Butenland

Eine ehemalige militante Tierschützerin und ein desillusionierter Bio-Milchbauer gründen gemeinsam das erste Altersheim für Kühe. Auf dem Lebenshof Butenland können die Kühe endlich als echte Rindviecher leben – oft nach vielen Jahren in Gefangenschaft. Durch alle vier Jahreszeiten begleitet der Filmemacher Marc Pierschel („The End of Meat“) die beiden Betreiber und ihr Projekt. Sein Film ist nicht nur das Porträt zweier Querdenker, sondern auch ein ethisch-moralisches Statement für ein generelles Umdenken in der Landwirtschaft.

Webseite: butenland-film.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie, Buch, Kamera, Schnitt: Marc Pierschel
82 Minuten
Verleih: mindjazzpictures
Start: 6. Februar 2020

FESTIVALS/PREISE:

53. Hofer Filmtage – „Granit“ (Hofer Dokumentarfilmpreis)

FILMKRITIK:

Kaum ein Alltagsthema polarisiert derzeit so stark wie die Ernährung. Eigentlich weiß jeder Mensch, dass die derzeitige Form des Nahrungsmittelkonsums ein Auslaufmodell darstellt, wie auch die Überflussgesellschaft an sich, und dass – sowohl im Interesse des Klimas als auch der menschlichen und tierischen geistigen und körperlichen Gesundheit – für die Zukunft zusätzliche und alternative Möglichkeiten gefunden werden müssen, um die steigende Zahl von Menschen zu ernähren. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb sind Auseinandersetzungen darüber oft von starken Emotionen geprägt. Auch wenn Marc Pierschels Sympathien ganz eindeutig auf Seiten seiner Protagonisten liegen, zu denen neben den Menschen auch einige Kühe gehören, ist sein Film ein eher leises und sehr ruhiges Statement und alles andere als reißerisch oder rührselig. Der Filmemacher widmet sich schon seit Jahren den Aspekten der Nutztierhaltung und damit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier in der Landwirtschaft. Seine Filme entstehen in der Regel mit Hilfe von Crowd Funding, was den konkreten Bezug und die Bindung zur Zielgruppe verstärkt. Dazu gehören vor allem Menschen, die der Massentierhaltung zumindest kritisch gegenüberstehen. Pierschel geht es eindeutig um eine Aufforderung zum Umdenken: weg von der schrankenlosen Ausnutzung der Tiere durch den Menschen und hin zu mehr Tierwohl und zu größeren Tierrechten. Dabei wird die Sonderstellung von Butenland ganz klar ersichtlich: Die wenigen Tiere, die hier ihren Lebensabend verbringen dürfen, sind besonders privilegiert. Einige von ihnen werden näher vorgestellt, was ein bisschen mehr Emotion in den Film bringt.
 
Marc Pierschel zeigt das Leben auf dem Bauernhof, das vor allem von harter Arbeit geprägt ist – ohne Urlaub und mit sehr wenig Freizeit. Er kennt den Hof bereits seit 2012, als er dort für ein anderes Projekt drehte. Im Mittelpunktstehen diesmal die Porträts der beiden Gründer und Betreiber, wobei die Interviews durch Archivaufnahmen und Gespräche mit Weggefährten ergänzt werden. Karin Mück war Krankenschwester und gehörte in den 80er Jahren zu einer Gruppe militanter Tierschützer, die in Norddeutschland in Tierversuchslabore einbrachen und die Tiere befreiten. Auf die Verhaftung unter Terrorismusverdacht folgten Untersuchungshaft und ein Prozess, der schließlich mit einer Bewährungsstrafe endete. Jan Gerdes wuchs mit Nutztieren auf und führte nach dem Abbruch seines Lehramtsstudiums zunächst den Milchbauernhof seines Vaters als Biohof weiter, bis ihm aufging, dass mehr Platz und mehr Auslauf für Kühe das zentrale Problem für ihn nicht lösen konnten: Die Kuh blieb immer ein Wirtschaftsgut, das nach Effizienz bewertet wurde. Auf Burnout und Ehescheidung folgte Jans Entschluss, den Hof aufzugeben. Dass ein paar Kühe nicht auf den Laster passten, der sie zum Schlachter fahren sollte, wurde zur Grundlage des Kuhaltersheims, das er heute gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Karin Lück als Stiftung betreibt: ein konkretes Beispiel für eine gelebte Utopie.
 
Doch diese Utopie ist keinesfalls verklärend oder heroisierend – dafür sind die beiden menschlichen Protagonisten deutlich zu ruhig und in ihrer norddeutschen Gelassenheit zu wenig charismatisch. Marc Pierschel bildet ab und hört zu. Das Ergebnis ist ein interessanter kleiner Film, der seine Radikalität erst nach und nach entfaltet: als Bekenntnis zu einem neu definierten Verhältnis von Mensch und Tier.
 
Gaby Sikorski