Bevor der Winter kommt

Gerne blickt das Kino hinter die Fassade der Bürgerlichkeit, entlarvt Lebenslügen und die Oberflächlichkeit der bürgerlichen Existenz. Genau das tut der zum Filmemacher gewordene Romancier Philippe Claudel auch in seinem neuen Film "Bevor der Winter kommt", dessen Figuren so unterkühlt leben wie der Titel andeutet. Als Drama einer auf die Probe gestellten langjährigen Ehe faszinierend vor allem dank der hervorragenden Darsteller Daniel Auteuil und Kristin Scott Thomas.

Webseite: www.bevorderwinterkommt-derfilm.de

OT: Avant l'hiver
Frankreich 2013
Regie, Buch: Philippe Claudel
Darsteller: Daniel Auteuil, Kristin Scott Thomas, Leila Bekthi, Richard Berry
Länge: 102 Minuten
Verleih: Polyband Medien, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 13. November 2014
 

FILMKRITIK:

Paul (Daniel Auteil) hat alles, zumindest wirkt es so: Als Gehirnchirurg ist er ein anerkannter Fachmann, mit seiner liebevollen Ehefrau Lucie (Kristin Scott Thomas) lebt er in einem exquisiten Bungalow in ruhiger Umgebung, bei Freunden und Kollegen ist er beliebt. Doch eines Tages spricht ihn in einem Café die junge Marokkanerin Lou (Leila Bekthi) an und behauptet, dass Paul ihr vor Jahren mit einer Operation das Leben gerettet hat.
 
Paul kann sich zwar nicht an die junge Frau erinnern, und als in den nächsten Tagen immer wieder Sträuße mit roten Rosen in seinem Büro und zu Hause abgeliefert werden, fühlt er sich  verfolgt, ja geradezu belästigt. Nach einem offenen Eklat in einem Blumenladen beginnt er Lou kennenzulernen und taucht in eine Welt ein, die ihm bislang verborgen war. Je mehr Lou von ihrem Leben erzählt, von ihrem Vater, der sie und ihre Mutter schon lange verlassen hat, je mehr Paul über Lous geheimes Leben in der Halbwelt erfährt, desto größer wird seine Faszination.
 
Währenddessen gerät seine heile Welt immer mehr aus den Fugen: Lucie vermutet hinter Pauls zunehmender geistiger Abwesenheit eine Affäre, bei einer Operation unterläuft ihm fast ein fataler Fehler, der zu einem zwangsweisen Urlaub führt und auch sein langjährige Freund Gérard (Richard Berry), ein Psychiater, scheint sich von ihm zu distanzieren und Lucie schöne Augen zu machen.
 
Geradezu ideal besetzt wirkt "Bevor der Winter kommt", der mit Daniel Auteuil und Kristin Scott Thomas zwei ebenso elegante wie unterkühlte Schauspieler als Ehepaar zeigt, das es sich schon allzu lange in seiner perfekten Idylle gemütlich gemacht hat. Komplett leblos wirkt diese Welt, frei von Emotionen, so dass auch die aufkommenden Konflikte nicht in emotionalen oder gar hysterischen Gefühlsausbrüchen diskutiert werden, sondern stets gesittet.
 
Wenn dann die junge Lou in Pauls Leben tritt, als rätselhafte und bis zum Ende unergründliche Figur, ist das ein offensichtlicher dramaturgischer Kniff, fungiert die junge Frau in erster Linie doch als Katalysator, durch den Paul die Leere seines Lebens vor Augen geführt wird. Doch das reicht dem als Romancier erfolgreichen Philippe Claudel, der vor einigen Jahren mit "So lange Liebe ich dich" ein vielbeachtetes Regiedebüt vorgelegt hatte, nicht – leider. Nicht nur Hauptdarsteller Daniel Auteuil und die bis zum Ende unerklärte Zusendung der Blumen lassen immer wieder an Michael Hanekes "Cache" denken. Ebenso wie Haneke bemüht sich auch Claudel, die bürgerliche, saturierte Welt seiner Hauptfiguren mit der französischen Kolonialzeit zu kontrastieren, ihren ungesühnten Verbrechen und den Vorurteilen und Diskriminierungen, denen sich Menschen aus dem Maghreb in Frankreich immer noch ausgesetzt sehen. Zu allem Überfluss fügt er in Gestalt einer jüdischen Patientin Pauls auch noch einen Verweis auf den Holocaust und die Kollaboration im besetzten Frankreich ein.
 
Doch während Haneke dieses Thema auf subtile Weise sezierte, wirkt diese Ebene bei Caudel fehl am Platz. Meist ist "Bevor der Winter kommt" ein präzises Ehedrama, doch immer wieder tauchen Thriller-Elemente auf, die nicht recht zum Kern der Geschichte passen wollen. Ignoriert man diese Ebene jedoch, nimmt man die Figur der Lou als bloßen Katalysator, als Anlass für einen Mann, über sich, sein Leben und seine Ehe nachzudenken, bleibt immer noch viel sehenswertes: Ein stilvoll gefilmtes, unterkühltes Ehedrama, in dem vor allem Daniel Auteuil einmal mehr als emotional abgestumpfter Mann überzeugt.
 
Michael Meyns