Blindsight

Sechs blinde tibetische Teenager erobern unter Anleitung von erfahrenen Bergsteigern einen Gipfel im Himalaya. Die britische Regisseurin Lucy Walker  hat sie begleitet. Ihre bewegende Dokumentation bietet Stoff für mindestens zehn weitere Filme. „Blindsight“ erhielt auf drei internationalen Filmfestivals den Publikumspreis.

Webseite: www.blindsight-derfilm.de

GB/Tibet 2006
Dokumentarfilm
R: Lucy Walker
Mit: Erik Weihenmayer, Sabriye Tenberken, Sonam Bhumtso, Gyenshen, Dachung, Kyila, Tenzin, Tashi
Verleih: TAO Cinemathek
L: 104 Min.
Kinostart: 10.1.2008

Preise: Panorama-Publikumspreis der Berlinale 2007; Publikumspreis des AFI Filmfestivals Los Angeles 2006; Publikumspreis des Palm Springs Filmfestival 2006

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Erik Weihenmayer verlor mit 15 Jahren das Augenlicht. Einige Jahre später hörte er etwas von einer Organisation, die Blinden das Bergsteigen beibringt: „Ich dachte, was soll denn dieser Unfug? – Also meldete ich mich dort an!“ Vor sechs Jahren erklomm er als erster blinder Mensch den Gipfel des Mount Everest.

Auf Initiative der deutschen Tibetologin Sabriye Tenberken, die seit ihrem 12 Lebensjahr blind ist und in Lhasa gegen viele Widerstände eine Schule für Blinde und die Organisation „Braille without Borders“ gründete, organisierte er eine Bergtour für blinde Schüler.
Ziel ist der 7045 Meter hohe Lhakpa Ri, der „Mittwochsgipfel“ an der Nordseite des  Mount Everest.

Drei professionelle Bergsteiger und ein Arzt bereiten die Jugendlichen auf die Herausforderung vor. Tasten, Fühlen, Ausrutschen, Riechen, Hören, sich immer wieder neu zurechtfinden, mit allen anderen Sinnen. Blinde müssen ständig ihre Vorstellungskraft aktivieren, eine konstante Imagination. Man muss die richtigen Techniken finden, um die eigenen Grenzen zu erkennen. Das entdecken die Kinder hier langsam und beharrlich.

„Unsere Herzen sind nicht blind“ sagt eines der Mädchen. „Die Herzen normaler Menschen sind blind.“ In Tibet gelten Blinde als Sünder, die für Vergehen aus einem vorherigen Leben büßen müssen. Eine Mutter sagt über ihren blinden Sohn: „Eine Schlange hat ihn verflucht. Er war einmal das klügste Kind in der Umgebung und jetzt ist er nichts mehr. Vier Jahre lang weinte er. “ Die meisten der Kinder sind drastischen Umständen ausgesetzt. Auf der Tour  eröffnen sich neue Konflikte.

Als die ersten stärkeren Beschwerden auftauchen, gehen die Diskussionen richtig los. „Wir Westler wollen immer auf den Gipfel. Der Gipfel ist  nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir sicher und glücklich zusammen sind“, meint Sabriye Tenberken, die für ihre Tatkraft schon mehrere Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz erhielt. „Es geht doch mehr um Freundschaft und Solidarität“.

Ihre Stellungnahmen nehmen viel Raum ein. Ebenso die Probleme mit dem labilen Tashi, einst von seinem Vater ausgesetzt  und später von dem Filmteam in die chinesische Familie heimgeführt. Was ist mit den anderen fünf Kindern? Sind sie weniger interessant, weil sie stabiler sind? Aber diese Auswahl aus 250 Stunden Filmmaterial ist verzeihlich. Ständig zeichnen sich neue Aspekte in dieser abenteuerlichen, mutigen Dokumentation um existenzielle Themen – wie die Angst vor dem Abseits – ab, dass vieles nur Fragment bleiben kann.

