Atlas

Absolut empfehlenswert: Die Geschichte vom Möbelpacker Walter, der sich plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht, ist so dicht und spannend wie ein Thriller und passt doch in keine Schublade. Der Schauplatz ist Frankfurt am Main – ohne den glitzernden Charme der Hochfinanz, doch in einem extrem glaubwürdigen Umfeld, das wie ein Spiegel bundesdeutsche Wirklichkeit reflektiert. Kaum zu glauben, dass dieser Film ein Debüt ist. David Nawrath gelingt das Kunststück, seine Story ruhig und mit stetig wachsender Dramatik zu erzählen. Das tolle Ensemble führt Rainer Bock als Walter an. Kurz und gut: Der kleine Film ist ein Stück beeindruckend kraftvolles Arthouse-Kino und wird hoffentlich viele Fans finden!

Webseite: www.atlas.pandorafilm.de

Deutschland 2018
Regie: David Nawrath
Drehbuch: David Nawrath, Paul Salisbury
Darsteller: Rainer Bock; Albrecht Schuch; Thorsten Merten; Uwe Preuss; Roman Kanonik; Nina Gummich; Johannes Gevers
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Pandora
Kinostart: 25. April 2019

FILMKRITIK:

Obwohl nicht mehr der Jüngste, kann der Möbelpacker Walter immer noch allein einen Schrank schultern und durchs Treppenhaus tragen. Sein Chef Roland Grone und die Kollegen können sich hundertprozentig auf Walter verlassen, der seinen Job macht und ansonsten die Klappe hält. Die Spezialität der Firma sind Zwangsräumungen, und die Auftraggeber im Hintergrund könnte man auch als Drahtzieher bezeichnen, die heruntergekommene Immobilien entmieten, um sie teuer weiterzuverkaufen. Da ist der Gedanke an Geldwäsche ebenso offensichtlich wie die Nähe zum organisierten Verbrechen. Spätestens als der unberechenbare Moussa zum Team stößt und bei einer Zwangsräumung mitwirkt, wird die ganze Problematik deutlich. Roland Grone hat Moussa weder eingestellt noch kann er ihn entlassen, obwohl Moussa ein gefährlicher Gewalttäter ist. Denn Moussa gehört zu dem Clan, in dessen Auftrag Grone handelt. Walter entdeckt dabei, dass der Mieter, der sich da so beharrlich weigert auszuziehen, sein Sohn sein könnte. Unauffällig beginnt er, diesen Jan und seine kleine Familie zu beobachten und bald auch – soweit es ihm möglich ist – zu beschützen. Dabei gerät Walter zwischen alle Fronten und begibt sich schließlich selbst in Gefahr.
 
Das Drehbuch ist extrem klug ausgedacht, es erzählt in fein ziselierten kleinen Windungen eine machtvolle Geschichte vom Leben: Da geht es nebenbei um Gentrifizierung, um Großstadtkriminalität und um eine Wirklichkeit, in der vieles schief läuft, ohne dass dies explizit thematisiert wird. Und das ist einer der besonderen Verdienste des Films. Die große Tragik der Geschichte vom starken Mann ist, dass der starke Mann helfen möchte, es aber nicht kann. Walter kann sich nämlich nicht offenbaren. Weder dem Mann gegenüber, der sein Sohn sein könnte, den er zuletzt vor ca. 30 Jahren gesehen hat, noch gegenüber seinen Kollegen. Erstens würde ihm niemand glauben, zweitens sind die Erinnerungen untrennbar mit seiner größten Niederlage verbunden, und drittens würde sich Walter damit in eine Zwickmühle begeben, aus der es buchstäblich kein Entrinnen gibt und die ihn seinen Job und sogar das Leben kosten könnte. Atlas, der Titan aus der griechischen Mythologie, trägt die Welt auf seinen Schultern. Dieser Atlas-Walter trägt sein Leiden unsichtbar mit sich herum. Sein Schweigen und seine Traurigkeit haben ihre Ursache in vergangenen Seelenqualen, ebenso die Einsamkeit, die für ihn zur Normalität geworden ist. Die Schmerzen, die er beim Möbelschleppen auf sich nimmt, sind nichts gegen den Kummer und die Verzweiflung, die ihn erfüllen. Wie sich dieser Mann in eine Geschichte hineinziehen lässt, die mit seinem Scheitern als Vater zu tun hat, ist ein langsamer und extrem spannender Prozess. Über der Handlung liegt dabei wie ein Schatten die Bedrohung durch Moussa und seinen Clan, der sich Walter aussetzt.
 
Rainer Bock („Das weiße Band“, „A Most Wanted Man“) ist Walter, ein verschlossener, beinahe stoischer Kerl – einer, an dem alles abperlt und der sich nicht einmischt, vielleicht ein sturer Bock, vielleicht aber auch einer, der nichts von sich preisgeben will, weil er vor neuen Verletzungen Angst hat. Rainer Bock spielt mit minimalistischer Gestik diesen von sich und vom Leben enttäuschten, einsamen Mann und entwickelt dabei Walters Persönlichkeit über das Spiel, nicht über den Dialog. Mit sparsamsten Mitteln erreicht er damit eine unglaubliche Wirkung: Walter wird in seiner Traurigkeit und in seiner Melancholie immer stärker, er entfaltet eine Wucht, die schließlich leinwandfüllend ist. Dieser Mann ist grandios – Walter Bock verdient mit seiner Leistung jeden Schauspielpreis, denn er spielt und scheint fast nichts dafür zu tun, er lässt seinem Charakter alle Geheimnisse und macht den Walter zu einem Menschen, dessen Schicksal aufwühlt, ohne auf die Tränendrüsen zu drücken. Das ist große Kunst, und David Nawrath, als Debütregisseur, lässt dem erfahrenen Theater- und Filmschauspieler alle Freiheiten. Statt das Frankfurter Halbwelt- und Gangstermilieu tv-konform zu bedienen oder mit der von Gangstern verfolgten Kleinfamilie Mitleid zu heischen, erschafft Nawrath dank seiner Darsteller echte Persönlichkeiten, deren Schicksal umso mehr bewegt, je weniger darüber erzählt wird. Moussa (Roman Kanonik) wird auf diese Weise zu einer noch größeren Bedrohung, denn Moussa redet nicht, er schlägt zu. Dieser dicke Kerl im zu kurzen Pullover ist auf eine sehr wenig klischeehafte Art gewalttätig – und damit wird er umso gefährlicher. Dasselbe gilt für Moussas harmlos wirkende Familie. Albrecht Schuch als möglicher Sohn Jan und Nina Gummich als dessen Partnerin Julia überzeugen ebenfalls mit natürlichem Spiel und großer Realitätsnähe. Sie verkörpern in dieser Geschichte die unschuldigen Betroffenen, deren Leben durch die drohende Zwangsräumung erschüttert wird. Die Geschichten dieser einzelnen Menschen verweben die Drehbuchautoren David Nawrath und Paul Salisbury zu schicksalhaften Verknüpfungen, die in ruhigen, manchmal düsteren Bildern erzählt werden. Mit gewaltiger visueller Kraft nehmen sie den Betrachter mit auf eine faszinierende Reise in die bundesdeutsche Realität, wo mit Immobilien gedealt wird und Menschen dafür ihre Wohnung verlieren, eine Welt, in der Geld und Gewalt regieren, wo es aber auch einen Funken Hoffnung gibt. Und dieser Hauch von Optimismus macht den originellen, kleinen Film endgültig zum leinwandsprengenden Beweis für die Macht des Kinos.
 
Gaby Sikorski