Bella e Perduta – Eine Reise durch Italien

Ein sprechender Büffel, ein Pulcinella, der Dreck von Neapel. Dies sind nur einige der vielfältigen Elemente, die Pietro Marcello in seinem wunderbaren Essayfilm „Bella e Perduta – Eine Reise durch Italien“ zusammenbringt, um vom kulturellen, moralischen Verfall seines Landes zu erzählen. Und von einem Mann, der sich dagegenstellte.

Webseite: www.grandfilm.de

Italien 2015 – Essayfilm
Regie: Pietro Marcello
Buch: Maurizio Braucci, Pietro Marcello
Länge: 87 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 14. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Ursprünglich wollte Pietro Marcello einen Film über ganz Italien drehen, doch dann stieß er auf den Schafhirten Tomasso Cestrone. Dieser einfache, nicht besonders gebildete Mann hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den königlichen Palast von Carditello vor dem Verfall zu bewahren. Im 18. Jahrhundert von den Bourbonen errichtet, in einer reichhaltigen Kulturlandschaft, die drei Ernten pro Jahr ermöglichte, verfiel der Palast seit dem Zweiten Weltkrieg zusehends und diente zuletzt der Mafia als Waffenversteck. Der Staat hatte augenscheinlich kein Interesse an diesem kulturellen Erbe und so war es Cestrone, der sich um den Palast kümmerte, so weit es in seinen Kräften lag.

Eine Dokumentation über diesen Engel von Carditello, wie er in von den Teilen der Bevölkerung genannt wurde, die seine aufopferungsvolle Arbeit guthießen, wollte Marcello drehen, doch dann starb Cestrone plötzlich. Ohne seinen Hauptdarsteller musste Marcello improvisieren und nutzte einen heranwachsenden Büffel, den Cestrone gerettet hatte, als Ausgangspunkt. Dieser Büffel, der in der Massentierhaltung zum Zwecke der Mozzarella-Produktion überflüssig war (ähnlich der männlichen Küken, die in Deutschland zu Millionen gleich nach dem Schlüpfen geschreddert werden) entwickelt sich zum roten Faden des Films. Ganz selbstverständlich lässt Marcello ihn reden, lässt ihn über das Verhältnis von Mensch, Tier und Natur reflektieren. Allein ein Pulcinella, eine weißgekleidete Figur aus der Commedia dell'Arte kann ihn hören, denn in der Tradition Süditaliens, ist diese Figur ein Halbgott, der den Lebenden Nachrichten von den Toten überbrachte.

Die Nachricht des verstorbenen Cestrone ist deutlich, ist ein Aufruf dazu, die eigene Kultur, die Natur zu bewahren, sich ihrer bewusst zu werden. Und sich nicht zuletzt gegen den Einfluss der Mafia zu wehren, die hier, in Kampanien, unweit von Neapel, Camorra heißt. Die Bilder der von Müllbergen gesäumten Straßen waren auch in Deutschland für ein paar Tage Nachrichtenthema, bevor sie von Anderem verdrängt wurden. In Italien ist der Müll immer noch da, vor allem unter der Erde, wo auf illegalen und oft extrem umweltverschmutzenden Deponien Müll vergraben wird.

Hätte Pietro Marcello eine wütende Abrechnung über diese Zustände gedreht, niemand hätte es ihm verdenken können. Doch er wählt eine andere Herangehensweise, einen anderen Ton: „Bella e Perduta“- Schön und verloren, ähnelt einer Elegie, einem Abgesang an ein kulturell so überreiches Land, das sich scheinbar nicht dem Sumpf der Korruption und der Mafia entziehen kann. Vor allem ist er aber eine Ode an ein Land, eine Kultur und einen Mann, der sich tatsächlich allein gegen den Verfall stellte. Nicht als pathetisches Heldengedicht zeigt Marcello den Einsatz Cestrones, sondern als altruistisches Handeln, wie es in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr häufig zu finden ist.
 
Michael Meyns