Cäsar muss sterben

Ein Fest für Cineasten – dieser Film sprengt nicht nur Ketten, sondern auch Mauern: Häftlinge spielen Shakespeare. Aus JULIUS CAESAR wurde unter der Regie von Paolo und Vittorio Taviani ein atemstockendes modernes Theatererlebnis, das von Macht, Freundschaft und Verrat in einer brachialen Männergesellschaft handelt.
Überwiegend in schlichten Schwarzweißbildern begleiten Paolo und Vittorio Taviani das Projekt und die Schauspieler vom Casting bis zur Premiere. Im Mittelpunkt stehen die Häftlinge, die durch ihre Rollen manchmal mehr über sich selbst erfahren, als ihnen lieb ist. Am Ende werden Caesar, Antonius und die anderen wieder zu Gefangenen, die als Mafiosi, Mörder und Gewaltverbrecher zurück in ihre Zellen gehen.
Für CÄSAR MUSS STERBEN erhielten die Brüder Taviani den Goldenen Bären der Berlinale 2012, auch als Würdigung eines konsequenten sozialen und politischen Engagements, das ihr gesamtes künstlerisches Wirken auszeichnet und auch dieses Werk prägt: ein Appell an die Menschlichkeit.

Webseite: www.caesarmusssterben-film.de

Originaltitel: Cesare Deve Morire
Italien 2011, OmU
Regie und Drehbuch: Paolo und Vittorio Taviani
Zusammenarbeit Drehbuch: Fabio Cavalli
Darsteller: Cosimo Rega, Salvatore Striano, Giovanni Arcuri, Antonio Frasca, Juan Dario Bonetti
Musik: Giuliano Taviani, Carmelo Travia
76 Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 27. Dezember 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der Stoff ist bekannt: Cäsars Machtstreben bringt seine Gegner dazu, sich gegen ihn zu verschwören und ihn zu töten. Pikanterweise gehören auch enge Vertraute Cäsars zu den Mördern. William Shakespeare hat das Drama, je nach Interpretation, als Beitrag zum Thema Tyrannenmord geschrieben oder als Tragödie eines Mannes – Brutus, der sich zwischen persönlicher Loyalität und politischen Zwängen entscheiden muss. Die Taviani-Brüder wählten das Stück als freie Vorlage für eine Auseinandersetzung um Freundschaft und Verrat. Das passt natürlich großartig zur Ausgangssituation, denn die meisten Schauspieler dieses Stücks sind Insassen des Hochsicherheitstrakts in Rebibbia bei Rom. Sie sitzen langjährige Haftstrafen ab, weil sie gemordet und geraubt haben, viele von ihnen sind dem organisierten Verbrechen verbunden. Da ergeben sich Schnittstellen und aktuelle Verbindungen zwischen dem alten Rom und der modernen Mafia beinahe von allein.

Schon das Casting zeigt: Diese Kerle sind zwar schauspielerische Laien, aber sie sprechen für ihre Rollen vor wie alte Hasen. Als es an die Proben geht, ist ihre Leidenschaft zu spüren und der Wille, mit dem sie sich für ihre Rolle und für das Stück engagieren. Sie haben die Chance auf ein Stückchen echtes Leben, auf Kontakte und auf die Zusammenarbeit mit anderen – ein konkretes Ziel innerhalb des ständig gleichen täglichen Einerleis der Haftanstalt, Kunst wird zum Ausdruck von Freiheit. Das Stück wird zum Sinnbild ihrer Hoffnungen.

Vielleicht lebt dieser Film am meisten durch seine Gegensätze: die bedrohliche Stille an diesem Ort – dagegen das Klappern der Schlüssel und Zellentüren. Dazu die Worte Shakespeares in den unterschiedlichen italienischen Dialekten der Häftlinge, die selten eingesetzte, dramatisch schlichte Musik. Die Enge der Zellen und der Außenanlage, die beinahe körperlich spürbar ist, wird ebenso ins Stück einbezogen wie das Zusammenleben der Häftlinge. Die Inszenierung beansprucht immer mehr Raum, sie saugt alles um sich auf, bis schließlich die gesamte Anlage inklusive der bewaffneten Wächter von Shakespeare und seinen tragischen Helden erobert ist. Bis in den letzten Winkel der verschwiegenen Gebäude wird geprobt und getuschelt, so dass der Eindruck entsteht, als würde die Verschwörung gegen Cäsar gerade eben stattfinden.

Die Tavianis zeigen die Arbeit am Stück ebenso wie das Ergebnis, manchmal beinahe dokumentarisch, vor allem aber zeigen sie die Männer, die sich den Weg zur Kunst erobern, ohne jede Gefühlsduselei oder gar Heldenverehrung. Sie beschönigen nichts, lassen die grauen Gefängnismauern und die Menschen für sich sprechen. Auch hier wirkt der Gegensatz. Denn diese scheinbar taffen Kerle, allesamt Schwerverbrecher, sind voller Wünsche und Ängste, von denen sie kaum reden. Doch wenn sie ihre Rollen spielen, dann sind sie da: die Hoffnungen, Sehnsüchte und Befürchtungen. Sie sprechen aus den Worten Shakespeares, die diese Männer zu ihren eigenen machen. So wie sich der Knast immer mehr in das antike Rom an den Iden des März verwandelt, so ändert sich die Atmosphäre zwischen den Protagonisten. Immer selbstbewusster und würdevoller werden die Darstellungen, sie gewinnen an Tiefe und Direktheit. Verborgene Gefühle brechen heraus, wenn Rolle und Vergangenheit sich allzusehr kreuzen.

Der dramatische Schluss des Shakespeare-Dramas spielt im Theatersaal des Gefängnisses. Der Tag der Premiere ist gekommen. Die Gäste von außen – das wahre Leben – dringen wie ein bunt fließender Strom von außen herein. Die Schauspieler sind bereit. Sie werden alles geben. Am Schluss sagt einer von ihnen: „Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis geworden.“

Muss man dem noch etwas hinzufügen? – Muss man nicht. Nur eines: toller Film!

Gaby Sikorski

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