Brothers

Der Ire Jim Sheridan inszeniert amerikanische Jungstars in diesem Hollywood-Remake eines dänischen Dogma-Films. Das Ergebnis ist ein meist packendes Drama über den Afghanistan-Krieg, das weniger Sinn und Zweck des Kriegs selbst thematisiert, sondern die Folgen der erlebten und verübten Gräueltaten auf heimkehrende Soldaten und ihre Familien.

Webseite: www.24bilder.net

USA 2009
Regie: Jim Sheridan
Drehbuch: David Benioff
Kamera: Frederick Elmes
Schnitt: Jay Cassidy
Musik: Thomas Newman
Darsteller: Natalie Portman, Tobey Maguire, Jake Gyllenhaal, Sam Shepard, Mare Winningham, Bailee Madison
Verleih: Koch Media / 24 Bilder
Kinostart: 27. Januar 2011
105 Minuten
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Filme über den Irak-Krieg haben es schwer. Die Liste der mehr oder weniger großen Flops reicht von „Im Tal von Elah“ über „Von Löwen und Lämmern“ bis zu „Rendition“. Selbst der diesjährige Oscar-Gewinner „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ zog kaum Zuschauer an. So wundert es nicht, dass Jim Sheridans „Brothers“ erst im Januar 2011, fast anderthalb Jahre nach seinem – erfolglosen – Kinostart in Amerika in die deutschen Kinos kommt. Der Misserfolg auch dieses Films überrascht allerdings kaum, nicht weil er schlecht wäre, sondern weil er die Folgen des Krieges auf die Psyche einzelner Soldaten in schonungsloser Direktheit darstellt.

Wie so viele vergleichbare Filme bezieht auch „Brothers“ keine Stellung zu Sinn, Zweck und Rechtmäßigkeit des Afghanistan- bzw. Irak-Krieges selbst. Wirkliche Antikriegsfilme dreht Hollywood nicht. Die Armee, vor allem der einfache Soldat, der sein Leben wie es so schön heißt „für die Freiheit“ aufs Spiel setzt, ist sakrosankt. Wenn überhaupt wird die angebliche Unfähigkeit von Politik oder Militärführung kritisiert, die den einfachen Soldaten mit einer unmöglichen Aufgabe allein lassen. Bzw. wie Im Fall von „Brothers“ mit den psychischen Schäden, die durch monatelange Gefangenschaft und Folter erlitten wurden.

Die erleidet der junge Soldat Sam Cahill (Tobey Maguire), der während eines Einsatzes mit dem Helikopter abgestürzt ist und für tot gehalten wird. In der Heimat trauert seine Frau Grace (Natalie Portman) mit ihren beiden Töchtern um den Ehemann und beginnt sich dessen Bruder Tommy (Jake Gyllenhaal) zu nähern. Der wurde zu Beginn des Films als genaues Gegenteil von Sam geschildert: Arbeitslos, gerade aus dem Gefängnis entlassen, alles andere als ein würdiger Vertreter der Familie Cahill, deren Oberhaupt der Vietnam-Veteran Hank (Sam Shepard) ist. Besonders subtil ist dieser Kontrast nicht, wie überhaupt die arg absehbare Geschichte, die kaum Überraschungen bereithält, die größte Schwäche des Films darstellt. Denn natürlich entpuppt sich Tommy als herzensguter Mensch, der sich um Grace und ihre Kinder kümmert, während Sam, der eigentliche Held der Familie, sich nach seiner Rückkehr als wandelnde Zeitbombe entpuppt.

Wesentlich überzeugender wirkt die subtile Zeichnung der Familiendynamik. Vor allem Jake Gyllanhaal überzeugt als vorgebliches schwarzes Schaf der Familie, der der Enttäuschung des Vaters mit stoischer Gelassenheit gegenübertritt und ihm nach und nach zeigt, dass man sich auch durch anderes auszeichnen kann als durch Leistungen auf dem Schlachtfeld. Doch die größte Überraschung des Films ist Tobey Maguire. Gerade in den Szenen nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zeigt der einstige Spiderman ein überraschendes Maß an unterschwelliger Aggression, die einen erschreckend realen Eindruck davon vermitteln, wie der Krieg die Psyche von Soldaten zerstören kann. Und so reiht sich „Brothers“ in die inzwischen recht lange Liste von Filmen über die aktuellen amerikanischen Kriege ein, die zwar nicht an der Kinokasse erfolgreich, aber dennoch nicht weniger sehenswert sind.

Michael Meyns

Ist ein Film von Jim Sheridan angekündigt, darf man gespannt sein. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Man wird nicht enttäuscht, im Gegenteil. Der Regisseur hat ein kraftvolles, unter mehreren Gesichtspunkten intensives und wichtiges Drama entworfen, das von Anfang bis Ende bewegt.

Captain Sam Cahill ist ein erfolgreicher Soldat, daneben glücklich mit Grace verheiratet und Vater zweier Töchter. Zum vierten Mal muss er nun in den Einsatz nach Afghanistan. Zum Abschiedsessen lädt er auch seinen Bruder Thommy ein. Der ist das Gegenteil von Sam: Gerade kommt er aus dem Gefängnis, mit der Army hat er im Gegensatz zu beider Brüder Vater, einem Vietnam-Veteranen, nichts am Hut, und sowieso schlägt er sich nur ziemlich zweifelhaft durchs Leben.

Sam verunglückt an der Front mit dem Helikopter, und da er nicht geborgen werden kann, wird er für tot erklärt.

Doch er gerät in Wirklichkeit mit einem Kameraden in die Taliban-Gefangenschaft. Beide werden gefoltert. Sam muss sogar seinen Kameraden erschlagen. Muss er wirklich?

Thommy wandelt sich unterdessen. Er kümmert sich um die trauernde Grace, wird den Kindern zum Ersatzvater. Er würde Grace auch lieben.

Sam kehrt überraschend zurück. Er ist seelisch schwer angeschlagen, äußerlich verändert, gibt sich nur noch verschlossen, verhält sich wirr, ist auf Thommy und Grace eifersüchtig, könnte ein furchtbares Drama herbeiführen.

Wird doch noch einmal alles gut gehen?

Die schwere psychische Verletzung des Afghanistan-Kämpfers, die Schuld, die er möglicherweise auf sich geladen hat, Graces Leid und Thommys Besinnung sind die Themen. Sie sind einsichtig, gut miteinander verwoben, dramatisch dargestellt. Sie gehen tiefer, lassen nicht kalt. Jim Sheridan ist ein Regisseur, der selten auftritt, aber dann mit Kraft. (Der Film stützt sich auf eine dänische Vorlage – Susanne Bier.)

Tobey Maguire spielt den Sam, je nachdem mit Feingefühl und Wucht. Natalie Portman ist die reizende aber auch schmerzerfüllte Grace: ausgezeichnet. Die Rolle des Thommy hat Jake Gyllenhaal übernommen; seinen Wandel gibt er plausibel wieder. Gut, Sam Shepard wieder einmal auf der Kinoleinwand zu sehen. Er spielt kurz aber souverän den Vater der beiden Brüder.

Jim Sheridans Film zur seelischen Verformung eines Afghanistan-Soldaten und deren Auswirkung auf seine Familie.

Thomas Engel