Austerlitz

Ist es despektierlich von „Holocaust-Tourismus“ zu sprechen? Die Beiläufigkeit, mit der Touristen und Besucher in Sachsenhausen, dem unweit von Berlin gelegenen ehemaligen Konzentrationslager, wo Sergei Loznitsa seinen Film „Austerlitz“ drehte, diesen Teil ihres touristischen Programms abspulen, legt diesen Begriff nahe. Doch wie soll man einem so unvorstellbaren Verbrechen wie dem Holocaust gedenken? All diese Fragen wirft Loznitsa in seinem bemerkenswerten Essayfilm auf.

Webseite: www.dejavu-film.de

Deutschland 2016 – Essayfilm
Regie & Buch: Sergei Loznitsa
Länge: 94 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 15. Dezember 2016

FILMKRITIK:

Muss man sich für den Besuch in einer KZ-Gedenkstätte besonders anziehen? Soll man dezente, am besten schwarze Kleidung tragen oder ist es in Ordnung, die selben Shorts, das selbe schlabberige T-Shirt anzuhaben, das man auch für den Besuch eines normalen Museums oder eines Einkaufzentrums anhat? Und wie soll man sich verhalten? Muss man dauerhaft eine betroffene Miene aufsetzen, andächtig die Schautafeln lesen, auf denen versucht wird, dass unvorstellbare in Worte zu fassen? Ist es verwerflich auch mal zu lachen oder gar etwas zu Essen wenn man mehrere Stunden durch ein ehemaliges Lager wie Sachsenhausen läuft?
 
Auf den ersten Blick mutet es befremdlich an, mit welcher Beiläufigkeit die allermeisten Menschen gekleidet sind, die an den heißen Sommertagen, während denen Sergei Loznitsa die Bilder für seinen neuen Film „Austerlitz“ gedreht hat, das nahe Berlin gelegene KZ besuchen. Aber warum auch nicht, bequeme Kleidung ist heutzutage der Standard, jeder macht was er will, zieht an, was er will. Vielleicht ist dieses unbedachte Verhalten aber auch ein Zeichen für mehr: Wenn man da sieht, wie Besucher Fotos machen, so wie man als Tourist im Besonderen, als Mensch im Allgemeinen heutzutage ja von allem Fotos macht, besonders von sich selbst, dann beginnt man sich zu fragen, was in diesen Menschen vorgeht. Ein Selfie vor dem Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“? Ein Foto in scheinbar gefesselter Pose vor den Holzstämmen, an den Gefangene angebunden waren und erschossen wurden? In entspannter Pose vor Verbrennungsöfen oder Seziertischen fotografiert werden als würde man vor dem Eiffelturm oder dem Brandenburger Tor stehen?
 
Ohne Kommentar zeigt Loznitsa diese Bilder, die er zusammen mit seinem Kameramann Jesse Mazuch eingefangen hat, unterlegt mit einer komplexen Tonspur, die vor allem Alltagsgeräusche hören lässt, immer wieder aber auch die Erklärungen von Führern, die mal sachlich, mal übertrieben emotional die Hintergründe einzuordnen suchen. Um sie herum teils offensichtlich ergriffene, teils ebenso offensichtlich gelangweilte Touristen, für die der Besuch eines Konzentrationslagers eben zu dem gehört, was man bei einem Besuch in Deutschland so macht.
 
Ob diese Form der Erinnerung, des Gedenkens, einen Sinn hat oder den Holocaust nur zu einem weiteren Punkt auf dem Besuchsprogramm macht, den es abzuhaken gilt, könnte man sich fragen. Oder ob es nicht etwas für sich hat, das so viele Menschen – und an den heißen Sommertagen, an denen „Austerliz“ entstand, war Sachsenhausen offensichtlich geradezu überlaufen – sich mit dem Holocaust beschäftigen, in welcher Form auch immer. Aber auch, wie die Erinnerung an den Holocaust vermittelt werden kann, an ein Verbrechen, dessen Ausmaße und Perfidität so extrem ist, dass es eben oft, ja, unvorstellbar ist. Klare Antworten auf diese Fragen zu geben maßt sich Loznitsa nicht an, er beobachtet, stellt zusammen und lässt den Zuschauer selbst Schlüsse ziehen, was „Austerlitz“ am Ende zu so einem so reichen Filmerlebnis macht.
 
Michael Meyns