Betty Anne Waters

Verdächtig oft sucht sich die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank starke Frauenrollen aus, angefangen von der Boxerin in „Million Dollar Baby“ bis hin zur Pilotinnen-Legende und Suffragette Amelia Earhart. Auch in dem packenden Justizdrama „Betty Anne Waters“ beeindruckt sie als mutige Frau, die fast zwanzig Jahre lang unerschütterlich um die Freilassung ihres unschuldig verurteilten Bruders kämpft. Wie einst im erfolgreichen Ökothriller „Erin Brokovich“ ist das Schicksal der gleichnamigen Alltags-Heldin aus dem Leben gegriffen, ganz nach dem Motto: Life is stranger than fiction. Und so präsentiert Regisseur und Schauspieler Tony Goldwyn Hollywood-Kino von seiner besten Seite.

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USA 2010
Regie: Tony Goldwyn
Darsteller: Hilary Swank, Sam Rockwell, Minnie Driver, Melissa Leo, Loren Dean, Juliette Lewis, Peter Gallagher
Drehbuch: Pamela Gray
Länge: 105 Minuten
Verleih: Filmverleih Tobis
Kinostart: 17. März 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Ein schönes Vermächtnis wäre für mich“, sagt Hilary Swank, „einige gute Filme zu hinterlassen, die den Zuschauern sagen, dass sie im Leben niemals aufgeben sollen.“ Diesem Ziel ist die geborene Draufgängerin wieder ein Stück näher gekommen. Denn genau diese Botschaft vermittelt der neue Film der 36jährigen. Zudem basiert die David gegen Goliath-Fabel auf einer wahren Story: Der bewegenden Geschichte einer innigen, aufopferungsvollen Geschwisterliebe und dem unerschütterlichen Kampf einer mutigen Frau.

Betty Anne Waters (Hilary Swank) stammt aus einfachsten Verhältnissen. Die junge Ehefrau besitzt weder Geld noch Bildung. Sie führt ein ganz normales Kleinstadtleben in Ayers, Massachusetts bis die Polizei eines Tages in einen Fertighaus am Ortsrand eine verstümmelte Frauenleiche findet. Denn die ortsansässige Streifenpolizistin Nancy Taylor (Melissa Leo) versucht ihrem älteren Bruder Kenny (Sam Rockwell) den Mord in die Schuhe zu schieben. Nach dem ersten Verhör muss die zwielichtige Polizistin den als Hitzkopf bekannten Charmeur jedoch wieder laufen lassen. Zwei Jahre später freilich schlägt die Polizei erneut zu. Kenny, der seine Unschuld immer wieder beteuert, wird der Prozess gemacht. Ohnmächtig erlebt seine Schwester wie ihn mehrere Zeugen, darunter seine beiden ehemaligen Freundinnen, schwer belasten. Der Richter verurteilt ihn wegen Mordes zu lebenslanger Haft.

Verzweifelt verspricht Betty ihrem Bruder noch im Gerichtssaal ihn unter allen Umständen aus dem Gefängnis zu holen. Die zweifache Mutter macht ihren Schulabschluss nach, kellnert nachts und studiert verbissen Jura, um ihren Bruder als Anwältin helfen zu können. Doch kurz vor ihrer Anwaltsprüfung verlässt sie nicht nur ihr Ehemann Rick (Loren Dean) sondern sie verliert auch das Sorgerecht für ihre beiden Söhne Ben und Richard. Völlig depressiv und am Boden zerstört vergräbt sie sich zuhause.
Ihre Mitstudentin und beste Freundin Abra (Minie Diver) schafft es sie aus dieser Lethargie zu reißen. Erneut nimmt Betty Anne den Kampf um die Freiheit ihres Bruders auf. Schließlich verspricht ihr der prominente New Yorker Anwalt Barry Scheck (Peter Gallagher), sie zu unterstützen, falls sie die Prüfung besteht. Mehr als einmal erscheint die Lage trotzdem mehr als hoffnungslos. Der Fall ist inzwischen längst verjährt, vom Beweismaterial fehlt jede Spur und die Zeugen von damals wenig kooperativ. Doch Aufgeben kommt für Betty Anne nicht mehr in Frage.

Regisseur Tony Goldwyn gelingt das Kunststück, ein Justizdrama mit gerade einmal zwei Szenen in einem Gerichtssaal zu inszenieren. Nicht die Verhandlungen stehen im Mittelpunkt, sondern die Entschlossenheit der Figuren und die spannende kriminalistische Recherche. Dabei bleiben Goldwyn und die Kamera sehr nahe an ihrer Heldin. Stück für Stück kommt sie der Wahrheit näher, während sie sich unerschrocken mit den Tücken des amerikanischen Rechtssystems herumschlägt. Hilary Swank, deren eigene Biographie verblüffende Parallelen zur Hauptfigur aufweist, beeindruckt erneut durch glaubwürdig mimisches Feingefühl und großes Gespür für menschliche Dramen.

