Big Eyes

Der kreative Tausendsassa Tim Burton erzählt die ebenso wahre wie unglaubliche Geschichte der amerikanischen Malerin Margaret Keane, deren Kitsch-Porträts in den 60-er Jahren höchst populär wurden. Kinder mit übergroßen Kulleraugen waren ihr Markenzeichen – Künstlerpech freilich, dass ihr Gatte Walter sich als Urheber der Bilder aufspielte und sich so ganz allein im Ruhm sonnen konnte – bis es zur Scheidung kommt. Bonbonbuntes Biopic mit betörendem Soundtrack sowie einem überbordenden Christoph Waltz, der mit sichtlichem Vergnügen dem Affen Zucker geben darf. Da bekommt man durchaus große Augen!

Webseite: www.bigeyes-film.de

USA 2014
Regie: Tim Burton
Darsteller: Amy Adams, Christoph Waltz, Krysten Ritter, Danny Huston
Filmlänge: 106 Minuten
Verleih: StudioCanal Deutschland
Kinostart: 23. 4. 2015
 

FILMKRITIK:

„Du machst es zu billig!“, warnt Walter auf dem Künstler-Flohmarkt seine hübsche Standnachbarin. Margaret kann malen, vom Geschäft hat sie jedoch keine Ahnung. Bei Walter ist es eher umgekehrt, seine Straßenbilder sind recht schlichter Natur, umso ausgeprägter ist der Geschäftssinn. Als Charmeur ist Walter gleichfalls ganz große Klasse. Margret ist entzückt, prompt folgt die Vermählung. Und der frisch getraute Gatte hat sofort eine glänzende Idee: Er nutzt den Toilettengang einer Bar als Kunstausstellung. Es dauert nicht lange, bis die Porträts mit den Kulleraugen begeisterte Käufer finden. Aus Vermarktungsgründen, so erklärt er wortreich der verblüfften Ehefrau, will Walter als Urheber der Werke auftreten. Margret lässt sich zu dem Schwindel überreden. Während sie für den kreativen Nachschub sorgt, erweist sich ihr Mann als einfallsreiches Marketingtalent. Diverse Prominente werden mit den Porträts beglückt, wobei ein stets anwesender Pressefotograf für den passenden PR-Effekt sorgt. Bald landen die Kulleraugen-Bildchen als Glückwunschkarten in den Supermarkt-Regalen, trickreich gelingt es dem begnadeten Verkaufstalent, bis in die Weltausstellung 1964 zu kommen. Seriöse Kunstkritiker reagieren zunehmend entsetzt auf diesen enormen Erfolg. Wirklich kritisch wird die Sache für Walter, als seine Frau nicht nur die Scheidung, sondern auch die Wahrheit möchte. Vor Gericht lässt sich die Frage der Urheberschaft der Bilder freilich nicht ganz so einfach klären, da steht Aussage gegen Aussage – doch dann hat der Richter eine wahrlich malerische Idee.
 
Es muss nicht immer der Depp sein. Auch ohne den schönen Johnny, mit dem er über ein halbes Dutzend Filme gedreht hat, beweist der talentierte Tim Burton sein Händchen für fideles Fabulieren und fulminante Schauspieler-Führung. Christoph Waltz erweist sich als absoluter Knaller, der als geschwätziger Charmeur schier grenzenlos chargiert: Durchgeknallt, selbstverliebt, egomanisch bis zum Anschlag – und doch blitzt immer wieder der selbstironische Schalk aus seinen Augen. Nur wenigen Akteuren würde man eine solche over-the-top-Show verzeihen – doch Waltz tänzelt entwaffnend wunderbar diesen Ego-Walzer. Mit Amy Adams als schüchtern sensibler Gattin, die (zunächst!) widerstandslos ihre Hausfrauenrolle übernimmt, hat er ein perfektes Gegenüber – verdienterweise wurde ihre Leistung mit einem „Golden Globe“ quittiert.
 
Nach seiner famosen „Ed Wood“-Biografie gelingt Tim Burton auch dieses zweite Künstlerporträt, das wiederum vom Autoren-Duo Scott Alexander und Larry Karaszewski geschrieben wurde. Zugegeben, es geht diesmal nicht ganz so surreal, schräg und visionär wie üblich zur Sache. Gleichwohl fällt auch dieses Werk gekonnt ‚burtonesk’ aus. Visuell vergnüglich, mit unangestrengter Leichtigkeit fabulierend erzählt Burton vom Kunstbetrieb der 60er Jahre, von dessen Eitelkeiten, den Anfängen des Marketings sowie, last not least, dem muffigen Frauenbild jener Zeit. Als klingendes Sahnehäubchen gibt es, schon traditionell, den Soundtrack des grandiosen Danny Elfman.
 
Es gibt nicht sehr viele Regisseure, auf deren Name stets Verlass wäre – Tim Burton gehört allemal zu diesem sehr kleinen Club der garantierten, kreativen Coolness. „Big Eyes“ – der Titel ist einmal mehr Programm!

Dieter Oßwald