Benjamin Button, Der seltsame Fall des…

Ohne Frage ist David Finchers Verfilmung einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald einer der ambitioniertesten Filme, die Hollywood in jüngster Zeit gewagt hat. Die Geschichte eines Mannes der alt geboren wird und jung stirbt verwandelt Fincher in einen epischen, um nicht zu sagen bombastischen Film, dem es am Ende sogar gelingt, die Macht seiner überwältigenden Bilder und bahnbrechenden Spezialeffekte zu überwinden und eine Seele zu entwickeln.

Webseite: www.benjaminbutton-derfilm.de

OT: The Curious Case of Benjamin Button
USA 2008
Regie: David Fincher
Buch: Eric Roth, nach der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald
Kamera: Claudio Miranda
Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Brad Pitt, Cate Blanchett, Tilda Swinton, Julia Ormond, Elias Koteas, Jason Flemyng, Jared Harris
Länge: 167 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 29. Januar 2009

PRESSESTIMMEN:

 

Ein Kunstwerk, zum Klassiker bestimmt.
(KulturSPIEGEL)

Ein mitreißendes Melodram… bewegend und oscar-würdig… ein Meisterwerk… Kino der großen Gefühle… Hollywoods größter Liebesfilm seit James Camerons ‘Titanic’… rührend, ohne rührselig zu sein… subtil und eindringlich…
DER SPIEGEL

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FILMKRITIK:

Kaum 20 Seiten lang ist die 1921 veröffentlichte Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald. Schon lange versuchte Hollywood eine Verfilmung, doch erst mit den inzwischen zur Verfügung stehenden Spezialeffekten erschien die Umsetzung machbar. Das Ergebnis hat mit der Kurzgeschichte kaum mehr als das Grundkonzept gemein: Benjamin Button wird im Körper eines alten Mannes geboren und lebt sein Leben rückwärts. Während die ihn umgebenden Personen langsam altern, wird Benjamin immer jünger, zumindest äußerlich. 

Weit mehr ähnelt die Adaption von Eric Roth dessen Drehbuch zu „Forrest Gump“, der ebenfalls einen außergewöhnlichen Charakter bei dessen Gang durch die Geschichte beobachtete. Allzu weit sollte man die Parallelen dieser beiden Filme jedoch nicht führen. Denn während „Forrest Gump“ sich einer schlichten, lebensbejahenden, kitschigen Sicht auf das Leben verschrieben hatte, ist „Benjamin Button“ ungleich düsterer. Von Anfang an, wenn der als Baby schrumpelig wie ein Greis aussehende Benjamin vor der Tür eines Altenheims abgelegt wird und von seiner zukünftigen Ersatzmutter gefunden wird, durchzieht ein elegischer Ton den Film. Benjamin wächst dort auf, wo alte Menschen sterben, er freundet sich mit ihnen an, lernt von ihnen, doch die Nähe des Todes, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens ist jederzeit Präsent. Nicht zuletzt weil der Film als epische Rückblende angelegt ist und auf dem Sterbebett von Daisy beginnt. 

Man braucht eine ganze Weile, bis man realisiert, dass sich hinter der Maske dieser alten Frau Cate Blanchett verbirgt, die Benjamins große Liebe spielt. Als kleines Mädchen hatte sie ihn kennen gelernt, nie den Kontakt mit ihm verloren, auch dann nicht, als er als Seemann um die Welt fuhr. Während Benjamin – der nun, nach gut einer Stunde von Brad Pitt gespielt wird, dessen altes Gesicht vorher komplett im Computer entstanden war – in Moskau eine kurze Affäre mit der Engländerin Elizabeth (Tilda Swinton) hat, geht Daisy nach New York und studiert Ballett. All das erfährt Daisys Tochter Caroline (Julia Ormond) erst jetzt, kurz vor dem Tod ihrer Mutter. 

Teils aus dem Tagebuch Benjamins, aus dem sie vorliest, teils aus den mühsam hervorgebrachten Worten ihrer Mutter setzt sich die Geschichte zusammen, oft von subtiler Subjektivität geprägt. Durch diese Erzählweise, die vielfältige, gegenläufige Richtungen aufweist, tritt die ganze Tragik des Konstrukts zu Tage. Nur für wenige Jahre, in der Mitte ihrer jeweiligen Leben, können Benjamin und Daisy zueinander finden, sind sie gleich alt und doch ist ihr kurzes Glück vom Wissen geprägt, das es nicht von Dauer ist. Während Benjamin sich von einem Mann zum Teenager (zurück)-entwickelt, wird Daisy langsam zur alten Frau, das Zeitfenster schließt sich, das Schicksal trennt das Paar.

