Berlin Calling

Er nennt sich DJ Ickarus und wie sein Namensgeber verbrennt auch er sich die Flügel gewaltig. Hannes Stöhr („One Day in Europe“, „Berlin is in Germany“) erzählt in seinem neuen Film aus dem rastlosen Leben eines Elektro-DJ’s, der aufgrund seines exzentrischen Lebensstils und den Folgen von Drogenkonsum in einer Nervenklinik landet. Bisweilen nimmt der Film die subjektive Wahrnehmungsebene seines Protagonisten ein, bleibt dann aber auch wieder sehr distanziert. Das Lebensgefühl der Generation Techno vermittelt „Berlin Calling“ aber dennoch.

Webseite: www.berlin-calling.de

Deutschland 2008
Regie: Hannes Stöhr
Darsteller: Paul Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch, Araba Walton, Peter Schneider, RP Kahl, Henriette Müller, Maximilian Mauff, Udo Kroschwald
105 Minuten
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 2.10.2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Er nennt sich DJ Ickarus und wie sein Namensgeber verbrennt auch er sich die Flügel gewaltig. Hannes Stöhr („One Day in Europe“, „Berlin is in Germany“) erzählt in seinem neuen Film aus dem rastlosen Leben eines Elektro-DJ’s, der aufgrund seines exzentrischen Lebensstils und den Folgen von Drogenkonsum in einer Nervenklinik landet. Bisweilen nimmt der Film die subjektive Wahrnehmungsebene seines Protagonisten ein, bleibt dann aber auch wieder sehr distanziert. Das Lebensgefühl der Generation Techno vermittelt „Berlin Calling“ aber dennoch.

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Auch wer nicht unbedingt ein Fan von Technomusik und Raves ist, wird vom Sound von „Berlin Calling“ schnell in Bann gezogen. Regisseur Hannes Stöhr kommt in seiner Geschichte des erfolgreichen Elektrokomponisten DJ Ickarus, der kurz vor Fertigstellung eines neuen Albums steht und aufgrund falscher Drogen in einer Nervenklinik landet, sehr schnell auf so universelle Themen wie Kunst und Freiheit, Wahnsinn und Ekstase zu sprechen. Er zeichnet seinen Helden als einen Menschen, der abtaucht in seine eigene Welt und dem der Sinn für Realität verloren geht. Ein Absturz ist vorprogrammiert, beruflich wie privat, physisch wie psychisch.

Weil DJ Paul Kalkbrenner im richtigen Leben ein weltweit angesagter Tanzflächenbeschaller ist, könnte man schnell einen Film über sein Leben als DJ vermuten. In erster Linie aber ging es Hannes Stöhr weniger um ein Künstlerporträt denn um einen Film über jene Szene und jene Zeit, in der sich dieser fiktive DJ Ickarus bewegt. Als Fußballfan, der Hannes Stöhr ist (was ja auch schon in „One Day in Europe“ anklang), lässt er seine Hauptfigur immer wieder als Markenzeichen internationale Fußballertrikots tragen. Kalkbrenner bleibt in seiner ersten Rolle als Schauspieler distanziert und unnahbar, spielt seine Figur also ganz so, wie man sich einen abgekapselt von der Welt unter seinen Kopfhörern durch die Nächte und Clubs reisenden DJ vorstellt. Leere Blicke und oft hinter der Sonnenbrille versteckte Augen erschweren es, die Gefühle und Gedanken dieses Mannes zu erkennen. Auch seine Freundin und Managerin Mathilde (Rita Lengyel) hat damit ihre Probleme.

Sie kann nicht verhindern, dass Ickarus Entspannung in Pillen sucht. Pech für den sensiblen Künstler, dass diese wie ein übler Horrortrip wirken. Stöhr versucht die Wirkung der Drogen auch auf der Bild- und Tonspur erfahrbar zu machen, durch leichte Ruckler der Kamera oder sich verdoppelnde und verschiebende Bilder etwa oder durch den Einsatz von Hall. Doch auf Wahnsinn und Ekstase folgt bald schon die Ernüchterung. Corinna Harfouch ist die resolute Klinikärztin, die den neuen Patienten von seinen schizophrenen Schüben und seiner Sucht heilen soll. Zunächst für ihn freiwillig und sogar mit der Möglichkeit, auch in der Klinik weiter an seinem Album arbeiten zu können. Nachdem er sich aber nicht an die Spielregeln hält und zur Gefahr für sich und andere wird, unter Androhung von Zwang. Auch der Ikarus der griechischen Sage musste schließlich seinen Preis dafür zahlen, dass er unvernünftig nahe an die Sonne flog.

