Auf der Suche nach Oum Kulthum

Ihr Ruhm ist mit dem von Opernstar Maria Callas vergleichbar: Oum Kulthum. Durch ihre unvergleichliche Stimme und Ausstrahlung avancierte die ägyptische Sängerin zum Mythos. Die Diva von Kairo schuf zwischen unterschiedlichsten sozialen Schichten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Pionierin setzte sich als Frau und Künstlerin in der orientalischen Welt durch. Dafür bezahlte die Ikone einen hohen Preis. In formvollendeten arrangierten Tableaus kreist Shirin Neshats erhellendes Drama um diese Thematik. Die US-iranische bildende Künstlerin und Regisseurin lässt ihre Protagonistin, die einen Film über ihr Idol dreht, im 21. Jahrhundert mit ähnlichen Problemen kämpfen wie einst die Sängerin.

Webseite: www.OumKulthum-derFilm.de

Deutschland, Österreich, Italien 2017
Regie: Shirin Neshat in Zusammenarbeit mit Shoja Azari
Drehbuch: Shirin Neshat, Shoja Azari
Darsteller: Neda Rahmanian, Yasmin Raeis, Najia Skalli, Mehdi Moinzadeh, Kais Nashif, Meriem Amrioui, Houda Charaf, Nadia Benzakour, Nour Kamar
Länge: 90 Minuten
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 7. Juni 2018

FILMKRITIK:

Oum Kulthums identitätsstiftender Magnetismus und ihre künstlerische Kraft ist in der arabischen Welt ohne Beispiel. In Kairo spielen Marionetten-Theater ihre Konzerte der 1975 gestorbenen Sängerin und ägyptischen Nationalheldin, ein Museum zeigt die Accessoires der unsterblichen Ikone. Allein einem westlichen Publikum das Geheimnis ihrer Musik zu erklären, die ungeheure Bandbreite ihrer Stimme, eine Improvisationskunst, die ihre Zuhörer in Raserei trieb, eine Herausforderung. Doch die bildende Künstlerin und Regisseurin Shirin Neshat eröffnet in ihrem erhellenden Drama mutig ein weiteres, bleibendes Konfliktfeld.

Schon ihr Spielfilmdebüt „Woman without Men“, mit sie ein ausgezeichnetes Gesamtkunstwerk schuf und in Venedig den Regiepreis gewann, war eine Ode an starke Frauen und skizzierte die Restriktionen denen sie in der Gesellschaft ausgesetzt sind. Erneut bietet die international bekannte US-iranische Videokünstlerin einen Projektionsraum, in dem Frauenschicksale und Geschichten sich finden. Ihr Verlangen nach Freiheit bleibt durch Neshats Art der Darstellung schier zeitlos. So entsteht ein raffiniertes, vielfach gespiegeltes Werk, das den Prozess seiner Machart ebenso reflektiert wie das Frausein. Das ausdrucksstarkes Schauspielensemble und  der emotionale Klang der Musik geben ihrer Hommage zudem seine unvergleichliche Faszination.

Die ambitionierte iranische Regisseurin Mitra (Neda Ramanian) kann endlich ihren Traum realisieren: Einen Film über ihre Heldin, die legendäre Sängerin der arabischen Welt Oum Kulthum. Doch beim Versuch sich dem Wesen ihres Idols zu nähern tauchen immer mehr Hürden auf. Außerdem lebt sie seit mehreren Jahren im Ausland und muss, ähnlich wie die Diva, immer wieder gegen die konservativen Ansichten von Männern kämpfen. In der schüchternen Ghada (Yasmin Raeis) mit der wunderschönen Stimme findet Mitra ihre ideale Besetzung für die Rolle der berühmten Sängerin.

Überkritisch fordert sie freilich von ihrer jungen Darstellerin ständig Wiederholungen der Szenen. „Ich kann nicht mehr, ich verliere meine Stimme“, versucht Ghada zu insistieren. Zudem verschwindet während der Dreharbeiten plötzlich Mitras Sohn im Teenager-Alter. Die Ehefrau und Mutter schlittert nicht zuletzt dadurch nach und nach in eine schöpferische Krise. Sie fühlt sich überfordert dem Mythos der Ikone gerecht zu werden. Selbst ihr Assistent Amir (Mehdi Moinzadeh) ist ihr bei dem Projekt keine Hilfe. Die Schlussszene, in der es zu einem surrealen Treffen zwischen der Filmemacherin Mitra und dem Geist der Sängerin Oum kommt, ist entwaffnend: Vehement wendet sich Oum Kulthum dagegen, die Intention der Regisseurin sie in Momenten des Scheiterns zu zeigen. Schweigend blicken beide Frauen danach hinaus aufs Meer.

Die Tochter einer angesehenen Arztfamilie, die westlich erzogen wurde, denkt als bildende Künstlerin in ihrer Erzählweise nicht in erster Linie in Dialogen und Dramaturgie, sondern eher in Bildern und Atmosphären. Das Ergebnis sind klare, poetisch reduzierte Bilder in satten Farben. Bildwelten, die man auch aus ihren künstlerischen Arbeiten kennt, verdichten sich zu eindrücklichen Porträts. Erneut erweitert sie die Kinosprache durch die Ästhetik ihrer Videokunst. Zudem beruht der Reiz ihres Dramas auf seiner geschickten Inszenierung als Film im Film.

Luitgard Koch