Die Expedition muss auf der Höhe von 6500 Meter, 500 Meter unter dem Gipfel, umkehren.  Höhepunkt ist die spielerische Erkundung eines Eisfeldes. Nach der Tour strotzen alle vor Selbstbewusstsein. Eine der Jugendlichen will Blindenlehrerin werden: „Ich weiß jetzt, dass ich viele Möglichkeiten habe“. Ein anderes Mädchen möchte als Übersetzerin arbeiten: „Wir sind zwar blind, aber wir können alles!“ „Die Kinder wissen jetzt, dass sie als Blinde in dieser Welt überleben können“, sagt Sabriye Tenberken.

Für die Regisseurin, preisgekrönt für „Devil‘s Playground“, einen Film über Amish-Teenager,  war es die erste Bergbesteigung überhaupt. Lucy Walker  –  gleichnamig mit der britischen Bergsteigerin, die als erste Frau 1871 das Matterhorn eroberte – litt unter Höhenkrankheit, einem gebrochenen Knöchel  und anderen Beschwerden, habe aber, so gab sie kund, jede Minute genossen.

In ihrem Film bahnen sich Unmengen an Stoffen, neuen Geschichten und Sichtweisen an.  Es ist ergreifend zu verfolgen, wie die Kinder mit sich kämpfen, um der Herausforderung zu trotzen und das unbekannte Terrain zu erobern. Und erschütternd, dass sie einen der schönsten Orte der Welt gar nicht sehen können.

Dorothee Tackmann

 
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Sabriye Tenberken ist durch etwas Großartiges bekannt geworden. Selbst blind, gründete sie in Tibet, einem Land, in dem aufgrund besonderer biologischer und gesellschaftlicher Gegebenheiten Blindheit sehr häufig vorkommt, eine Blindenschule, in der vor allem Kinder unterrichtet werden. Diese Kinder waren zuvor oft Ausgestoßene, weil zum Beispiel abergläubische Eltern sie wegen ihrer Krankheit als von bösen Geistern besessen ansahen.

Der Amerikaner Erik Weihenmayer ist ein bekannter blinder Extremsportler und –Kletterer, der erste Blinde, der 2001 den höchsten Berg der Welt bestieg. Tenberken und Weihenmayer taten sich trotz starker Bedenken und nach langem Zögern zusammen, um ein absolut außergewöhnliches Projekt zu verwirklichen: ein halbes Dutzend blinde Kinder auf den 7000 m hohen Chakpa Ri, einen Nebengipfel an der Nordseite des Mount Everest, zu führen.

Die Lebensumstände und Familien der Kinder, das harte und umfassende Training, die chinesische Bürokratie, dann der tagelange Aufstieg zunächst einmal ins Basislager, natürlich mit Weihenmayer und Tenberken, Bergführern, Arzt- und Kamerateam – das alles wird ausführlich gezeigt.

Sonam, Gyemshen, Dachung, Kyila, Tenzin und Tashi heißen die Kinder. So ohne weiteres konnte das Vorhaben aber nicht klappen. Macht nicht die Höhenkrankheit vielen einen Strich durch die Rechnung? Bei Tashi beispielsweise, früher von seiner Familie weggegeben und durch das Filmteam ihr wieder zugeführt, wurde spätestens bei 6500 m Höhe klar, dass er nicht mehr weitersteigen könne. Also umkehren? Es gab heftigste Diskussionen. Die einen waren für das Ziel, also den 7000-m-Gipfel, die anderen für die Sorge um die Kinder, die Gesundheit, die Rückkehr. Die Vernunft siegte. Der Abstieg wurde beschlossen. Das Ziel wurde nicht erreicht – aber immerhin 99 Prozent davon.

Abgesehen von der ungeheueren Anstrengung und Leistung, Menschen, darunter blinde Kinder, und Material in dieses Hochgebirge zu bringen, ist an „Blindsight“ vor allem der moralische Hintergrund, das Mutmachen, das Nicht-Resignieren und die damit verbundene Öffnung für eine sinnvolle Zukunft der Betroffenen beachtlich. Insofern bemerkenswert.

Thomas Engel