Auf der anderen Seite

Vier Jahre nach seinem „Gegen die Wand“-Berlinale-Triumph eroberte der deutschtürkische Regisseur Fatih Akin mit „Auf der anderen Seite“ die diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Teils in Deutschland, teils in der Türkei entwirft er eine Reihe schicksalhafter Begegnungen, bei denen es um Liebe, Familie, den Tod und die Chancen geht, die daraus entstehen können. Statt mit der hitzigen Wucht von „Gegen die Wand“ breitet der in Cannes für das beste Drehbuch prämierte Film seine komplexen, tragischen Geschichten jedoch in aller Ruhe mit Akins klarem Blick und der Unterstützung eines so sensiblen wie glaubwürdigen Darstellerensembles aus.

Webseite: www.auf-der-anderen-seite.de

Deutschland/ Türkei 2007
Regie und Buch: Fatih Akin
Darsteller: Baki Davrak (Nejat Aksu), Tuncel Kurtiz (Ali Aksu), Patrycia Ziolkowska (Lotte Staub), Hanna Schygulla (Susanne Staub)
122 Minuten, Farbe
Verleih: Pandora Filmverleih
Start: 27. September 2007

PRESSESTIMMEN:

War der mit Preisen überschüttete Film "Gegen die Wand" noch jugendlich-mitreißendes Power-Kino, so legt der 34-jährige Regisseur mit diesem unaufgeregten Ensembledrama nun die Reifeprüfung ab. Sechs Schicksale prallen in Deutschland und Istanbul aufeinander, selbst der Tod bedeutet kein Ende. Der Zauber der souverän und präzise inzsenierten Multikulti-Konstruktion wirkt lange nach.
Stern

Kunstvoll verknüpft Autor und Regisseur Akin die sechs Episoden seiner Hauptfiguren zu einem Netz, das sich erst am Ende auflöst. Sowohl auf der Dialogebene als auch in der gesamten Anlage der Geschichte findet er eine sehr überzeugende Balance aus Künstlichkeit und Realismus. (teils O.m.d.U.) – Sehenswert.
film-dienst

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FILMKRITIK:

In seinen Filmen zieht es Fatih Akin zunehmend zurück zu seinen Wurzeln. Nach dem hitzigen Liebesdrama „Gegen die Wand“ schlägt der deutschtürkische Regisseur auch mit  „Auf der anderen Seite“, der Fortsetzung seiner «Liebe, Tod und Teufel»-Trilogie, den Bogen zwischen zwei Kulturen: Was in Deutschland beginnt, läuft in verschiedenen, tragischen Handlungen in der Türkei zusammen. Um die Liebe geht es dabei, um Ersatzfamilien, Tod,  Abschied und die Chancen, die darin liegen. Aber auch um türkische Politik und die Frage nach dem EU-Beitritt. Zeigt Akin auf der einen Seite die westliche, wohlhabende Türkei in Istanbul, thematisiert er auf der anderen Seite die Unterdrückung der politischen Opposition und die Zweifel im Land.

„Auf der anderen Seite“ beginnt in Bremen bei einem deutschtürkischen Literaturprofessor Nejat (Baki Davrat), dessen alter Vater Ali (Tuncel Kurtiz) noch einmal eine Frau will und die ehemalige Prostituierte Yeter (Nursel Köse) heiratet. Als der Vater sie im betrunkenen Zustand schlägt, stirbt sie durch den Sturz. Ali landet daraufhin in U-Haft, bevor er letztlich in die Türkei abgeschoben wird. Um Yeters Tochter Ayten (Nurgul Yesilcay) aufzuspüren, macht sich dann auch sein Sohn Nejat auf den Weg nach Istanbul.

Doch Ayten, Mitglied in einer politischen Widerstandsgruppe, ist dann schon längst auf der Flucht vor der Polizei in Richtung Deutschland. In Hamburg trifft sie auf die etwas blauäugige, aber engagierte Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska), die bei ihrer Mutter Susanne (Hannah Schygulla) lebt, sich aber in den immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen zunehmend von ihr entfremdet. Als Aytens Asylantrag jedoch abgelehnt wird, wird sie nach einer Polizeikontrolle in ein Frauengefängnis in die Türkei abgeschoben. Während Lotte ihr unbeirrt nach Istanbul folgt, laufen dort die Geschichten dieser Figuren immer weiter zusammen.

Selbst eine grobe Nacherzählung des Plots, der sich über die drei Schauplätze ausbreitet, ist schwierig, wirkt sie so doch sehr überladen und kompliziert. Es sind schließlich viele Zufälle, die die Figuren zusammen führen und manchmal wird auch die Mechanik von Akins mutigen Plotkonstruktionen erkennbar. Umso überraschender scheint es da, dass er von der Jury bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch zugedacht bekam. Doch es liegt an Akins Inszenierung, seinem überaus sensiblen und glaubwürdigen Darstellerensemble und seinem klaren Blick auf die Geschehnisse, dass der Film dabei nie unaufgeräumt oder in der Vielzahl seiner angerissenen Themen überambitioniert wirkt.

Die ungestüme Energie wie Akins Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ hat „Auf der anderen Seite“ nicht. Allerdings ist der Film tiefer und reifer als die, die der Hamburger Regisseur bislang gedreht hat. In aller Ruhe werden die Verästelungen der dramatischen Ereignisse ausbreitet und obwohl der Tod dabei als dominantes Thema die verschiedenen Stränge zusammenhält, ist „Auf der anderen Seite“ nicht dunkel und pessimistisch geworden. Es ist ein heller Film, der seine Figuren nicht mit ihrer Trauer allein lässt, sondern zusammenführt.

Sascha Rettig