Blue Moon

Er gehört zu den Ikonen des Indie-Kinos. Mit seiner „Before“-Trilogie gelang ein dreifacher Kult-Coup. Mit „Boyhood“ schuf er einen Meilenstein des Arthaus-Kinos. Nun präsentiert Richard Linklater ein Biopic über den Broadway-Texter Lorenz Hart. Schauplatz des Kammerspiels über Erfolg, Eifersucht und Einsamkeit ist eine Bar, an deren Tresen der Künstler über das Leben und die Liebe lamentiert. Selbstverliebte Monologe wechseln sich mit weinerlichen Anklagen und sarkastischem Schwadronnieren ab. In seinem mittlerweile neunten Auftritt für Linklater liefert Ethan Hawke eine One-Man-Show, die oscarverdächtig ist. Sensibles Genie oder empathieloser Kotzbrocken? Die emotionale Achterbahnfahrt samt Text-Tsunami bietet nicht nur für Musical-Fans ein Vergnügen, der besonderen Art. Ein cineastisches Linklater-Feuerwerk! Ganz nebenbei erfährt man noch, warum ein halb erigierter Penis das Schönste auf der Welt sein soll.

 

Über den Film

Originaltitel

Blue Moon

Deutscher Titel

Blue Moon

Produktionsland

USA, IRL

Filmdauer

100 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Linklater, Richard

Verleih

Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Starttermin

26.03.2026

 

Am Anfang ist das Ende. Während Lorenz Hart (Ethan Hawke) im nächtlichen Regen durch die Gosse taumelt, berichten die Radio-Nachrichten aus dem Off bereits über dessen Tod und rühmen seine Broadway-Hits wie „Blue Moon“ oder „My Funny Valentine“. Das war’s auch schon mit Action, fortan spielt das biografische Drama ausschließlich in einer Bar. „Sieben Monate früher“ erklärt die Texttafel. Es ist der Abend des 31. März 1943, an dem die Premiere von „Oklahoma“ angesagt ist. Für Lorenz Hart kein Grund zum Feiern, sein langjähriger Partner Richard Rodgers (Andrew Scott) hat ihm den Laufpass gegeben und das Stück mit dem neuen Texter Oscar Hammersmith II (Simon Delaney) verfasst. Die besten Zeiten hat der einst so erfolgreiche Künstler längst hinter sich. Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Mit Eddie (Bobby Cannavale), dem freundlichen Barmann des „Sardi’s“, findet sich zudem ein geduldiger Zuhörer. Auch dem Publikum wird diese Rolle zugewiesen, Geduld ist gleichermaßen gefragt. Texter Hart entpuppt sich schnell als Dampfplauderer, ein Wort-Tsunami folgt dem nächsten. Seine Monologe schwanken zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. So salbungsvoll wie selbstverliebt huldigt Hart der eigenen Genialität, während die Konkurrenz mit Verachtung und Spott überschüttet wird.

Sensibles Genie oder empathieloser Kotzbrocken? Stiege so einer zu einem ins Zugabteil, würde man vermutlich schnell das Weite suchen. Dass man dem eitlen Nervtöter dennoch gewogen bleibt, liegt an dessen umwerfendem Darsteller Ethan Hawke. Er lässt unangestrengt hinter die Angeber-Fassade blicken und zeigt in seiner eindrucksvollen Charakterstudie einen enttäuschten Künstler voller Sehnsucht und Selbstzweifeln. Sowie einen gequälten Menschen, der sich bei seiner Suche nach Liebe und Anerkennung chronisch selbst im Wege steht. Ein halb erigierter Penis sei für ihn das Schönste auf der Welt, schwärmt der Texter einmal. Und er meint das ziemlich ernst.

Nicht nur das Dialog-Dauerfeuer fordert die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums, bei den Zeitsprüngen der nichtlinearen Erzählstruktur sollte man ebenfalls am Ball bleiben. Wer sich darauf einlässt, wird freilich mit einer träumerischen, fast meditativen Atmosphäre belohnt. Wie von selbst stellen sich dann Fragen nach Erfolg, Eifersucht und Einsamkeit.

Mit diesem Konversationsstück in Echtzeit in einer kleinen Bar präsentiert sich Linklater in seinem 23. Langfilm einmal mehr als origineller Kino-Erzähler, der seine Geschichte souverän im Griff hat. Wie üblich erweist sich das empathische Gespür für die Figuren als große Trumpfkarte. Hawke, der bei seinen eigenen Drehbüchern gern auf Dialoge setzt, hat spürbar Spaß an den schier endlosen Wortkaskaden und geistreichen Bonmots. Nach neun gemeinsamen Filmen auf dem Buckel verstehen sich Regisseur und Schauspieler blind und Hawke kann gelassen zur Höchstform auflaufen. Auch Nebendarsteller Andrew Scott gebührt Lob, er bekam für seine Leistung auf der Berlinale den Schauspielpreis.

 

Dieter Oßwald

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