Babys

Eine tolle Idee, die in der filmischen Umsetzung dann nur bedingt funktioniert. Das ist Thomas Balmès Dokumentarfilm „Babys“, in dem vier Babys in Amerika, Namibia, Japan und der Mongolei von der Geburt bis zu den ersten Schritten beobachtet werden. Ähnlichkeiten und Unterschiede zeigt der Film auf und kommt dabei teils zu überraschenden, teils zu banalen Ergebnissen.

Webseite: www.babys.kinowelt.de

Frankreich 2009
Regie: Thomas Balmès
Drehbuch: Thomas Balmès, Alain Chabat
Kamera: Jerome Almeras, Frazer Bradshaw, Steeven Petitteville
Schnitt: Craig Mackay, Reynald Bertrand
Musik: Bruno Coulais
Dokumentation
79 Minuten
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 19. August 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Vier Babys aus vier verschiedenen Ländern brechen die Herzen der Welt… Die tiefere Botschaft des Werks? Ist in etwa dieselbe wie die von ‘Unsere Erde’ und ähnlichen Dokus: Schaut her, so viel Schönes gibt es auf der Welt, freut euch einfach daran und fragt dieses eine Mal nicht weiter nach. In den USA ist die Botschaft angekommen: Der kleine europäische Film hat sich dort zu einem Überraschungshit des Independent-Kinos entwickelt.
Brigitte

Ein hinreißender Dokumentarfilm über das Abenteuer Leben…
Vier Babys in vier Ländern, beobachtet vom ersten Atemzug bis zum ersten Schritt. Thomas Balmès hinreißender Dokumentarfilm über das Abenteuer Leben avancierte in den USA zum Überraschungserfolg des Independent Kinos…
So unterschiedlich die Lebenswelten der vier kleinen Stars auch sind, letztlich spielt es keine Rolle, ob sie in einer Jurte oder in einem Hochhaus-Apartment ihre Umgebung entdecken, lachen und weinen, Vertrauen und Ängste entwickeln, Geborgenheit suchen und Liebe finden. Die Alltagsszenen aus den unterschiedlichsten Kulturen dokumentieren eindrucksvoll, dass die Entwicklung jenseits der individuellen Förderungen viele Gemeinsamkeiten aufweist. Im Laufe eines Jahres mausern sich hier wie dort alle vier Babys vom hilflosen Säugling zum selbstbewussten kleinen Individuum.
ARD – Titel Thesen Temperamente

FILMKRITIK:

Es liegt immer im Auge des Betrachters, ob die Ähnlichkeiten oder Unterschiede zwischen den Kulturkreisen der Welt im Vordergrund stehen. So wird es auch bei der Rezeption von „Babys“ sein, einem Dokumentarfilm des französischen Regisseurs Thomas Balmès. Vier Babys stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit, zwei aus der technologisierten, entwickelten Welt, zwei aus der so genannten Dritten Welt: Ponijao aus Opuwo in Namibia, Mari aus Tokio in Japan, Bayar aus Bayandchandmani in der Mongolei und Hattie aus San Francisco an der amerikanischen Westküste.

Das sind zwar vier Länder, vier Kulturen, eigentlich aber nur zwei, die konstant gegenübergestellt werden. Zum einen das überkommerzialisierte Leben in den Industriestaaten, zum anderen das traditionelle, ländliche Leben in der Dritten Welt. Hier werden die Babys vom Tag ihrer Geburt verhätschelt, mit Konsumgütern überschüttet, im kleinsten Alter in interaktive Babygruppen gesteckt und von früh bis spät umsorgt. Dort werden die Babys schon früh sich selbst überlassen, krabbeln unbeaufsichtigt im – nach westlichen Maßstäben – Dreck, laufen nackt zwischen Tieren herum und wirken dabei viel glücklicher als ihre westlichen Pendants. Es ist aufschlussreich, die Babys aus San Francisco und Tokio zu sehen, wie oft sie schreien und brüllen, wie sie befremdet den Bemühungen ihrer Eltern folgen, sie möglichst früh zu aktiven Personen heranzuziehen. Dagegen sind die Babys in Namibia und der Mongolei von Anfang an kleine Individuen, die sich mit ihren zahlreichen Geschwistern herumschlagen (bisweilen im wahrsten Sinne des Wortes) und keinerlei Scheu vor Tieren haben. Man mag sich gar nicht vorstellen, welche Aufregung es im übervorsichtigen, nachgerade sterilen Westen verursachen würde, wenn ein Baby von einem Hund abgeschleckt wird, zwischen den Beinen einer Kuhherde krabbelt oder auf einer rostigen Tonne sitzt.

Es ist die größte Stärke des Films, solche Unterschiede aufzuzeigen, auch subtile Kritik an den Erziehungsmethoden westlicher Eltern zu üben, ohne das Aufwachsen unter offensichtlich ärmlichen Verhältnissen in Namibia oder der Mongolei zu verklären und deren Nachteile zu kaschieren. Doch trotz der kurzen Spieldauer des Films liegen zwischen solchen interessanten, hellsichtigen Momenten viele Passagen, die eher banal wirken. Da sieht man minutenlang das ein oder andere Baby auf der Erde liegen und schreien, wird mit nicht immer sehr dokumentarisch wirkenden Einstellungen Parallelen zwischen den Welten erzeugt, fragt man sich, ob eine größere Vielfalt an Babys nicht einen aufschlussreicheren Film hervorgebracht hätte. Gerade die Aufnahmen in Namibia und der Mongolei sind zwar oft eindrucksvoll (auch wenn die Schönheit der mongolischen Steppen, des einfachen Leben in Jurten im Kino der letzten Jahre deutlich überrepräsentiert war), doch auch diese ästhetische Komponente kann nicht wirklich darüber hinweg täuschen, dass die dem Film zu Grunde liegende Idee wohl eher Stoff für einen Kurzfilm gewesen wäre, als für eine kaum abendfüllende Dokumentation.

Michael Meyns

Hattie, Mari, Bayar, Ponijao – vier kleine Mädchen. Susie, Seiko, Mandakhi, Tarererua – die Namen der dazugehörigen Mütter. Es ist ein Dokumentarfilm über diese Kinder, von der Schwangerschaft bis zu etwa zwei Jahren. Hattie ist in den USA zuhause, Mari in Tokio, Bayar in der mongolischen Steppe und Ponijao in einem Dorf in Namibia.

Der Dokumentarfilm beobachtet das jeweilige Familienmilieu; die verschiedenartigen Umgebungen; wie die Kinder auf unterschiedliche Weise geboren wurden und genährt werden; ob sie ständig behütet werden oder – wie etwa Bayar vor der mongolischen Jurte und mit den Tieren – ein wenig wilder aufwachsen; wie sie Spielzeug verstehen lernen; wie sie ihre ersten Schritte machen; wie sie Geschöpfe ihres Umfeldes werden; wie sie wachsen und gedeihen.

Ein Menschheitsbild ganz besonderer Art. Eines kann der Film auf jeden Fall bewirken: er kann hartnäckige Erziehungsstandpunkte und -methoden aufweichen, die Augen öffnen, er kann erreichen, dass andere Kulturen besser verstanden werden; er könnte für mehr Toleranz sorgen.

Wer neue Erdenbürger mag, ist in diesem Dokumentarfilm auf jeden Fall richtig.

Bayar, jetzt schon etwas größer, sagt dazu: „Das ist ein schöner Film. Er handelt vom Himmel, vom Wind und davon, wie mein Bruder mich immer geschlagen hat.“

Thomas Engel