Capote

Sein romantischer Roman „Frühstück bei Tiffany“ machte ihn unsterblich, die Arbeit am nachfolgenden Buch „Kaltblütig“ zum menschlichen Wrack. Nun steht der 1984 im Alter von 59 Jahren gestorbene amerikanische Schriftsteller Truman Capote für die Leinwand wieder auf, verkörpert durch eine herausragende darstellerische Leistung von Philip Seymour Hoffman („Magnolia“). Bennett Millers Filmporträt „Capote“ konzentriert sich dabei auf die zur Veröffentlichung von „Kaltblütig“ führenden Ereignisse und wie sie den Menschen Capote veränderten.

Webseite: www.capote.de

USA 2005
Regie: Bennett Miller
Darsteller: Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Chris Cooper, Clifton Collins, Bruce Greenwood, Bob Balaban, Amy Ryan, Mark Pellegrino
114 Minuten
Verleih: Sony Pictures (Start am 16.2.06)

PRESSESTIMMEN:

“Mit einer epochalen Leistung erweckt Philip Seymour Hoffman den legendären Literaten Truman Capote zu filmischem Leben – in einem Biopic, das sich durch Präzision, Intelligenz und Spannung als einer der besten Filme des Jahres empfiehlt.”
Blickpunkt Film

“Capote ist das faszinierende Porträt des ersten Popstars der US-Literatur. In diesem Film stimmt jede Note, sogar die Musik.”
Tagesspiegel

“Diese Biografie setzt der Film spannend, dynamisch und unaufwendig tiefgründig in Szene. Philip Seymour Hoffman hat sich dafür nicht nur die legendäre näselnd drängende Fistelstimme dieses literarischen Popstars der fünfziger und sechziger Jahre antrainiert; er verkörpert auch dessen Zynismus, Selbstmitleid, zunehmende Egomanie und Vereinsamung mit entspannter Meisterschaft. "Es gibt nur den one and only Truman Capote", lobte das Original sich selbst. Nun, die Fälschung namens Philip Seymour Hoffman müsste selbst Truman Capote gefallen.”
Tagesspiegel Berlin

FILMKRITIK:

Was kann schöner sein für einen Künstler, wenn er Erfolg hat? Truman Capote hatte ihn, als 1959 „Frühstück bei Tiffany“ herauskam. Den Aufstieg in die New Yorker High Society genoss er in vollen Zügen, ehrfürchtig hing die Ausgehgesellschaft bei Empfängen an seinen Lippen, was dem extrovertierten Schriftsteller für seine selbstverliebten Auftritte nur gelegen kam – selbst seine unverstellte homosexuelle Art, in jenen Zeiten noch absolutes Tabuthema, nahm ihm niemand übel. Als Capote im November 1959 in der New York Times von der Ermordung einer vierköpfigen Farmerfamilie in Kansas liest, wittert er eine neue Story. Capote fragt sich, wie die ländliche Bevölkerung mit diesem Akt der Gewalt umgeht, zusammen mit seiner guten Freundin Nelle Harper Lee (Catherine Keener), auch sie Schriftstellerin, bricht er zu Recherchen in die Provinz auf. Bald schon merkt er, das die Geschichte für mehr als nur eine Magazinreportage taugt. „Ich bin prädestiniert, dieses Buch zu schreiben“, überzeugt Capote seinen Verleger (Bob Balaban) – und begründet damit das neue literarische Genre des Tatsachenromans.

Sein Problem aber ist: immer wieder erhalten die beiden zum Tode verurteilten Einbrecher einen Vollstreckungsaufschub, mitunter auch, weil Capote sich dafür einsetzt. Doch ohne Ende, so glaubt Capote, kann er auch sein Buch nicht abschließen. Ein Umstand, der ihn mürbe macht und quält, ihn zu einer verbitterten, immer zurückgezogener lebenden Figur verändert, die sich mit Alkohol und Drogen tröstet und schließlich daran zugrunde geht.

Was Bennett Millers Film zu einer sehenswerten Filmbiografie macht, das ist in erster Linie die überwältigende Darstellung von Philip Seymour Hoffman („Owning Mahowny“, „Boogie Nights“, „Flawless“). Selbst so brillante Mitspieler wie Chris Cooper als dem im Mordfall ermittelnden Kriminalpolizisten oder Catherine Keener als Capotes Assistentin spielt er locker in den Hintergrund, lässt den noch so kleinsten Tick seines Protagonisten wieder lebendig werden. Von entscheidender Bedeutung ist auch die authentische kindliche Stimme des Schriftstellers, durch die sich sein zerbrechliches und sensibles Wesen offenbart.

Ein zentrales Moment in dem von Kameramann Adam Kimmel in poetisch-kühlen und ruhigen Bildern komponierten Film ist die Beziehung von Capote zu Perry Smith (Clifton Collins), einem der beiden Täter, die wegen vermeintlicher 10.000 Dollar bei den Clutters eingebrochen waren, in einem Anfall von Panik dann jedoch die gesamte Familie mit der Schrotflinte auslöschten, mit den erbeuteten 50 Dollar jedoch nicht sehr weit kamen. Capote sieht in Smith einen Wesensverwandten, fühlt, als ob sie beide im gleichen Haus aufgewachsen wären, nur dass Smith dieses zur hinteren, er, Capote, jedoch zur vorderen Türe verlassen hätte. Ob Capote Liebe empfindet, das lässt Millers auf Gerald Clarkes in 14-jähriger Recherche- und Gesprächsarbeit mit dem damals noch lebenden Truman Capote geschriebener Biografie basierende Inszenierung offen. Durchaus könnte nämlich auch der Eindruck entstehen, Capote würde die Freundschaft zu Smith ausnützen, um für seinen Roman an ein Psychogramm der Verurteilten zu kommen. So manche offensichtliche Lüge spricht durchaus für diese berechnende These, was bislang gehegte Sympathien oder Verständnis für Capotes Figur gegen Ende schwinden lässt, letztendlich aber seinen privaten Rückzug von der öffentlichen Bühne und die sich äußernde Bitterkeit erklärt. Verständlich auch, dass es vor diesem Hintergrund kein Happy-End geben wird. Die Überpräsenz Hoffmans aber ist Argument genug, sich die spannend gestalteten sechs Jahre von Truman Capotes Leben anzuschauen – sie sind ausreichend, um das, was diesen gefeierten amerikanischen Schriftsteller vor und nach den Ereignissen in Kansas ausmachte, voll und ganz zu begreifen.

Thomas Volkmann