Ballerina

Lebe deinen Traum. Das ist die Botschaft des französisch-kanadischen Animationsfilm „Ballerina“, der mit seiner offensiv zur Schau gestellten Selbstverwirklichungsgeschichte allerdings sehr amerikanisch wirkt. Eine oft merkwürdige Mischung aus Märchenmotiven und modernem Teeniedrama verwandelt das Regieduo Eric Summer und Éric Warin in einen glatten Film, der sein Zielpublikum erfreuen dürfte.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

Animationsfilm
Frankreich/ Kanada 2016
Regie: Eric Summer, Éric Warin
Buch: Éric Warin, Carol Noble, Laurent Zeitoun
Länge: 90 Minuten
Verleih: Wild Bunch, Vertrieb: Central
Kinostart: 12. Janaur 2017

FILMKRITIK:

Félicie ist 12, lebt in einem Waisenhaus und hat einen großen Traum: Sie will Tänzerin werden. Wie genau sie dieses Ziel verwirklichen soll, weiß sie nicht, bis ihr Freund Victor ihr eine Postkarte von Paris zeigt, vor allem vom Opernhaus, wo auch das Ballett beheimatet ist. Gemeinsam fliehen sie aus dem Waisenhaus und finden sich bald im Paris der Jahrhundertwende wieder, wohlgemerkt der vom 19. zum 20. Jahrhundert. Der Eiffelturm ist erst halb fertig, auf den Trottoirs sind Pferdekutschen unterwegs, der Weg nach oben für ein Mädchen wie Félicie fast unmöglich.
 
Nachdem sie unsanft aus der Oper geschmissen wurde, findet sie bei der ehemaligen Tänzerin Odette Unterschlupf, die bei der finsteren Regine le Haut putzt. Deren Tochter Camille träumt ebenfalls von einer Karriere beim Ballett und wird im Gegensatz zu Félicie auch zum Tanzunterricht an der Oper eingeladen, wo eine Rolle im Nussknacker besetzt werden soll. Doch die findige Félicie fängt den Brief ab und schlüpft in die Rolle von Camille, um am Unterricht teilzunehmen. Schnell muss sie jedoch feststellen, dass sie zwar voller Enthusiasmus und mit viel Herz tanzt, jedoch nicht die notwendigen technischen Fähigkeiten hat, um auf der großen Bühne zu stehen.
 
Hat man sich an die etwas grobschlächtige Animation von Eric Summer und Éric Warins „Ballerina“ gewöhnt, die weit von der visuellen Qualität eines Pixar-Films entfernt ist, kann man sich dem Inhalt widmen, der freigiebig in vielen Bereichen wildert. Deutlich erinnern manche Figurenkonstellationen an Märchen, von der finsteren Mama, deren Niedertracht schon ihre hochgesteckten, natürlich schwarzen Haare andeuten, über die zum Putzen genötigte gute Fee, die der Heldin auf dem Weg nach oben behilflich ist. Diese junge Heldin jedoch wirkt in einem Maße modern, in ihren Ansprüchen an sich und das Leben zeitgenössisch, dass sie oft wie ein Fremdkörper in der Welt von 1900 wirkt.
 
Wie ein feministisches Manifest in einer modernen Teeniezeitschrift – bzw. vermutlich eher einem Teenieblog – wirkt die Handlung dann auch: Glaube an dich und deinen Traum! Wenn du etwas willst, wirst du es auch bekommen! lauten die Parolen, die sich binnen kürzester Zeit auch erfüllen. So unbeholfen, ja, unfähig Félicie sich in ihrer ersten richtigen Ballettstunde auch anstellt: Binnen weniger Tage, mit ein paar Trainingsstunden von Odette, wird aus dem Trampel ein Schwan, der seine Träume wahr macht.
 
Auch wenn man berücksichtigt, dass es sich hier nicht um eine realistische Erzählung, sondern um eine Art Märchen handelt, mutet diese Botschaft doch ein wenig befremdlich an. Nicht harte, gerade beim Ballett langjährige Arbeit sind nötig, sondern allein der Wille. Solange man davon überzeugt ist, etwas zu verdienen, dann wird man es auch bekommen, egal wie. Sehr amerikanisch mutet diese Botschaft an, kein Wunder, ist „Ballerina“ zwar eine franko-kanadische Produktion, aber im Original auf Englisch gedreht. Das Ballett affine Zielpublikum dürfte es nicht stören, auch wenn die musikalische Untermalung dieses merkwürdigen, gleichermaßen altmodischem und modernen Films weniger aus Tschaikowsky besteht, als aus modernen Popsongs.
 
Michael Meyns