Bridge of Spies – Der Unterhändler

TOM HANKS als "standhafter Mann" mit Moral und Gewissen in politisch brisanten Zeiten: "Bridge of Spies" ist der vierte gemeinsame Film von Star-Regisseur Steven Spielberg und Tom Hanks. Er handelt vom wahren Ereignis des ersten Gefangenenaustauschs zwischen den USA und der Sowjetunion auf der Berliner Glienicker Brücke. "Bridge of Spies" ist ein Agenten- und Spionagethriller klassischer Machart, dem trotz fehlender Action, der langen Laufzeit und des bekannten Ausgangs der Story das Kunststück gelingt,  nie zu langweilen. Verantwortlich dafür sind vor allem der bedrohlich-unheilvolle Handlungsort Ort-Berlin, der detailgenau zum Leben erweckt wurde, sowie die messerscharfen Dialoge, die vor allem Tom Hanks mit Genuss und viel Zynismus zum Besten gibt.

Webseite: www.bridgeofspies.de

USA 2015
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Jonas Carpignano
Darsteller: Tom Hanks, Austin Stowell, Mark Rylance,
Amy Ryan, Alan Alda
Länge: 142 Minuten
Verleih: 20th Century Fox
Kinostart: 26. November 2015
 

FILMKRITIK:

1957, der Kalte Krieg befindet sich in seiner eisigsten Phase: In jener Zeit gelingt den USA mit der Verhaftung des russischen Spitzenagenten Rudolf Abel (Mark Rylance) ein großer Coup. Man stellt ihm den Pflichtverteidiger James Donovan (Tom Hanks) zur Seite, eigentlich ein Versicherungsanwalt, der skeptisch an den Fall rangeht. In seinen Augen könne ihn oder seine Familie die Verteidigung eines feindlichen Spions das Leben kosten. Vor Gericht trumpft Donovan mit Sachverstand und Expertise aber derart auf, dass er bald mit einem neuen Auftrag betraut wird: über der Sowjetunion wurde der Aufklärungs-Pilot  Francis Powers (Austin Stowell) abgeschossen. Powers überlebte, wurde von den Russen wegen Spionage aber zu sieben Jahre Arbeitslager verurteilt. Donovan soll ins winterliche Ost-Berlin reisen, um als Unterhälter die Freilassung des unschuldigen Powers zu erwirken.

Zunächst war gar nicht vorgesehen, dass Steven Spielberg bei seinem ersten Film nach "Lincoln" (2012) selber auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Er wollte erst nur produzieren, fand an dem brisanten, historischen Stoff und dem von den Coen-Brüdern veredelten Drehbuch aber derart gefallen, dass er "Bridge of Spies" schließlich selbst inszenierte. Der Film beruht auf wahren Ereignissen und handelt vom ersten Agentenaustausch auf der sog. "Agentenbrücke" 1962 in Berlin. Nach den Dreharbeiten in New York wurde auch an Originalschauplätzen gedreht. Sogar Angela Merkel besuchte Ende 2014 auf Einladung des Studios Babelsberg das Filmset.

"Bridge of Spies" ist ein nüchterner, zurückhaltender Agententhriller klassischer Machart, der seine Spannung und bedrohliche Stimmung fast ausschließlich aus dem authentischen Setting und den geschliffenen Dialogen bezieht. Actionelemente kommen praktisch nicht vor aber das braucht der Film auch nicht um seine frostige, gefahrvolle Aura voll zur Entfaltung zu bringen. Er ist in der Hochphase des Kalten Krieges zwischen 1957 bis 1962 angesiedelt und vor allem die Szenen im winterlichen Ost-Berlin stellen einen Höhepunkt dar. Sie sind mit verantwortlich für die enorme Spannung und das dauerhafte Gefühl der Beklemmung.

Anwalt Donovan gelangt in ein graues, verschneites und lichtarmes Ost-Berlin, ein Ort, der in den folgenden Wochen und Monaten zum Mittelpunkt des Kalten Krieges werden soll. Die detailgetreuen Kulissen, Set-Bauten und Ausstattungen machen dabei einen gewaltigen Reiz des Films aus. Spielberg bleibt seinem Hang zu Dreharbeiten an Originalschauplätzen (Glienicker Brücke, Flughafen Tempelhof) treu und das kommt dem Film zugute. Der Zuschauer fühlt sich auf diese Weise direkt ins Herz des Kalten Krieges versetzt und bekommt – wie Donovan – z.B. hautnah den Bau der Mauer mit und wird Zeuge der Unterdrückung unbescholtener Bürger sowie der Willkür durch die sowjetische Besatzungsmacht.

All diese Erfahrungen und Erlebnisse machen jedoch etwas mit Donovan, einem eigentlich eher harmlosen, unspektakulären Anwalt und treusorgenden Familienvater und Ehemann. Er wird im Laufe des Films immer zynischer und sarkastischer, womöglich seine Art, mit dem Erlebten umzugehen. Spielberg und seine Drehbuchautoren legen Hanks dabei geschliffene, mitunter enorm schwarzhumorige Äußerungen und Redewendungen in den Mund, die immer wieder auch für viel Humor und heitere Untertöne sorgen – trotz der ernsten, düsteren Thematik und des Lebens der beiden Gefangenen, das auf dem Spiel steht.

Aber: man sollte durchaus Verständnis, zumindest aber Interesse für Geschichte, die turbulente Zeit sowie die angespannten politischen Verhältnisse jener Jahre mitbringen, um den Film in all seiner (optischen und historischen) Detailgenauigkeit, Korrektheit und Akribie genießen und schätzen zu können. Dann nämlich erlebt man einen anspruchsvollen politischen Thriller von herausragender Qualität.

Björn Schneider