Asi mit Niwoh – Die Jürgen-Zeltinger-Geschichte

2019 feiert er seinen 70. Geburtstag: Jürgen Zeltinger, der Kölner Punkmusiker mit der großen Klappe, der in keine Schublade passt. Als proletarischer Rebell und bekennender Schwuler, der sich gegen Nazis und rechte Gewalt engagiert, gehört er heute zum Kölner Urgestein. Mehr als zwei Jahre hat Oliver Schwabe „de Plaat“ begleitet. In seiner Dokumentation lässt er 40 Bühnenjahre Revue passieren und schafft ein gleichzeitig berührendes und dennoch respektvolles Biopic, das auch ein Stück bundesdeutscher Musikgeschichte ist.

Webseite: mindjazz-pictures.de/filme/asi-mit-niwoh-die-juergen-zeltinger-geschichte

Dokumentarfilm
Deutschland 2018
Buch und Regie: Oliver Schwabe
Bildgestaltung: Nikolas Jürgens
Musik: vom Feinsten
Mit: Jürgen Zeltinger, Dennis Kleimann, Arno Steffen, Heiner Lauterbach, Wolfgang Niedecken, Christian Kahrmann, Anton Claassen, Susanne Zeltinger-Lehmköster, Tanja Meyer, Tom Schönberg, Robbie Vonddenhoff & Wolfgang Günnewig
Länge: 90 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 7. Februar 2019

FILMKRITIK:

Alte Aufnahmen zeigen einen kräftigen jungen Mann mit Schnauzbart und Stiernacken, der mit seinem kahlen Kopf und den eher groben Gesichtszügen beinahe brutal wirken könnte, wären da nicht die freundlichen dunklen Augen, die manchmal so sehnsuchtsvoll blicken können und gar nicht zu dem frechen Mundwerk zu passen scheinen, das genauso sein Markenzeichen wurde wie die Glatze, der er den Spitznamen „De Plaat“ verdankt.

Was hätte er denn anderes machen können als Musik?, fragt Jürgen Zeltinger im Film, angelehnt an das Mick Jagger-Zitat. „What can a poor boy do except singing in a Rock’n Roll Band?“ Als quasi Straßenkind aufgewachsen, mit abgebrochener Lehre – er hatte seinen Chef k.o. geschlagen – ohne Aussicht auf eine geordnete Zukunft, da wäre er vermutlich Zuhälter oder Einbrecher geworden, so wie die anderen Jungs von der Straße, zu denen er gehörte. Nicht nur in seinen Konzerten ist ihm anzumerken, dass er die Musik für sich als Lebensretter betrachtet. Heute ist er 70, seine Auftritte absolviert er im Sitzen, weil er mit seinen zirka vier Zeltingerzentnern kaum noch bewegungsfähig ist. Wenn er von der Vergangenheit spricht, spürt man den Humor und die Leidenschaft, ganz besonders die Leidenschaft, mit der er es verstand, sich durchzusetzen, ohne über besondere musikalische Kenntnisse zu verfügen. Aber er besaß die Fähigkeit, sich in seiner Musik loszulassen, er konnte einfach raussingen, alles rauslassen, was kümmern da Noten oder Töne, die getroffen werden wollen?

Und er wurde immer besser. Mit seinen Bands coverte er die Ramones und Lou Reed auf Kölsch. Sein rauer Umgangston, und das ist sehr freundlich ausgedrückt, wurde zu seinem Markenzeichen. Vielleicht wurde er als kölscher Jung berühmt, weil da etwas war, was die anderen nicht hatten: etwas sehr Echtes, sehr Bodenständiges. Das machte ihn kurzzeitig in den 80er Jahren zum Liebling des intellektuellen westdeutschen Bürgertums einschließlich der Feuilletons, die er mit seinen sozialkritischen Rocksongs eroberte. Er selbst nennt sich „Asi mit Niwoh“, und weil er so echt war und ist, bleibt er immer irgendwie normal, obwohl er ein echtes Original ist. Auch wenn er rumpöbelt oder wie ein HB-Männchen in die Luft geht. So ein Mann polarisiert natürlich, erstaunlicherweise hat er trotzdem Freunde und die meisten schon seit vielen Jahren. Heiner Lauterbach gehört dazu, der von wilden Zeiten zu berichten weiß, oder Wolfgang Niedecken, mit dem sich Jürgen Zeltinger Anfang der 90er Jahre gegen rechte Gewalt engagiert. Der Musikproduzent, Komponist und Musiker Arno Steffen, der früher zur Band gehörte, kommt ebenso zu Wort wie Jürgen Zeltingers Schwester Susanne oder der Gitarrist Dennis Kleimann. Dem jungen Musiker, der mittlerweile in der Zeltinger Band spielt, spielt eine große Rolle im Film wie im Leben von Jürgen Zeltinger: Er ist gleichzeitig eine Art Privatsekretär, Helfer im Alltag und – je nach Bedarf – Antrieb oder Bremse, denn der alte Mann vergisst gern mal nach ein paar Weinchen, dass er nicht mehr so kann, wie er mal konnte. Und er braucht nach eigener Aussage auch ab und zu mal einen Tritt in den Hintern. Aber Bühnentier bleibt Bühnentier, und so wird Jürgen Zeltinger wohl weitermachen, solange ihn die Musik buchstäblich am Leben hält.

Oliver Schwabe kombiniert mit einiger Finesse und viel Sinn für Stimmungen alte Musikaufnahmen, aktuelle Konzertbilder, Interviews und Alltagsszenen. Teilweise schneidet er in den Songs zwischen den Jahrzehnten hin und her, was zusätzlich sehr atmosphärisch wirkt – auch ein bisschen wehmütig. Das alles ist sehr kurzweilig, oft amüsant. Die Bilder aus der Kölner Underground-Musikszene der 70er Jahre sind absolut sehenswert, das „Roxy“ und die Geschichte des Kölschrock gehört selbstverständlich dazu, der sich bis heute mit seinen sozialkritischen Songs, seinem politischen Engagement und einer erfreulich toleranten Haltung zur Subkultur behauptet. Wer damit oder mit dem kölschen Dialekt bisher nicht allzusehr vertraut ist, kann sich in dem kleinen Biopic bestens informieren. Zum besseren Verständnis gibt es sogar hin und wieder Untertitel. Allerdings sollte für den ungebremsten Filmgenuss eine gewisse Begeisterung für den rauen Charme hämmernder Bässe und harter Riffs vorhanden sein.

Gaby Sikorski