Aus der Ferne

Nach einer Reihe von Spielfilmen (zuletzt „Der schöne Tag“ und „Dealer“) ist der 1962 in Braunschweig von türkischen Eltern geborene Thomas Arslan nun bei einem Dokumentarfilm angelangt. Zum Thema hat dieser eine Reise ins Land von Arslans Vorfahren, die Reiseroute führt von Istanbul im Westen bis Dogubayazit nahe der iranischen Grenze im Osten. Arslan nimmt darin die Perspektive eines Fremden ein, der sich weitestgehend stumm und fasziniert den diversen Landschaften und Lebenswelten der türkischen Regionen nähert, ohne dabei Klischeebilder zu bemühen.

Webseite: www.peripherfilm.de/ausderferne

Deutschland 2005
Regie: Thomas Arslan
Dokumentarfilm
89 Minuten
Verleih: Peripherfilm
Start am 23.3.06

PRESSESTIMMEN:

Nur vier Jahre seiner Kindheit verbrachte Regisseur Arslan in der Türkei, 20 Jahre war er nicht mehr dort, aus Angst, zum Militär eingezogen zu werden. Die Reise zurück findet Gedächtnisbilder und entdeckt eine neue Türkei abseits der Klischees, in Großstädten und in der Provinz, in den Menschenströmen der Bahnhöfe, in energetischen Kinderaufführungen oder bei einer dynamischen Busfahrt. Auf das Land blickt Arslan aus großer, gelassener, mitunter fast meditativer Distanz, die dem Film seinen passenden Titel gibt. – Sehenswert.
Tip Berlin

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FILMKRITIK:

Mit dem Verzicht auf ausschweifende Kommentare und Erklärungen der Etappenziele (es bleibt bei wenigen Bemerkungen am Rande) versetzt Thomas Arslan den Betrachter in die Position des Entdeckers. Sicher, was Arslan zeigt, sind subjektive Eindrücke. Sein Blick aber ist angenehm zurückhaltend, fast schüchtern – aus der Ferne eben. Erste Eindrücke an Stationen wie Istanbul, Ankara, Gaziantep, Diyarbakir, Van oder Dogubayazit vermittelt oft eine Ansicht aus dem Hotelzimmerfenster, das häufig nicht einmal vollständig geöffnet ist und als Symbol dafür verstanden werden kann, dass Arslan sich seines eingeschränkten Blickwinkels durchaus bewusst ist. Auch zeigt sich darin, dass es nie um eine vollständige Erkundung der Reisestationen geht. Gerne streift Arslan bei seiner Bildersuche durch enge Gassen, ein häufiges Motiv sind die Schulhöfe der durchreisten Regionen (vielleicht ja eine Reminiszenz an Arslans vier Jahre Grundschule in Ankara) – anhand des unterschiedlich quirligen Lebens auf ihnen lassen sich durchaus Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Kultur ablesen. Im Grunde sind es Alltagsbeobachtungen, die der im Mai/Juni 2005 mit nur einem kleinen Filmteam gereiste Thomas Arslan hier zusammengefasst hat. Wem Erklärungen oder Geschichtsdaten zu den jeweiligen Orten wichtig sind oder einen Touristenführer erwartet, wird sich möglicherweise schnell langweilen. Die Sehenswürdigkeiten Istanbuls zum Beispiel bleiben weitestgehend ausgespart, dafür stattet Arslan dem Atatürk-Mausoleum in Ankara einen Besuch ab. In Ankara erfolgt übrigens der einzige Abstecher der Reise aus rein persönlichen Motiven des Regisseurs. Hier nämlich steht das Geburtshaus von Arslans Vater.  Natürlich ist das Reisen selber auch Motiv. Bahnhöfe oder Fahrten mit dem Überlandbus geben einen Eindruck davon. Gleichwohl wirkt manches durchaus vertraut: moderne Neubausiedlungen entstehen, selbst um Mülltrennung kümmert man sich in der Türkei. Und Kopftücher, auch das eine Erkenntnis, nehmen keinesfalls zu, je weiter östlich die Reise geht. „Der Ausgangspunkt für diesen Film ist einfach, dass man überhaupt ein Bild kriegt, das nicht sofort einer Theorie zuzuschlagen oder die bloße Illustration von etwas Vorgewusstem ist“, beschreibt Thomas Arslan seine Intention für diesen Film. „Ich wollte meinen Blick öffnen für einfache, konkrete Dinge, das tägliche Leben in diesem Land.“ Diesbezüglich ist jene Szene, in der sich ein Fanfarenzug musizierend auf die Kamera zu bewegt, ein schönes Beispiel für das von Arslan intendierte Hinsehen. Die vorderen Reihen nämlich sind noch voll bei der Sache und hätten für ein eher folkloristisch gefärbtes Türkei-Feature auch bestens gepasst. Arslan aber bricht nicht etwa ab, sondern harrt bis zum Ende des Zuges aus und hält somit fest, wie sich dort die Ordnung verliert und Blödeleien Trumpf sind. Eine Szene, wie sie das Leben so schön beschreibt, und wie man sie sich als Reisender gerne wünscht – jedoch nur dann wirklich erlebt, wenn man sich auf Land und Leute auch wirklich einzulassen bereit ist.  Thomas Volkmann