„Die Truman Show“ in Zeiten von TikTok und Co: „Babystar“, das Spielfilmdebüt des Regisseurs Joscha Bongard („Pornfluencer“), erzählt von einer Teenagerin, die seit ihrer Geburt von ihren Eltern online vermarktet wird. Zwischen Coming-of-Age-Story, gruseligem Familiendrama und leiser Mediensatire changierend, entfaltet die beim Toronto International Film Festival 2025 uraufgeführte Erstlingsarbeit trotz sperriger Inszenierung einen eigenartigen Sog. Großen Anteil daran hat Hauptdarstellerin Maja Bons, in deren Gesicht das Ringen um etwas Normalität und Selbstbestimmung immer wieder erkennbar ist.
Über den Film
Originaltitel
Babystar
Deutscher Titel
Babystar
Produktionsland
DEU
Filmdauer
98 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Bongard, Joscha
Verleih
Across Nations Filmverleih UG
Starttermin
23.04.2026
Für Freundschaften habe sie eigentlich keine Zeit, und ohnehin seien ihre Eltern das Wichtigste in ihrem Leben, erklärt die jugendliche Influencerin Luca Sommer (Maja Bons) gleich zu Beginn von „Babystar“ in einem Gespräch mit aufstrebendem Internetnachwuchs. Das familiäre Idyll, das hier beschworen wird, wirkt allerdings schnell sehr faul. Wie viel die 16-Jährige ihrer Mutter Stella (Bea Brocks) und ihrem Vater Chris (Liliom Lewald) bedeutet, erkennt man, als sie beim Abhängen am eigenen Pool fast schon verzweifelt um Aufmerksamkeit buhlt. Zuerst klatscht sie nur ins Wasser, dann taucht sie unter und bleibt so lange wie möglich auf dem Grund. Doch nichts passiert. Luca könnte ertrinken, Mama und Papa starren dennoch unentwegt auf ihre elektronischen Geräte, reagieren erst, als die Tochter Chris‘ Laptop in den Pool pfeffert.
Die Fixierung auf Smartphone und Co kommt nicht von ungefähr: Die Sommers haben ihren offen zur Schau gestellten Wohlstand, ihr schickes, durchdesigntes Haus auf ihren Onlineaktivitäten aufgebaut. Nahezu jedes Alltagsdetail wird festgehalten, in bestmögliches Licht gerückt, für die begierige Web-Gemeinde inszeniert. Zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells ist Lucas Aufwachsen. Seit ihrer Geburt führt sie ein Dasein vor der Kamera. Selbst intimste Momente wie Konversationen über ihre erste Periode muss sie dort mit ihren Eltern teilen. Alles findet unter den wachsamen Augen der Öffentlichkeit statt. „Du brauchst nichts machen, womit du dich nicht wohlfühlst!“, heißt es an einer Stelle gönnerhaft. Selbstbestimmung ist für Luca in Wahrheit aber eine Illusion. Projekte der Erwachsenen hat sie mitzutragen, denn sie bringen neue Follower, neues Geld.
Ein Bruch deutet sich an, als Stella und Chris ihrer Tochter offenbaren, dass sie ein zweites Kind bekommen möchten. Einerseits ist Luca in ihrer Rolle gefangen, will ihren Status unbedingt verteidigen. Andererseits gerät mit dieser Ankündigung plötzlich etwas ins Wanken. Die Fassade bröckelt, und die Protagonistin schickt sich endlich an, eigene Erfahrungen zu sammeln. Wer will ich sein? Welchen Platz soll ich in einer Welt einnehmen, die alles über mich zu wissen glaubt? Fragen wie diese drängen sich ihr zunehmend auf.
„Baybstar“ ist kein Werk mit leichtem Zugang. Die Inszenierung pendelt zwischen Nüchternheit und einer flirrenden, manchmal gar schaurigen, sich besonders aus der Musik speisenden Atmosphäre. Vorherrschend sind statische Einstellungen, die häufig überdurchschnittlich lange gehalten werden. Da wo andere Regisseure wegblenden würden, bleibt der hier sein Spielfilmdebüt abliefernde Joscha Bongard („Pornfluencer“) weiter drauf – und betont so die ständige Beobachtung, der Luca von Kindesbeinen an ausgeliefert ist. Den Eindruck von Überwachungsbildern verstärken die regelmäßig eingestreuten Szenen, die aus leicht erhöhtem, schrägem Winkel aufgenommen sind. Einblicke in die Vergangenheit der jungen Hauptfigur vermitteln wiederum Ausschnitte aus dem Video-Content der Sommers, bei denen Bongard einen interessanten Kniff benutzt: Alle Markennamen sind verpixelt oder werden, sobald jemand sie ausspricht, von einem Piepton überlagert.
Die Welt der Familie mit ihrer schmucken, reduziert eingerichteten, wie aus dem Katalog gestanzten Villa, ihren eingeübten Ritualen, ihren schön aufgesagten Kalendersprüchen mag noch so hübsch verpackt sein. Trotzdem lugt die Leere unter der Oberfläche stets hervor. Wenn alles Ware, alles Eigenwerbung ist, wo bleibt dann noch Raum für echte Gefühle, für echte Zuneigung? Luca wird sich dessen stärker bewusst. Ihre Rebellion ist allerdings kein kontinuierlicher Prozess im klassischen dramaturgischen Sinne. Vielmehr zeigt sich ein beschwerlicher Kampf gegen die eigene Vorprägung. Ständig im Rampenlicht zu stehen, macht etwas mit einem Menschen, lässt ihn gierig nach immer neuer Aufmerksamkeit werden. Augenblicke, in denen sich Lucas Verzweiflung kraftvoll entlädt, etwa bei einem Essen in einem Nobelrestaurant, bleiben besonders haften – auch und vor allem dank Maja Bons‘ fein austarierter Darbietung. In ihrem Gesicht, in ihren Augen lässt sich viel über den inneren Konflikt der so lange fremdbestimmten Teenagerin ablesen.
Christopher Diekhaus