Die Tochter eines Handlungsreisenden wächst mit ihrem acht Jahre älteren Bruder James als vernachlässigtes Kind in einer Wohnwagensiedlung nördlich von Seattle auf. Der Vater verlässt die Familie bald. Hilary und ihre Mutter ziehen nach Hollywood, mit nichts als 75 Dollar in der Tasche. Die erste Zeit schlafen sie im Auto. Die willensstarke Brünette mit den herben Gesichtszügen ist inzwischen die Leistungssportlerin unter Hollywoods großen Schauspielerinnen: unermüdlich auf der Suche nach Herausforderungen – und nie zimperlich mit sich selbst. Als Vorbereitung für das Drama „Boys Don’t Cry“ läuft sie wochenlang mit abgebundenem Busen herum, um sich in den Körper eines Jungen ein zu fühlen. Der Lohn der Mühen: Oscar Nummer eins.

Genauso besessen wirft sie sich fünf Jahre später in den Boxring. Für „Million Dollar Baby“ legt sie zehn Kilo Muskelmasse zu, schindet und quält sich, bis ihre Oberarme hart wie Eisenträger sind. Kein Wunder also, dass die unprätentiöse Amerikanerin aus dem Mittleren Westen auch in ihrem neuen Biopic zu absoluter Bestform aufläuft. Aber auch Sam Rockwell, als ihr unberechenbarer Bruder und Minie Driver als burschikose, beste Freundin überzeugen in der unsentimentalen, schnörkellosen Inszenierung mit Independent-Blick. Dass die Realität doch noch um einiges dramatischer war als der Film sei nicht zuletzt deshalb verziehen. Denn nach nur sechs Monaten in Freiheit starb der echte Kenny Waters durch einen tragischen Unfall.

Luitgard Koch

Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt „Betty Anne Waters“ von einem unschuldig inhaftierten, den seine Schwester nach Jahren des Kampf aus dem Gefängnis befreit. Einmal mehr spielt Hillary Swank sehr überzeugend eine starke Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und gegen alle Widerstände siegt. Ein sehr amerikanischer Film, sentimental, pathetisch und trotz einer eher banalen Inszenierung mitreißend.

Betty Anne Waters (Hillary Swank) und ihr Bruder Kenny (Sam Rockwell) stehen sich so nah, wie sich Geschwister nur sein können. Zeit ihres Lebens gaben sie sich Halt, unterstützen sich im Kampf gegen ihre ärmliche Herkunft, ihre überforderte Mutter, die wechselnden Pflegefamilien, in denen sie meist aufwuchsen. Nun ist Betty Anne verheiratet und hat zwei Kinder, während Kenny ein Hallodri ist, der auch den örtlichen Polizisten als zwar oft unbeherrschter, aber essentiell harmloser Mann bekannt ist. Doch eines Tages wird er beschuldigt, einen brutalen Mord begangen zu haben. Und auch wenn Betty Anne – und mit ihr der Zuschauer – von seiner Unschuld überzeugt ist, wird Kenny verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. In Deutschland und fast allen anderen Ländern, hätte Betty Anne Waters nun vermutlich mit dem System gehadert, das unschuldige Menschen verurteilt, hätte vielleicht Petitionen geschrieben und irgendwann resigniert aufgegeben. Nicht so in Amerika. Getreu dem Motto folgend, dass jeder seines Glückes Schmied ist, beginnt Betty Anne Waters Jura zu studieren, wird Anwältin und befreit ihren Bruder nach 18jährigem Kampf eigenhändig aus dem Gefängnis. Das ist eine so unglaubliche wie wahre Geschichte, die sich zwischen 1983 und 2001 zugetragen hat und natürlich gefundenes Fressen für einen Hollywood-Film ist.

