Bis zum Horizont, dann links!

Mehrere Senioren wandeln einen Altersheim-Ausflug kurzerhand zur Flugzeugentführung um, um noch einmal das Meer zu sehen… Eine tolle Riege deutscher Schauspieler – von Otto Sander über Angelica Domröse und Ralf Wolter bis zu Anna Maria Mühe – hat Bernd Böhlich für seine leise Komödie über Leben im Altersheim zusammengebracht. Von ihrer Spielfreude vor allem lebt der Film.

Webseite: www.biszumhorizontdannlinks.de

Deutschland 2011
Regie, Buch: Bernd Böhlich
Darsteller: Otto Sander, Angelica Domröse, Ralf Wolter, Marion van de Kamp, Herbert Feuerstein, Anna-Maria Mühe, Robert Stadlober
Länge: 93 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 12. Juli 2012

PRESSESTIMMEN:

Dass man ab einem bestimmten Alter für die Gesellschaft zum ausrangierten Außenseiter abgestempelt wird, ist eine Tatsache, die in Bernd Böhlichs Film zu Recht angeprangert und, auf sehr amüsante Weise, auch korrigiert wird. Denn die rüstigen Senioren, die von einem starken und bekannten Darstellerensemble verkörpert werden, stehen für den nie endenden Wunsch nach Leben, Spaß und Abenteuer. Allen voran zeigt Otto Sander in einer Paraderolle, was selbst im hohen Alter an Spielfreude, Ausstrahlung und kreativen Ideen noch möglich ist. Wunderschöne Außenaufnahmen des historischen Flugzeugs auf seinem Weg zum Mittelmeer runden dieses Filmvergnügen stimmungsvoll ab. Hier gehört wirklich niemand zum alten Eisen! – Prädikat: besonders wertvoll.
Filmbewertungsstelle Wiesbaden

FILMKRITIK:

Im Altersheim Abendstern plätschert das Leben vor sich hin. Eckehardt Tiedgen (Otto Sander) mokiert sich über die erzwungene Zusammenlegung mit Willy Stronz (Ralf Wolter), die ehemalige Schauspielerin Fanny Dè Artong (Marion van de Kamp) träumt immer noch vom großen Applaus und das Ehepaar Miesbach (Herbert Feuerstein und Monika Lennertz) streitet sich schon seit Jahren über die immergleichen Kleinigkeiten: Wann das Licht ausgemacht wird, wie hoch die Heizung gestellt wird, ob das Fenster auf oder geschlossen sein soll. Von daher ist Annegret Simon (Angelica Domröse) wenig begeistert von ihrer neuen Heimat. Ihr Sohn wurde nach Amerika versetzt und so findet sich die Rentnerin in ihrer letzten Lebensstation wieder. So zumindest sieht sie selbst ihren Eintritt ins Altenheim, eine Haltung, die sie mit den anderen wenig glücklich wirkenden Bewohnern teilt. Ein Lichtblick ist allein die junge Pflegerin Amelie (Anna-Maria Mühe) – und der bevorstehende Rundflug mit einem alten Flugzeug.

Eigentlich sollte es nur kurz in die Luft gehen, doch eine zufällig gefundene Pistole lässt Tiedgen kurz entschlossen zu drastischen Mitteln greifen, um dem täglichen Trott zu entkommen. Eine Flugzeugentführung – das hört sich dramatischer an als es ist, zumal auch die Piloten (Tilo Prückner und Robert Stadlober) wenig Probleme damit haben, zunächst nach Wien zu fliegen und schließlich das Mittelmeer anzusteuern. Allein Herr Miesbach sorgt sich um die Folgen, die anderen Insassen sind hocherfreut über die willkommene Abwechslung: Frau Artong darf noch einmal ihre Schauspielkunst demonstrieren, Frau Simon zeigt die Initiative, die ihr nicht nur ihr Sohn längst abgesprochen hat, und Frau Miesbach erhebt zum ersten Mal das Wort gegen ihren ständig nörgelnden Mann.

Die zunehmend älter werdende Gesellschaft wird dem Kino in den nächsten Jahren fraglos noch etliche Filme mit Setting Altersheim bescheren. Die Konflikte, die aus dieser gesellschaftlichen Entwicklung entstehen sind vielfältig, werden in „Bis zum Horizont, dann Links!“ immer wieder angedeutet, aber nicht in den Vordergrund gestellt. Der Verlust der Lebensfreude, enttäuschte Erwartungen, Kinder, denen ihr eigenes Leben wichtiger ist als das ihrer Eltern, kleine und größere Streitigkeiten zwischen Ehepartnern und Heimbewohnern – viele Themen reißt Bernd Böhlich an – und belässt es dabei.. Im Versuch, eine melancholische Komödie über die Fallstricke des Älterwerdens zu drehen, hätte man sich bisweilen ein etwas zugespitzteres Drehbuch gewünscht, das sich nicht nur damit begnügt, Situationen und Konflikte anzudeuten, sondern diese auch vertieft. So lebt der Film in erster Linie von den Darstellern, die immer wieder viel Spielfreude verströmen

Michael Meyns

Alt werden ist für viele Menschen nichts Schönes. Ab ins Altersheim, heißt es dann oft. Und es heißt nicht Seniorenresidenz, sondern Altersheim. Denn in eine Seniorenresidenz kommen die wenigstens.

Altersheim aber heißt: einfache Zimmer, Alleinsein, sich mit Altersgenossen vertragen müssen, strenge Vorschriften einhalten, viele Wehwechen pflegen, unter Umständen schlecht versorgt werden, auf den Tod warten, einfältige Spielchen spielen, zur Bewegungstherapie gezwungen sein und vieles andere mehr.

So geht es denen, die in diesem Spielfilm vorgestellt werden: dem Echehardt Tiedgen, der Annegret Simon, dem Willy Stronz, dem Ehepaar Miesbach und weiteren. Gepflegt werden sie von der Schwester Amelie.

Abwechslung bringt ein Rundflug, bei dem der resolute Tiedgen eine Revolte anzettelt, auf die manche vielleicht schon gewartet haben. Durch Zufall ist er in den Besitz einer Pistole gekommen. Also ist es ihm möglich, das Flugzeug zu entführen. Es gibt darüber sogar eine Abstimmung, und die Mehrzahl ist für die Entführung. Jetzt soll der Rundflug nicht nach einer halben Stunde vorüber sein, sondern nun soll es ans Mittelmeer gehen. Dass das Benzin nicht bis dahin reichen kann, ist eine andere Sache.

Zwischenlandung in Wien. Deshalb Aufsehen, beinahe politische Implikationen, ein Fressen für Journalisten.

Hauptsache die Alten wehren sich in gewisser Weise, wollen ernst genommen werden, wollen sich ihren letzten Lebensabschnitt selbst gestalten, wollen unabhängig und nicht nur auf die Jungen angewiesen sein, wollen nicht nur still auf das Sterben warten.

Bemerkenswert die Botschaft des Films.

Und sehr bemerkenswert die Mannschaft, die das spielt: als „Alte“ Otto Santer, Angelica Domröse, Ralf Wolter, Herbert Feuerstein, Tilo Prückner, Gabriela Maria Schmeide, als „Mittlere“ Steffi Kühnert, und dazu als „Junge“ Anna Maria Mühe sowie Robert Stadlober.

Der formal relativ einfache, aber Bedenkenswertes aussagende Film könnte durchaus gefallen.

Thomas Engel