Apropos fliegen: am Anfang wie am Schluss sieht man DJ Ickarus mit Mathilde in einem Flughafengebäude sitzen und warten. Ob das, was im Film erzählt wird, nur ein Traum war oder er nach dem Absturz doch wieder ein Happy-End mit einer Rückkehr auf die Bühnen der Clubs und Raves feiern durfte, darüber mag der Zuschauer selbst entscheiden. Fest steht: der Motor für berauschende Parties zu sein ist beileibe kein Zuckerschlecken, der Preis dafür mitunter hoch. Naheliegend übrigens, dass DJ Paul Kalkbrenner den in den Bauch und in die Beine gehenden Soundtrack (bis auf einen Titel) für diesen exzentrischen Ausflug in die Berliner Technoszene komponierte. Wo das musikalische Prinzip von Techno jedoch Wiederholung verlangt, sorgt im Laufe des Films das Zitieren bekannter Handlungsmuster für einen gewissen Leerlauf. „Berlin Calling“ verdeutlicht aber auch, dass in diesem Segment der Unterhaltungsbranche ein gewisses Maß an Irrsinn zum Alltag gehört.

Thomas Volkmann

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Der Berliner Martin Karow komponiert am Computer elektronische Rockmusik. Er gibt Alben heraus, reist aber auch als DJ „Ikarus“ durch die in- und ausländische Clubszene. Die Mutter ist tot, der Vater evangelischer Pfarrer. Der Bruder ist kein verrückter Rocker, sondern ein „anständiger Mensch“. Martins Freundin ist Mathilde. Sie passt auf den Musiker auf. Und das ist auch dringend notwendig. Denn Ikarus, der sich voll als Künstler begreift, lebt zwischen Himmel und Hölle, zwischen Komponieren und Drogendelirium, zwischen Schaffenskraft und Apathie, zwischen Partys und Einsamkeit, zwischen DJ-Erfolg und Komponistenabsturz.

Die Schizophrenie geht so weit, dass Mathilde ihn verlässt und sich mit ihrer lesbischen Freundin Corinna zusammentut, dass außerdem Martins Labelchefin die Zusammenarbeit aufkündigt. Jetzt bleiben Ikarus nur noch sein Dealer und die Groupie Jenny. Der Sturz ist so tief, dass der Musiker zur Professorin Petra Paul in die Nervenklinik muss. Aber auch dort geht die äußere und innere Achterbahnfahrt noch lange Zeit weiter. Wird Ikarus sein nächstes Elektromusik-Album schaffen? Und was wird aus ihm und Mathilde?

Hannes Stöhr wollte kein Musikerportrait aus der Vergangenheit schaffen, wie sie jüngst aus den USA zu sehen waren, sondern erklärtermaßen eines aus der Gegenwart, ein rocker-, disco- und zeittypisches. Es ist formal erlaubt, dass man zur besseren Sichtbarmachung, gegebenenfalls auch zur künstlerischen Überhöhung, zu extremen Situationen greift. Und genau das ist hier geschehen.

Ikarus ist stark behaftet mit beinahe überirdischer Vision, aber auch tagtäglichem Normalleben, mit musikalisch-handwerklicher Kreativität, aber auch Leerlauf, mit Partyfreuden, aber auch Außenseitertum, mit Konzerthöhepunkten, aber auch nervlichem Zusammenbruch. Gestaltet ist das alles o.k. – man muss allerdings gegenüber dem Thema aufgeschlossen sein.

Es tut sich in diesem Film viel an charakteristischem Ambiente und schauspielerischer Fähigkeit. Besonders Paul Kalkbrenner ist hier zu nennen, der ja eigentlich Komponist und DJ ist, in „Berlin Calling“ jedoch zu beachtlicher darstellerischer Form aufläuft.

Thomas Engel