Bezaubernde Lügen

Ein Missverständnis jagt das nächste in dieser kurzweiligen Komödie mit Audrey Tautou als quirlige Friseurin Émilie. Alles beginnt mit einem gefälschten Brief und einer kleinen Schwindelei. Doch bald hat sich Èmilie richtig in die Bredouille gebracht und alles, was sie tut, macht die Lage nur schlimmer. Womöglich verpasst sie vor lauter Intrigen auch noch die Liebe ihres Lebens…
Auch wenn sich der Kultstatus einer „Amélie“ vermutlich mit Émilie nicht erreichen lässt, kommt hier ein Film ins Kino, der wie geschaffen ist für trübe, kalte Winterabende – spaßig, charmant und ebenso geistvoll wie vergnüglich.

Webseite: www.bezauberndeluegen-film.de

Originaltitel: De vrais mensonges
Frankreich 2011
Regie: Pierre Salvadori
Drehbuch: Pierre Salvadori, Benoît Graffin
Darsteller: Audrey Tautou, Nathalie Baye, Sami Bouajila, Stéphanie Lagarde, Judith Chemla
104 Minuten
Verleih: capelight pictures, Vertrieb: Central Film
Kinostart: 19. Januar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Émilie ist ein zierliches Persönchen, aber sie verfügt über mindestens so viel Energie wie eine ganze Grundschulklasse bei Ferienbeginn und ist ähnlich spontan. Sie hat sich gerade mit ihrer Partnerin Sylvia selbständig gemacht und hat große Pläne. Erstmal will sie den Salon umbauen. Dafür ist der Handwerker Jean zuständig. Was Émilie nicht weiß: Jean ist unsterblich in sie verliebt. Und weil er eine scheue Seele mit poetischen Neigungen ist, schreibt er der Angebeteten einen wunderschönen und selbstverständlich anonymen Liebesbrief.

Dies ist das Startzeichen für eine romantische Geschichte über Missverständnisse, Lügen und die generelle Verwirrung der Liebesgefühle. In Jeans Gegenwart wirft die ahnungslose Émilie den zerknüllten Brief einfach weg. Aber bald erinnert sie sich wieder daran. Um ihre einsame Mutter Maddy aufzuheitern, tippt Émilie Jeans Brief sorgsam ab und wirft ihn in den Briefkasten. Der gewünschte Effekt tritt umgehend ein: Maddy blüht auf wie eine Rose im Spätsommer, aber bald verlangt sie nach mehr. Émilie wird gezwungen, der einen Lüge weitere folgen zu lassen, und es ist wie verhext: Alles, was Émilie sich ausdenkt, sorgt nur dafür, dass sich die Irrtümer vermehren.

Wie Émilie sich aus dem selbst eingebrockten Desaster rettet, Maddy ihre Depressionen überwindet und wie der schüchterne Jean sein Selbstvertrauen wiedergewinnt – all das wird rechtzeitig und zur allseitigen Befriedigung am Ende des Films geklärt.

Auch wenn die romantische Verwechslungskomödie sich ziemlich offensichtlich an Audrey Tautous fabelhafter Amelie orientiert – dem Vergnügen tut das keinen Abbruch. Mit ihrem spitzbübischen Lächeln und den riesigen Puppenaugen ist Audrey Tautou die perfekte Protagonistin für die Rolle der Émilie, die es eigentlich gut meint, aber durch ihre Neigung zum Schwindeln, gepaart mit einem Hang zum Aktionismus, fatale Entwicklungen in Gang setzt, die sie schon bald nicht mehr steuern kann. Wieder zeigt sich, dass Audrey Tautou nicht nur eine entzückende Darstellerin, sondern auch eine begabte Komödiantin ist. An ihrer Seite zu bestehen, ist sicherlich nicht einfach. Doch Nathalie Baye als Maddy erfüllt diese Aufgabe brillant, was vor allem ihrer ungeheuren Wandlungsfähigkeit zu danken ist: Sie stellt die depressive Schrulle ebenso überzeugend dar wie die vor Charme sprühende Verliebte, sie wechselt zwischen jugendlichem Übermut, altjüngferlicher Verschämtheit und verführerischer Weiblichkeit. Den beiden großartigen Frauen hat Pierre Salvadori einen ebenso appetitlichen wie liebenswerten Partner spendiert: Sami Bouajila ist der ideale romantische Liebhaber. Das Drehbuch gibt ihm die intelligentesten Dialogsätze, denn der Handwerker Jean ist eigentlich ein Schwerintellektueller, der über scheinbar einfache Arbeiten wieder zu sich selbst finden möchte. Dazu liefern die Autoren geballte Situationskomik mit vielen hübschen Ideen, die die bewährte Verwechselungsgeschichte vom Liebesbrief, dem scheuen Dichter und seiner angebeteten Muse um zahlreiche verwirrungssteigernde Wendungen aufpeppen. Auch Stéphanie Lagarde als Émilies vernünftige Geschäftspartnerin Sylvia und Judith Chemla als überforderte Angestellte Paulette dürfen in ihren kleineren Rollen glänzen.

