Auf das Leben

Hannelore Elsner ist in deutschen Filmproduktionen aktuell sehr präsent: „Auf das Leben“ ist nun schon die fünfte in 2014 fertiggestellte Arbeit mit ihr, sie spielt darin eine Holocaustüberlebende mit schwindender Lebenslust. Dies ändert sich, als Max Riemelt als Umzugshelfer in ihr Leben tritt, erinnert er sie doch an ihre große Liebe aus jungen Tagen. Riemelt beschert dies eine Doppelrolle in einem insgesamt etwas arg konstruierten Drama über menschliche Traumata.

Webseite: www.aufdasleben-film.de

Deutschland 2014
Regie: Uwe Janson
Darsteller: Hannelore Elsner, Max Riemelt, Sharon Brauner, Aylin Tezel, Andreas Schmidt, Catherine Flemming, Markus Maria Profitlich, Nikola Kastner, Georg Marin, Niklas Kohrt, Harry Ermer 
90 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 27.11.2014
 

FILMKRITIK:

Weil sie ihre Wohnung wegen Mietschulden nicht mehr halten kann, steht der ehemaligen Cabaret-Sängerin Ruth (Hannelore Elsner) ein Umzug bevor. Mit dem Ortswechsel allerdings will sie sich nicht anfreunden, sie verhält sich renitent und droht gar ihren Lebensmut zu verlieren. Das ändert sich, als mit Jonas (Max Riemelt) ein junger Mann als Möbelpacker in ihr Leben tritt, der ihrem früheren Geliebten Victor, einem jungen Filmemacher, aufs Haar gleicht. Was beide eint sind traumatische Erfahrungen: bei ihr sind es Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges, bei ihm eine langsam voranschleichende Krankheit, die ihn nach der Trennung von seiner Freundin (Aylin Tezel, aktuell in „Coming in“ große Klasse, hier nur kurz im Bild) vor seiner alten Umgebung nach Berlin hat flüchten lassen, wo er in seinem Transporter auf Parkplätzen haust und Tagelöhnerjobs annehmen lässt.
 
Als Jonas Ruth bei der Einrichtung ihrer neuen Wohnung helfen will, findet er sie mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne. Sie kann gerettet werden und wird in eine psychiatrischen Klinik eingewiesen. Womit sie sich – man ahnt es schon – natürlich auch nicht so recht anfreunden kann. Dass ihr Therapeut (Andreas Schmidt) sie dazu ermuntert, in einer Anstaltskombo zum Mikrofon zu greifen und alte Lieder zu singen, lehnt sie zunächst ab.
 
Erst über die Rückblenden, in denen Ruth Jonas von ihrem früheren Leben erzählt, lernt man die selbstbewusste ältere Frau besser kennen und ein stückweit auch verstehen – so gut das eben geht bei einem Menschen, der im Leben viel durchgemacht und sich dadurch in ein Schneckenhaus zurückgezogen hat. In einem solchen steckt auch Jonas. Über seine Vorgeschichte erfährt man erst nach und nach und versteht deshalb lange nicht, was ihn motiviert, dieser Frau, die seine Großmutter sein könnte, zu Diensten zu sein, sich neugierig in ihr Leben zu drängen, in ihren privaten Dingen zu stöbern, und auf diesem Weg eben auch auf jene alten Filmaufnahmen zu stoßen, die sie als junge Sängerin (Sharon Brauner) zeigen. Viel Sorgfalt hat die Produktion auf diese Rückblenden verwendet, welche Kameramann Peter Joachim Krause in einem „amerikanischen Look“ gestaltet hat. Jonas erfährt auf diesem Weg, warum sein Doppelgängertum Ruth so sehr berührt und alte, schmerzliche Erinnerungen bei ihr weckt.
 
Wenn Produzentin Alice Brauner allerdings davon erzählt, dass beim Schreiben des Drehbuchs die Autoren Art Bernd und Stephen Glantz (letzerer schrieb die Drehbuchvorlage „Wenn Steine weinen könnten“) einen ganz anderen Film im Kopf hatten als Regisseur Uwe Janson, Autor Thorsten Wettcke und Brauner, dann ahnt man schon, warum am Ende viele Ideen miteinander verquickt wurden, die vom Ursprung her möglicherweise anders gedacht waren. Der sich etwas mühsam mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigende Film macht dies immer wieder deutlich, der Versuch, Leichtigkeit durch vermeintliche Komik und Humor ins Spiel zu bringen, schlägt leider fehl. Die „großen Gefühle“, die Hannelore Elsner ihrer Figur mitzugeben beauftragt ist, bleiben oft nur eine Behauptung – vielleicht auch, weil man sie zuletzt immer wieder als Frau mit schicksalhafter Vergangenheit oder Geschichte spielte, selbst wenn sich dies nur in kleinen Nebenrollen – in „Hin und weg“ als Mutter eines Sterbehilfekandidaten, in der „Der letzte Mentsch“ als blinde Jüdin – äußerte.
 
Die größte Irritation an „Auf das Leben“ ist die, wie der Umzugshelfer zum Retter werden kann, wo doch keine persönlichen Verbindungen zu dieser sich so abweisend gegenüber ihren Mitmenschen verhaltenden Frau bestehen. Dass er sie später dann aber auch noch aus der Nervenanstalt entführt, das scheint dann doch etwas sehr weit herbeiphantasiert – könnte aber für sich genommen das Ergebnis jener Alpträume sein, die den eigentlichen Ideengeber dieses Films, den heute 96-jährigen Filmproduzenten Artur Brauner („Hitlerjunge Salomon“), in schlaflosen Nächten verfolgten.
 
„Auf das Leben“ will aber gar nicht so sehr ein Film über ein jüdisches Schicksal sein, sondern auch über die heutige Gesellschaft erzählen. Ruth und Jonas sind Figuren, die mit der soziale Kälte nicht zurecht kommen, die sich zurückziehen – trotzdem aber nach menschlicher Nähe sehnen. „Die Menschen, die man liebt, zerfallen zu sehen, ist schlimmer, als selber zu zerfallen“, heißt es einmal. Es ist am Ende die von Lebensfreude und Lebensleid eines ganzen Volkes erzählende Musik, die für eine Versöhnung sorgt und alte Wunden heilt.
 
Thomas Volkmann