Beautiful Bitch

Martin Theo Krieger erzählt die Geschichte eines rumänischen Straßenmädchens, das über einen Menschenhändlerring nach Deutschland geschleust wird, um als Taschendiebin zu arbeiten. Den hervorragenden Darstellern steht die holprige Dramaturgie dabei etwas im Weg. Dennoch überzeugt der Film als einfühlsames Jugenddrama, dem zum Schluss jedoch leider etwas die Luft ausgeht.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2008
Regie und Buch: Martin Theo Krieger
Darsteller: Katharina Derr, Patrick Blume, Sina Tkotsch, Lucien le Rest, Igor Dolgatschew, Tom Lass, Aljosha Horvat, Therese Hämer, Rolf Berg, Waldemar Kobus
Länge: 103 Minuten
Verleih: Farbfilm
Kinostart: 14.8.2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Die 15-jährige Bica alias Bitch (Katharna Derr) lebt mit ihrem kleinen Bruder auf den Straßen von Bukarest. Verwahrlost und in Armut schlagen sich die beiden mit Taschendiebstählen durch den Alltag, um für ein wenig Essen und Klebstoff zum Schnüffeln zu sorgen. Was sie nicht wissen: Sie werden von Cristu (Patrick Blume) beobachtet, einem ehemaligen Polizisten, der mittlerweile zum Schieber und Menschenhändler geworden ist. Als die Behörden den kleinen Bruder in ein Kinderheim bringen, kreuzen sich die Wege von Bitch und Cristu: Er bietet ihr Geld an, wenn sie mit ihm nach Deutschland kommt und für ihn klauen geht.

Dieses Deutschland, das sind bei Regisseur und Auto Martin Theo Krieger die Fußgängerzonen, Einkaufstraßen und Shopping Malls von Düsseldorfs schicker Innenstadt. Hier prallen die Gegensätze aufeinander, wie sie stärker kaum sein könnten. Bitch wird mit einer Gruppe weiterer rumänischer Straßenkinder in einer Plattenbauwohnung von Cristu einkaserniert. Täglich muss jeder 500 Euro einbringen, sonst gibt es Ärger und Schläge. Die jungen Darsteller sind überzeugend ausgewählt: Mit leerem Blick, blassen Gesichtern und hohlen Wangen kuschen sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Patron und organisieren ihr tristes Zusammenleben, das mehr einem wortkargen nebeneinander Aushalten gleicht, als einer erträglichen Jugend. Cristu, der seine Klaukinder mit strengem Regiment führt, ist im Drehbuch zunächst angenehm von klassischen Schurken-Klischees befreit. Als ambivalente Persönlichkeit angelegt und teilweise mit väterlicher Fürsorge ausgestattet, entwickelt sich der Kinderdieb entgegen der Sehgewohnheiten erst im Schlussdrittel zum finsteren Bösewicht.

Spätestens da kippt die Dramaturgie des Films, die bis hierhin so überzeugend wirkte, und aus dem anfangs so leisen und gut beobachteten Kinodrama wird ein Fernsehfilm, so spannend wie ungefähr eine „Tatort“-Folge – nur ohne Polizeiblaulicht und Kommissare. Bitch, die durch die Freundschaft zum deutschen Schickimicki-Mädchen Milka (Sina Tkotsch) zum ersten Mal die Unbeschwertheit der Jugend kennenlernt, sucht nach einem Ausweg aus ihrem Leben, genauso wie das Drehbuch, das jetzt immer schablonenhaftere Figuren produziert, die unentschlossen und ohne Bedeutung durch den Film tapern.  „Gott sieht mich nicht, er sieht nur die Laus auf meinem Kopf. Doch eines Tages werde ich groß sein“, sagt eines der Kinder – reden 12-jährige Kinder wirklich so heutzutage? 

Dennoch kann „Beautiful Bitch“ als Jugenddrama überzeugen, weil es über weite Strecken glaubhaft und unprätentiös die Folgen von rumänischem Menschenhandel zeigt, der indirekt auch eine Folge der Ceaucescu-Diktatur ist. Unter der Schreckensherrschaft war Abtreibung verboten, und so füllten sich die Waisenhäuser mit unerwünschten Kindern, die schon bald ins Visier der Schmuggler gerieten. Am Ende des Films springt Bitch in einen Fluss und schwimmt zum ersten Mal in ihrem Leben – eine bemühte Metapher, die stellvertretend für den etwas kantigen Umgang mit den gewollten, emotionalen Filmmomenten steht.  

David Siems

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Ein Film, der ein prinzipielles Problem aufwirft. Es ist nicht so ganz sicher, ob man den Rumänen antun darf, was ihnen hier zugeschrieben wird. Auf der anderen Seite ist die Beweislage gegeben, so dass Autor und Regisseur Martin Theo Krieger schon so verfahren konnte, wie er es getan hat. Es geht darum, dass rumänische Kinder bandenmäßig darauf abgerichtet werden, in anderen Ländern – in diesem Fall in Deutschland – Menschen zu bestehlen.

Hier sind es Kinder, die in Düsseldorf ihrem zweifelhaften Handwerk nachgehen: die 15jährige Bica, auch „Bitch“ genannt, und die noch jüngeren Nicu, Constantin und Silviu. Der frühere rumänische Polizist Cristu ist ihr „Patrone“. Er hält sie in einer anonymen verdreckten Wohnung in irgendeinem Hochhaus wie Sklaven. Mehrere hundert Euro muss jedes Kind täglich beibringen. Ein Teil der Beute wird ihnen als Lohn versprochen, aber ob sie je etwas davon sehen, steht in den Sternen.

Verlassen dürfen die Kinder die Wohnung nur zur täglichen „Arbeit“. Bica und Nicu verschaffen sich dennoch ab und zu Luft, einmal sogar bei einer Wochenendparty im Grünen. Bica macht bei Andrejs Street-Basketball-Ballett mit, vor allem aber gewinnt sie wenn auch erst nach langem Zögern Milka zur Freundin, eine hübsche, schon mit allen Wassern gewaschene Wohlstandsgöre, die jeden Luxus besitzt und ihre Eltern nur noch als lästiges Beiwerk empfindet, von dem man profitieren kann. 

Bica und Milka kommen aus Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, finden aber eng zusammen – auch als es brenzlig wird, Cristu, in die Enge getrieben, die Kinder verfolgt, die mit Milkas und Andrejs Hilfe fliehen wollen, Nicu sich das Leben nimmt und Bica wieder heimwärts ziehen will.

Ein realistisch wirkender, traumatischer, einem zuweilen den Hals zuschnürender, aufregend inszenierter Film, der wohl ein tatsächliches Phänomen wiedergibt und dieses in vielfältigen Szenen ausgiebig illustriert. Dreien der Beteiligten ist besonderes Lob zu zollen: dem Autor und Regisseur für eine beachtliche Arbeit, dem Darsteller des Cristu (Patrick von Blume) für die Verkörperung seiner abgefeimten Figur und – vor allem – der jungen Katharina Derr, die die Bica spielt. Sie ist so schmerzgezeichnet, zurückhaltend, präsent und glaubhaft, dass man nur staunen kann.

Thomas Engel