Vor der herrlichen Kulisse der Hafenstadt Sète gibt es viel zu lachen, und erfreulicherweise hält der Film seine angenehm alberne Stimmung bis zum glücklichen Happy End durch. Bis dahin amüsiert man sich blendend.

Auch wenn sich der Kultstatus einer Amélie vermutlich mit Émilie nicht erreichen lässt, kommt hier ein Film ins Kino, der wie geschaffen ist für trübe, kalte Winterabende – spaßig, charmant und ebenso geistvoll wie vergnüglich. Und Audrey Tautous Lächeln strahlt mit der Sommersonne am Mittelmeer um die Wette.

Gaby Sikorski

Emilie betreibt mit einer Geschäftspartnerin in der französischen Provinz einen Friseursalon. Kunden gibt es offenbar ausreichend, alles könnte normal laufen. Doch da ist ein Problem. Emilies Mutter Maddy wurde vor vier Jahren von ihrem Mann, einem Bildhauer, verlassen, und seitdem ist sie in eine Depression versunken. Sie hat keine Lebenslust und keinen Lebensmut mehr.

Einer von Emilies Angestellten ist Jean. Er war Übersetzer bei der UNESCO, ist aber ausgeschieden. Er spricht mehrere Sprachen, ist indes seit seinem Ausscheiden aus dem Beruf scheu und zurückhaltend geworden und hat sich in die Provinz verkrochen – eben in Emilies Laden.

Jean hat sich unsterblich in Emilie verliebt. Da er es ihr aber aus seinem Minderwertigkeitskomplex heraus nicht sagen will und kann, schreibt er einen glühenden anonymen Liebesbrief. Emilie reagiert eher negativ, doch dann kommt ihr eine Idee:

Sie ändert die Anrede, schreibt den Brief ab und schickt ihn ihrer Mutter. Sie will sie damit mental wieder aufpäppeln. Maddy ist selig, muss aber natürlich erst herausfinden, wer der Absender sein könnte. Schon wartet sie auf einen zweiten Brief. Der kommt auch (wieder von Emilie), ist ihr aber zu nüchtern. Sie ist enttäuscht und sagt dies Emilie. Der nächste Brief der Tochter spricht deshalb von Leidenschaft und Sex – Maddy ist weg. Da Jean beauftragt wird, den Brief zu besorgen, sieht die Mutter per Zufall, wer das Schreiben überbracht hat. Jetzt ist für Missverständnisse Tür und Tor geöffnet.

Ist in Maddys Augen Jean der Briefschreiber und Liebeshungrige? Wie kann Emilie verhindern, dass ihre Mutter fälschlicherweise auf Jean losgeht? Wieder hat sie eine Idee: Jean soll Maddy zuliebe zum Schein mitspielen.

Es entsteht ein Kuddelmuddel. Das alles kann nicht gut gehen. Den Schluss bildet dann doch ein Liebespaar. Diesmal das richtige.

Eine französische Komödie. Um einiges subtiler als die vergleichbaren Hollywood-Produktionen. Vom Drehbuch her eine verzwickte, reizende, witzige Geschichte, glänzend inszeniert und montiert.

Wieder einmal geht ein Großteil der Zustimmung auf das Konto der Darsteller. Mit Audrey Tautou (als am Ende von der Liebe heimgesuchte Emilie) und Nathalie Baye (als depressive, liebestolle und später ausgeglichene Maddy) sind zwei Spitzenschauspielerinnen am Werk. Begleitet werden sie von Sami Bouajila (als völlig verunsicherter und dann obsiegender Jean), der 2006 in Cannes den Preis als bester männlicher Darsteller erhielt.

Thomas Engel