzt. Der will unbedingt nach Hause, doch ohne seine Diamanten wird das schwierig. Zu allem Überfluss bahnt sich im Hintergrund auch noch eine Umweltkatastrophe an, drohen Stürme und Flammen die Zivilisation, wie Iris sie kennt, zu vernichten.

Meist folgen Zeitreisegeschichten einem von zwei Mustern: Entweder gerät eine Person aus der Gegenwart in eine Zukunft, die er, stellvertretend für die Zuschauer, neugierig entdeckt. Oder eine Figur aus der Zukunft gerät in unsere Gegenwart. So oder so besteht ein erheblicher Teil des Vergnügens an Gegensätzen, die kollidieren. Ugo Bienvenu, der bislang einige Comics gezeichnet und Kurzfilme gedreht hat, wählt in seinem Debütfilm einen anderen, ebenso ungewöhnlichen wie originellen Ansatz: Aus einer Zukunft verschlägt es Arco in eine andere Zukunft. Zwei Versionen, in die sich unsere Welt also möglicherweise entwickeln könnte, werden zum Schauplatz einer nachdenklichen Geschichte mit ökologischem Touch. Was genau mit der Welt passiert ist, wird nicht präzisiert, man kann nur ahnen, dass die Menschheit ihren Hang zum Materialismus teuer bezahlt hat und erst in ferner Zukunft eine mit den Bedürfnissen der Erde verträgliche Form der Existenz gefunden hat.

Über lange Zeit erzählt „Arco“ nun eine schlichte, sehr kindliche Geschichte, die liebevoll animiert wirkt, von leuchtenden Farben geprägt. Erst als man sich schon fast damit angefreundet hat, dass Bienvenus Ambitionen eher klein sind, schwingt sich die Geschichte doch noch zu einer Reflexion über den Wert von Familie auf, streift für anspruchsvolle Science-Fiction typische Fragen nach Zugehörigkeit von menschlichen und künstlichen Wesen und führt am Ende die beiden Zeitebenen zu einem bemerkenswerten, rührenden Finale zusammen.

Nicht umsonst wurde „Arco“ seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 mit zahlreichen Preisen bedacht, zuletzt dem Europäischen Filmpreis und einer Oscar-Nominierung als bester Animationsfilm. Zurecht, denn gerade angesichts des visuellen Exzesses der Hollywood-Konkurrenz, wirkt „Arco“ im besten Sinne wie ein Film aus einer anderen Zeit.

 

Michael Meyns

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