Burg Schreckenstein

Lange hat es gedauert, nun kommt die klassische deutsche Jugendbuchreihe "Burg Schreckenstein" endlich ins Kino. Ralf Huettners Kinoadaption hat die Romanvorlagen von Oliver Hassencamps stark modernisiert und weiß als eigenständiges Internats-Abenteuer zu überzeugen. Ein vergnüglicher Jugendfilm, der sich von Reihen wie den "wilden Kerlen" positiv durch seine liebenswerte Natürlichkeit abhebt.

Webseite: www.burgschreckenstein.de

Deutschland 2016
Regie: Ralf Huettner
Buch: Christian Limmer, nach den Jugendbüchern von Oliver Hassencamp
Darsteller: Henning Baum, Sophie Rois, Alexander Beyer, Jana Pallaske, Harald Schmidt, Maurizio Magno, Chieloka Nwokolo, Benedict Glöckle, Caspar Krzysch, Eloi Christ
Länge: 96 Minuten
Verleih: Concorde Film
Kinostart: 20. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

Stephan (Maurizio Magno) ist Scheidungskind und in der Schule alles andere als überzeugend, seine letzte Hoffnung scheint ein Internat zu sein. Widerwillig lässt er sich von seiner Mutter (Jana Pallaske) zur abgelegenen Burg Schreckenstein bringen, wo er zukünftig lernen und leben soll. Der Direktor Rex (Henning Baum) wirkt schon mal ganz sympathisch und auch seine Klassenkameraden und Zimmergenossen Dampfwalze (Chieloka Nwokolo), Ottokar (Benedict Glöckle), Mücke (Caspar Krzysch) und Strehlau (Eloi Christ) nehmen den neuen bald in ihrer Mitte auf.
 
Zumal Stephan eifrig mitmacht, wenn es um die Lieblingsbeschäftigung der Schreckensteiner geht: Den Mädchen von Schloss Rosenfels am anderen Ufer des Sees Streiche spielen. Nach einer solchen Aktion, die das Mädcheninternat unter Wasser gesetzt hat, zieht die dortige Leiterin Frau Dr. Horn (Sophie Rois) mit ihren Mädchen auf die Burg Schreckenstein. Fortan hausen Mädchen und Jungs unter einem Dach und stellen fest, dass sie sich gar nicht mal schlecht verstehen.
 
Schon 1959 schrieb Oliver Hassencamp den ersten Band seiner Internatsgeschichten, doch erst Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre eroberte die Reihe die Kinderzimmer der Republik. 27 Bände erschienen bis zum Tod des Autors im Jahre 1988, die in immer neuen Variationen die Abenteuer eines ganz besonderen Internats beschrieben. Als moderne Ritter verstanden sich die Jungs der Burg, als Schreckensteiner, die das Motto "Du sollst auf Schreckenstein allzeit fair und ehrlich sein" verinnerlicht hatten. Auch in Ralf Huettners Verfilmung ist dieser Leitspruch einmal zu hören, wirkt allerdings eher der Form halber eingefügt, denn mit der Ideologie der Vorlage hat die moderne Verfilmung nur noch wenig zu tun.
 
Kein Wunder, muten Begriffe wie Ritterehre, die Tendenz zur Selbstbestrafung, ja, Selbstkasteiung der Schüler in der heutigen Zeit noch weltfremder an, als sie möglicherweise schon um 1980 herum wirkten. Dementsprechend modernisieren Huettner und sein Drehbuchautor Christian Limmer das Konzept grundlegend, was bedeutet: Mehr als das Setting und die Figurennamen ist von der Vorlage kaum geblieben. Die Streiche, die die Jungs den Mädchen spielen, muten hier weniger wie originelle, gewitzte Einfälle ein, sondern bestehen zum Beispiel aus dem Anlassen der Sprinkleranlage, so dass das gesamte Schloss unter Wasser gesetzt wird. Was in den Büchern fraglos als mutwillige Sachbeschädigung verpönt gewesen wäre, entlockt den modernen Schreckensteinern nur ein müdes Lächeln, man ist schließlich Haftpflicht versichert.

Dass die Filmversion "Burg Schreckenstein" dennoch als eigenständiger Jugendfilm funktioniert und sich wohltuend von vergleichbaren Reihen wie "Die wilden Kerle" oder "V8" abhebt, ist das natürliche Spiel der jungen Darsteller. Wo sonst oft gepost und angegeben wird, entwickelt sich zwischen dem Quintett schnell eine echte, sympathische Gemeinschaft. Ihre Natürlichkeit macht "Burg Schreckenstein" zu einem vergnüglichen Jugendfilm, der sich zwar vom Geist der Vorlage entfernt, aber mit eigenen Qualitäten überzeugt.
 
Michael Meyns