Und wer wäre für die Hauptrolle besser geeignet als die zweimalige Oscar-Gewinnerin Hillary Swank, die hier nicht zum ersten Mal eine betont inspirierende Frau spielt, die zeigt, was man alles erreichen kann, wenn man nur an sich glaubt. Ungeschminkt und mit unverkennbarem Unterschichten-Akzent wirkt sie in Uni Hörsälen und Kanzleien vollkommen fehl am Platz und gerade deswegen fliegen ihr die Sympathien zu. Es ist ein Kampf zwischen David gegen Goliath, zwischen einer kleinen Frau und dem unüberwindlich scheinendem Rechtssystem der USA, der hier geschildert wird. Vor allem aber auch eine Geschichte über Familienzusammenhalt und die Frage, ob Betty Anne Waters ihr eigenes Leben für das ihres Bruders geopfert hat. Immer wieder wird Betty Anne diese Frage gestellt, immer wieder scheint sie vor einem ausweglosem Hindernis zu stehen, beginnt ihre Überzeugung wie ein Wahn zu wirken, doch immer wieder wird ihre Sturheit belohnt. Nicht zuletzt die technische Entwicklung hilft ihr: Erst die Möglichkeit des DNA-Tests erlaubt es, alte Blutspuren präzise einer Person zuzuordnen und deren Schuld oder Unschuld eindeutig festzustellen. Hunderte Verurteilte sind durch diese Möglichkeit in den letzten zwei Jahrzehnten nachträglich freigesprochen worden, wobei die Anzahl derer, die immer noch unschuldig im Gefängnis sitzt, gerade Personen aus der Unterschicht, die sich keine teuren Anwälte leisten können, nicht unerheblich sein dürfte.

Angesichts dieser Tatsachen und der mitreißenden Darstellung vor allem von Hillary Swank, kann man sich der Emotionalität dieses Films kaum entziehen. Auch wenn Regisseur Tony Goldwan seine Herkunft vom Fernsehen nicht kaschieren kann, die Inszenierung eher hölzern und banal ist: „Betty Anne Waters“ ist klassisches amerikanisches Underdog-Kino, in dem das unbeirrbare Individuum nach langem Kampf gegen das statische System siegt.

Eins aber hat der Film weggelassen: Die bittere Ironie der Wirklichkeit. Nur ein paar Monate nach seiner Freilassung stürzte Kenny Waters beim leichtsinnigen Balancieren von einer schmalen Mauer und erlag seinen Verletzungen. Nach 18 Jahren unschuldiger Haft hatte er nur sechs Monate in Freiheit verbracht.

Michael Meyns

Im Abspann zu diesem Film wird gesagt, wie viele Urteile, darunter eine Reihe von Todesurteilen, allein in den USA aufgehoben werden mussten, weil die DNA-Analysen die Unschuld der oft jahrelang gefangenen Häftlinge bewiesen. Und darum geht es auch in diesem Drama, das auf Tatsachen beruht.

1993. Kenny Waters wird irgendwo im Mittleren Westen beschuldigt, eine Frau ermordet zu haben. Eine ehrgeizige und skrupellose Polizistin, die offenbar befördert werden will, betreibt nicht nur die Verhaftung Kennys, sondern auch dessen Verurteilung. Dabei geht sie so weit, Freundinnen des Verdächtigen zu bestechen, die dann tatsächlich falsch aussagen. Ergebnis: lebenslange Haft.

Betty Anne ist die Schwester von Kenny. Ihr Bruder ist zwar ein relativ gewalttätiger Mensch, aber Mord – nein. Ein einmal von den Geschworenen gefälltes Urteil ist allerdings äußerst schwer in Frage zu stellen.

Betty Anne gibt nicht auf, gefährdet damit sogar ihre Ehe. Aber sie bleibt hartnäckig. Sie sucht Spuren; treibt Asservaten auf, die schon längst als vernichtet galten; nimmt immer wieder einen Anlauf; besucht so oft es geht ihren Bruder; stößt auf die inzwischen gefundene Möglichkeit, DNA-Beweise sicherzustellen; sucht die Falschaussagerinnen auf und kann diese letztlich überzeugen. Sie widerrufen.

Unterstützt wird Betty Anne durch eine treue Freundin und ihren Anwalt.

Mindestens 16 Jahre lang saß Kenny in Haft. Nun wird das Urteil kassiert, denn der DNA-Befund ergab, dass er nicht der Mörder war (der übrigens nie gefunden wurde). Er erhält 3,4 Millionen Dollar als Entschädigung, aber sein halbes Leben ist futsch.

Ein Drama. Eine Tragödie. Filmisch durchgezogen ist das mit Verve. Noch wichtiger aber sind zwei Dinge: einerseits die Liebe der Schwester; der unerschütterliche Glaube an die Unschuld des Bruders; die unendliche Zähigkeit, mit der Betty Anne ihr Ziel verfolgt; der Lohn der Mühe.

Andererseits die Nützlichkeit des Themas und des Films, der mithelfen müsste, solche schrecklichen Justizirrtümer zu vermeiden.

Dass Hilary Swank die Betty Anne spielt ist ein weiterer Trumpf. Da sie bereits zweimal den Oscar erhielt, braucht über ihre darstellerische Qualität nichts mehr gesagt zu werden. In der Rolle ist sie furios.

Sam Rockwell als lebensfroher, zur Gewalt neigender, später verzweifelter Kenny Waters steht ihr aber in nichts nach.

Thomas Engel