Hier, im letzten Drittel der Geschichte, in der aus dem analytischen Konstrukt eine Metapher für verpasste Zeitpunkte und vergangene Chancen wird, findet „Benjamin Button“ zu der Emotionalität, die ihm zuvor oft fehlte. Vom ersten Bild an, wenn sich aus herabfallenden Knöpfen die Logos der Filmstudios bilden, ist er von außerordentlicher technischer Perfektion geprägt. Zwar neigt Fincher nicht zu selbstverliebten Bildern und betont immer wieder, dass für ihn die Technologie nur Mittel zum Erzählen einer Geschichte ist, doch die Geißel der Technik kann er erst spät abstreifen. Die kühle Perfektion mit der Fincher inszeniert, die absolut lebensecht wirkenden Inkarnationen Benjamins, für den Brad Pitts im Computer gealtertes Gesicht mittels kompliziertester Technik auf Körper von dem jeweiligen Alter entsprechenden Männern gesetzt wurde, überschatten lange die Implikationen der Geschichte. Ein kaum aufzulösender Zwiespalt, denn ohne die Mittel modernster Technik wäre diese Geschichte im Kino kaum zu erzählen. Doch allein das Wagnis dieses Films, seine Perfektion nötigen Respekt ab. Und bei aller überwältigenden Technik ist „Benjamin Button“ schließlich dann doch eine Reflektion über Leben, Tod und die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz.

Michael Meyns

Mark Twain sagte einmal: „Das Leben würde unendlich viel glücklicher verlaufen, wenn wir mit 80 geboren und uns langsam auf die 18 zubewegen würden.“ Diesen illusorischen Gedanken schnappte in den 20er Jahren F. Scott Fitzgerald auf und schrieb dazu eine Kurzgeschichte. Und nun ist nach langen Vorbereitungen ein Film daraus geworden.

Einer über ein kurioses Thema also, aber auch einer, der, je länger man im Kino sitzt, desto mehr berührt.

Benjamin Button wird 1918 als Greis geboren. Zu Tode erschrocken setzt ihn sein Vater Thomas Button in einem Altersheim aus. Die Mutter stirbt bei der Geburt. Queenie, die farbige Managerin des Altersheims, nimmt sich trotz des grausigen Aussehens und der rassigen Schranken liebevoll des Kindes an.

Benjamin wächst. Tizzy, Queenies Freund, ist der zweite Vater. Der Junge wird größer, heuert auf einem Schleppkahn an. Mike, der Kapitän, so etwas wie der dritte Vater, führt ihn weiter ins Leben ein, in ein manchmal zweifelhaftes allerdings.

Alle in Benjamins Umgebung werden älter, nur er wird jünger. In ein paar Jahrzehnten wird er ein Kleinkind sein.

Seine Liebe ist Daisy, die Ballettänzerin, die sein Leben begleitet und der Benjamin seinerseits immer wieder begegnet. Dessen Schicksal trennt sie oft, nur in beider Lebensmitte sind sie eine Zeit lang glücklich.

Der Film mag thematisch eine Spielerei sein. Doch er kann auch Anlass sein, innezuhalten und nachzudenken: über die Zeit, die jedem zur Verfügung steht; darüber, wie man ein Zusammensein nützen sollte; über den Sinn der menschlichen Existenz; über den Tod.

Mit einer Fülle von Geschehnissen, Andeutungen und Parabeln überrascht dieser Film thematisch, nachdem man eine Weile gebraucht hat, sich in ihn hineinzuversetzen. Mit akribischster Sorgfalt sind alle Vorkommnisse, Epochen und Ausstattungsteile formal gestaltet. Regie, Kamera und virtuelle Technik haben da Gutes zustande gebracht. Nur muss man eben auf die Beschäftigung mit einem etwas abwegigen Stoff eingehen.

Die Schauspielergarde ist vom Feinsten. Brad Pitt als Benjamin Button musste da wohl größte Anstrengungen unternehmen. Cate Blanchett ist eine fabelhafte Daisy. Das gilt genau so für Taraji P.Henson als Queenie. Weiter dabei Tilda Swinton, Julia Ormond, Jason Flemying oder Jared Harris und andere.

Thomas Engel