Besucherin, Die

In ihrem Debütfilm erzählt Lola Randl, wie die gut sortierte Welt der Wissenschaftlerin Agnes – Mann, Kind, Job, Einfamilienhaus – auf einmal ins Wanken gerät, als Agnes ihrer Schwester einen Gefallen tut und auf eine fremde Wohnung aufpasst. Zunächst fährt sie immer öfter dorthin und träumt sich in das Leben der Bewohner. Dann beginnt sie eine Affäre mit einem Unbekannten. Die souverän erzählte Geschichte eines halben Ausbruchs.

Webseite: www.die-besucherin.de

Deutschland 2008
Regie und Buch: Lola Randl
Kamera: Philipp Pfeiffer
Schnitt : Natali Barrey
Darsteller : Sylvana Krappatsch, André Jung, Samuel Finzi
Länge: 104 Minuten
Verleih: Filmlichter
Startermin: 14.5.2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Schon die ersten Filmminuten charakterisieren Agnes als außerordentlich organisierte Frau. Konzentriert fährt sie Auto, als plötzlich ein dumpfer Knall zu hören ist. Sie hat einen Mann überfahren. Agnes steigt aus, hält die Passanten davon ab, den Verletzten zu bewegen, fühlt seinen Puls und erzählt später seelenruhig der Polizei, dass der Mann vom Balkon gesprungen sein muss – so plötzlich ist er vor ihrem Auto aufgetaucht. Die ganze Zeit bleibt sie beherrscht und rational, von Panik oder Verstörung ist nichts zu merken.

 

Auch zu ihrer Familie und den Kollegen ist Agnes zwar nicht direkt unfreundlich aber doch ziemlich barsch. Die Arbeit wird zackig organisiert, das Leben ihres Lebenspartners und ihrer Tochter nimmt sie nur noch so am Rande wahr und für die Eskapaden ihrer Schwester Karola hat sie überhaupt kein Verständnis. Dennoch übernimmt sie zähneknirschend die Verpflichtung nach einer leeren Wohnung zu sehen, während Karola in den Süden abrauscht.  

Nach dem ersten Blumengießen fährt Agnes immer öfter heimlich in die Wohnung, wandert in ihr umher, hört den Anrufbeantworter ab und als der Besitzer auftaucht, beginnt sie eine wortlose Affäre mit ihm. Wie schlafwandelnd folgt sie ihrer Neugier und setzt dabei zielstrebig ihr Kleinfamilien-Glück aufs Spiel.

Auf den ersten Blick ist DIE BESUCHERIN eine versöhnliche, sehr souverän erzählte Geschichte von einer kleinen Eskapade, die einer bürgerlichen Kleinfamilie wieder zu neuem Glanz verhilft. Agnes und alle ihre Bezugspersonen werden in wenigen Einstellungen eindeutig charakterisiert. Nicht direkt stereotyp aber auch nicht sehr facettenreich. So enthält etwa das abendliche „Ich schlafe schon“, mit dem Agnes und Walter aushandeln, wer wem einen Gute-Nacht-Kuss geben muss, die ganze Vertrautheit und auch ein bisschen von der Langeweile einer langjährigen Beziehung. Diese Vertrautheit setzt Agnes aufs Spiel und zu ihr kehrt sie am Ende wieder zurück. Alles wird gut.

Andererseits ist da die Sehnsucht von Agnes, die auch eine Sehnsucht des Films zu sein scheint. Während Agnes sich in einer fremden Wohnung in ein fremdes, freizügigeres Leben träumt, scheint der Film selbst sich in die 70er Jahre, und damit in eine Zeit größerer künstlerischer und sexueller Freiheit, zu träumen. Namen wie Bruno, Walter, Theresa und Agnes, Lampen und Einrichtungsgegenstände und das Ambiente der Flucht-Wohnung rufen Erinnerungen an die Elterngeneration wach und in ihrem Outfit aus Sekretärin-Rock, Bluse und College-Pumps könnte Agnes problemlos in einem frühen Polanski mitspielen.

Doch das sind nur Ahnungen, vielleicht auch nur ein postmodernes Spiel. Wie Agnes wählt Lola Randl am Ende die sichere Option und kehrt zu den vertrauten Konventionen zurück. Es bleiben keine Fragen offen, außer einer: was würde passieren, wenn Agnes und Randl ihre Obsessionen weiter verfolgen würden?

Hendrike Bake

Agnes ist Neurowissenschaftlerin, ihr Mann Walter Krimiautor. Leni geht noch in die Schule. Davon, dass Walter und Agnes sich nicht lieben würden, kann nicht die Rede sein, auch wenn beide ein absolut unabhängiges Leben führen.

Agnes übernimmt von ihrer Schwester Karola widerwillig den Auftrag, in ihrer Abwesenheit bei Freunden, dem Ehepaar Bruno und Teresa, ebenfalls abwesend, die Blumen zu gießen. Agnes hält sich in der Wohnung auf, schläft einmal ein. Da taucht Bruno auf, der Teresa bei einem Autounfall verloren hat, als diese mit ihrem Liebhaber auf Korsika weilte.

Zwischen Bruno und Agnes entwickelt sich ein rein sexuelles Verhältnis, ebenso nüchtern wie praktisch-bedürfnisgerecht, ebenso leidenschaftlich wie im Ungewissen verbleibend.

Die Entfremdung von Ehemann Walter kann unter diesen Bedingungen nicht ausbleiben. Sie schreitet kühl und unerbittlich voran.

Die Beziehung zu Bruno dürfte jedoch keinerlei Zukunft haben. Nur: Die Trennung von Walter steht bereits vor der Tür. Kann alles noch repariert werden? Hoffnung besteht, dass Agnes und Walter sich im „neuen Leben“, das beide zu beginnen beschlossen, wieder begegnen.

Ein „Zwischenfall“ im Eheleben eines überaus mündigen Paares, ein unnützer, zufälliger, unbeabsichtigter, zu schweren Komplikationen führender, folgenschwerer Zwischenfall, aber eben ein Zwischenfall.

Regiemäßig und formal ist das sachlich, logisch, zwingend in seinen Auswirkungen und Folgen, quasi unaufhaltsam gezeigt. Ein Alltags- und Allerweltsstoff – spezielle, effektvolle Kinoeigenschaften fehlen dem Film denn auch.

Sehr gut sieht es bei den Schauspielern aus. Sylvana Krappatsch spielt die Agnes durchgehend wahrhaftig und real wirkend. Samuel Finzi als Walter und André Jung als Bruno machen es ihr nach.

Ehe-, Alltags- und Allerweltsdrama, aber gut gemacht.

Thomas Engel