Aus dem Nichts

So gerne sich das deutsche Kino mit der Vergangenheit beschäftigt, kaum ein Aspekt des Dritten Reichs und inzwischen auch der DDR-Geschichte nicht filmisch behandelt wurde, so rar sind Darstellungen der politischen Gegenwart. Allein schon das Fatih Akin für seinen neuen Film „Aus dem Nichts“ als Ausgangspunkt den NSU-Anschlag in der Kölner Keupstraße nimmt, macht seinen Film, der zum Teil von unübersehbarer Wut geprägt ist, bemerkenswert. Für ihre überragende Darstellung der Frau, deren Angehörige Opfer eines Anschlages werden, erhielt Diane Kruger die Goldene Palme der Filmfestspiele 2017 als Beste Darstellerin.

Webseite: www.warnerbros.de

Deutschland 2017
Regie: Fatih Akin
Buch: Fatih Akin & Hark Bohm
Darsteller: Diane Krüger, Dennis Moschitto, Ulrich Tukur, Numan Acar, Johannes Krisch, Jessica McIntyre
Länge: 106 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 23. November 2017

AUSZEICHNUNGEN:

Goldene Palme Beste Schauspielerin Cannes 2017 für Diane Kruger

FILMKRITIK:

„Ich komme gleich zurück.“ sagt die Frau, die ihr Fahrrad unabgeschlossen vor dem Büro abstellt, in dem Katja (Diane Krüger) gerade ihren Sohn bei ihrem Mann Nuri (Numan Acar) abgegeben hat. Noch denkt sich Katja nichts dabei, doch als sie am Abend zurückkommt und die Polizeiabsperrung sieht, ist ihr alles klar. Mann und Kind sind bei einem Anschlag getötet worden, doch während für Katja die Täterin feststeht, ermittelt die Polizei zunächst in Richtung Nuri. Denn der war einst Dealer und hat sich erst nach seiner Inhaftierung rehabilitiert.
 
Bald jedoch findet auch die Polizei die wirklichen Täter, die aus der rechten Ecke stammen und schließlich angeklagt werden. Doch der Prozess erweist sich zum Entsetzen von Katja als weniger eindeutig als gedacht, es gibt ein Alibi und auch das in Katjas Haus Drogen gefunden wurden, erweist sich nun als Problem. Mehr und mehr kommt Katja zu der Erkenntnis, dass sie das Gesetzt in die eigenen Hände nehmen muss, wenn sie Gerechtigkeit bekommen will bzw. das, was sie dafür hält.
 
Dass die Ereignisse um den Anschlag in der Köln-Kalker Keupstraße dem Deutschtürken Fatih Akin besonders nahe gehen, überrascht nicht. Womit nicht nur der Anschlag selbst gemeint ist (der in der Realität im Gegensatz zum Film keine Todesopfer forderte), sondern die einseitige Ermittlung der Behörden, die die türkischen Opfer als Täter verdächtigten und allzu lange Hinweise auf eine rechtsradikale Täterschaft ignorierten. Ein unerhörter Skandal, der inzwischen Thema von Dokumentarfilmen wie „Der Kuaför aus der Keuptstraße“ oder „6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage“ war, nun also als Ausgangspunkt für einen Film dient, der mit offensichtlicher Wut im Bauch gedreht wurde.
 
Was vor allem im mittleren Teil, dem Prozess, dazu führt, dass Akin mit viel Emotionalität, aber weniger Intelligenz an sein Thema herangeht, seine Wut auf die in seinen Augen mangelhafte deutsche Justiz dadurch zum Ausdruck bringt, ein weitestgehend absurdes Gerichtsverfahren zu zeigen, das kaum der Realität in deutschen Gerichtssälen entspricht. Nicht nur hier spürt man, wie Akin die Realität für seine dramaturgischen Zwecke beugt, sich gleichzeitig zwar an reale Ereignisse anlehnt, aber dann doch wieder in melodramatische Strukturen driftet, die dem Handlungsbogen dient, den er bedienen möchte.
 
Und der den Film am Ende in Gestalt von Diane Krüger rettet. Tatsächlich ihre erste Hauptrolle in einer deutschen Produktion spielt die vor allem in Frankreich und Hollywood arbeitende Schauspielerin, die hier ihre stärkste Darstellung abliefert, für die sie in Cannes mit dem Preis für die Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Die Tragik, die Krüger ihrer Rolle abgewinnt, die zunehmende Verzweiflung über den Tod von Mann und Kind, über die ungerechten Vorhaltungen, die ihr von vielen Seiten entgegenschlagen, sowohl von Eltern als auch von Schwiegereltern, vor allem aber das, was sie als Versagen das Staates empfindet, lassen schließlich auch ihre Handlungen im dritten Akt verständlich erscheinen. Auf dem Papier nicht ganz unproblematisch ist es, was Akin hier erzählt, doch es ist Krüger zu verdanken, dass die extreme Reaktion einer trauernden Frau nachvollziehbar wird und „Aus dem Nichts“ am Ende zu mehr wird, als einem wütenden, nicht immer überlegtem Politdrama. Was die filmische  Auseinandersetzung mit der NSU im Speziellen und Rechtsterrorismus im Allgemeinen angeht, ist Akins Film ein Anfang, aber hoffentlich nicht das Ende.
 
Michael Meyns